Kundenzurückhaltung Die Lage am Bau spitzt sich zu

Experten erwarten anderthalb bis zwei schwierige Jahre im Bau und Ausbau. Die Krise könnte bald auch kleine Handwerksbetriebe erfassen. Einen Fehler sollten Unternehmen jetzt trotz aller Sorgen nicht machen.

Unternehmen aus dem SHK-Bereich müssen sich nicht so große Sorgen machen. Sie dürften auch in den kommenden Jahren genügend Aufträge haben. - © www.bild-text-ton.de

Das Handwerk muss sich auf anderthalb bis zwei schwierige Jahre am Bau einstellen. Erdrückende Energiekosten, die höchste Inflation seit 50 Jahren, knappes und teures Baumaterial machen den Betrieben zu schaffen. Der Fachkräftemangel verstärkt die Probleme.

Die Beratungsgesellschaft PwC hält eine Steigerung der Preise in der Bauwirtschaft in Höhe von mehr als 20 Prozent für realistisch. "Aufgrund der geopolitischen und weltwirtschaftlichen Entwicklungen erwarten wir in den kommenden beiden Jahren keine Entspannung der Preise in der Baubranche", schreibt PwC-Experte Harald Heim in einer vielbeachteten Analyse.

Nur noch Sanierungen

"Ich blicke mit großen Sorgen auf die kommenden Monate. Im Ausbau könnte es dramatisch werden, wenn vom Bauhauptgewerbe weniger kommt", sagt Frank Wagner, Präsident der Handwerkskammer Chemnitz und selbst Bauunternehmer. "Mit dem Angriff auf die Ukraine gab es eine richtige Vollbremsung", pflichtet ihm Stefan Füll bei, Malermeister und Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden. "Die Kunden werden zurückhaltender." Mit Folgen fürs Handwerk: Denn wenn von den großen Baufirmen nicht mehr viel kommt, leiden vor allem kleinere Betriebe, die mit den Großen zusammenarbeiten. "Dann könnten sich die Aufträge auf Sanierung reduzieren", warnt Wagner.

Das lässt sich in der Statistik ablesen. So meldete das Statistische Bundesamt für Juni einen Rückgang des Auftragseingangs im Bauhauptgewerbe im Vergleich zum Vorjahresmonat von 13,1 Prozent. "Während institutionelle Anleger ihre Projekte zu Ende bringen, stoßen die privaten Häuslebauer mit ihren Budgets zunehmend an Grenzen", so Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB). Tatsächlich ging die Zahl der Baugenehmigungen für private Einfamilienhäuser zuletzt um 17 Prozent zurück. Was nicht wundert, weil die Zinsen gestiegen sind und KfW-Förderprogramme gestrichen wurden. Die Gewerkschaft IG BAU wertet den Rückgang als "Alarmsignal". Die Immobilienwirtschaft dürfe jetzt nicht in "bequeme Lethargie" fallen, der Staat dürfe den Wohnungsbau nicht im Stich lassen, so Gewerkschaftschef Robert Feiger.

Entlastungen für den Mittelstand

"Die Kunden sind verunsichert und leider lässt sich diese Unsicherheit zur Zeit nicht auflösen", warnt auch der Chemnitzer Kammerpräsident Wagner. Im Markt sei die Auftragslage noch gut. "Gefahr besteht für den Herbst und Winter, wenn die hohen Energiepreise durchschlagen.“ Wagner forderte Entlastungen für die Mittelschicht. Experten gehen davon aus, dass etliche Unternehmen die kommenden Monate nicht überstehen werden. Handwerkspräsident Füll aus Wiesbaden sagt: "Ich glaube, dass manche Unternehmen vom Markt verschwinden werden. Nachfolge ist schwierig in Krisenzeiten." Sein Kollege Wagner teilt diese Einschätzung. "Ich will nicht schwarzmalen. Aber es wird gewaltige Veränderungen geben, wenn keine Entlastung kommt." Er befürchtet "gravierende Auswirkungen auf den ländlichen Raum": "Wenn die Betriebe einmal weg sind, dann sind sie weg."

Die Bauwirtschaft war in den vergangenen Jahren verwöhnt. Sie konnte sich vor Aufträgen kaum retten, Handwerker mussten mit langem Vorlauf verpflichtet werden. "Wir kamen von einem sehr hohen Niveau. Unsere größte Sorge war der Fachkräftemangel“, fasst Füll zusammen. Eigentumswohnungen waren verkauft, bevor auch nur der erste Bagger angerückt war; Privatleute campten vor Rathäusern, um Baugrundstücke zu ergattern. Inzwischen verkaufen sich viele Wohnungen nicht einmal mehr, obwohl sie bezugsfertig sind und Bauplätze werden zurückgegeben.

Mitarbeiter halten

Zweifellos liegen schwierige Zeiten vor den Betrieben. Dennoch gehen Unternehmer wie Stefan Füll davon aus, dass viele Handwerker versuchen werden, ihre Belegschaft zu halten. "Wenn wir die Leute heimschicken, bekommen wir sie nicht zurück." Die Betriebe müssten etwas tun, um die Leute zu halten. "Wir sind gemeinsam durch gute Zeiten gegangen und jetzt gehen wir gemeinsam durch schwierige Zeiten", sagt Füll. "Ich bleibe verhalten optimistisch, auch wenn ich die Zukunft nicht in rosaroten Farben male." Die Bevölkerung verfüge noch über viel Vermögen "und gibt es auch aus wegen der Inflation".

PwC-Bauexperte Harald Heim erwartet, dass die Krise viele Betriebe zum Umdenken veranlasst. "Auf die Planung und Konzeption sollte ein größerer Fokus gelegt werden." Im Kostencontrolling ließe sich viel lernen von anderen Industriebereichen. Heim hält modulares und serielles Bauen für eine Lösung, "also raus aus dem Manufakturbetrieb". Dadurch ließen sich Baukosten in den Griff bekommen und die Geschwindigkeit steigern.

Normalisierung der Lieferketten

Heim geht davon aus, dass die gestörten Lieferketten sich spätestens bis Mitte des Jahrzehnts wieder normalisieren. "Die Verlagerung der Lieferketten ist bereits im vollen Gange, aber das löst sich nicht in drei Monaten." Das Ziel ist für den PwC-Partner klar: Europa müsse sich ein Stück weit unabhängiger machen. In seiner Studie kommt Heim zum Ergebnis: "Wir gehen jedoch davon aus, dass viele Auftraggeber in den kommenden Jahren Nachholinvestitionen tätigen werden. Insofern rechnen wir langfristig mit einer gesteigerten Nachfrage im Bereich Gewerbe und insbesondere im Wohnungsbau."

So sind sich denn alle Experten einig, dass es spätestens ab Mitte des Jahrzehnts wieder aufwärts geht. "Wir haben nicht nur eine Energiekrise, sondern auch eine Klimakrise", sagt Heim. "Die Energiekrise wird sich lösen, kein Krieg dauert ewig. Die Klimakrise bleibt und erhalten". Er sieht energetische Ertüchtigung als "zentrales Thema". Die im Koalitionsvertrag verankerten politischen Ziele für Klimaschutz und die gesetzlichen Anforderungen an Gebäude seien wichtig und richtig – "sie werden mittelfristig jedoch ebenfalls zu einer Verteuerung künftiger Bauprojekte führen", ist Heim überzeugt. Handwerkspräsident Füll sieht das Handwerk mittelfristig in einer guten Position: "Wir gehören zu einer Branche, die am Ende profitiert. Die Energie- und Klimawende geht nur mit dem Handwerk."