Eine der Letzten ihrer Zunft Die Handschuhmacherin: Mit Fingerspitzengefühl zur Perfektion

Handschuhe von der Stange? Nicht bei Gerlinde Ballin-Huth. In ihrer Werkstatt entstehen individuelle Meisterwerke – maßgeschneidert für besondere Hände und gefertigt mit jahrzehntelanger Erfahrung.

Handschuhmachermeisterin Gerlinde Ballin-Huth prüft sorgfältig die Zugrichtung eines Lammfells – ein entscheidender Schritt, um perfekte Passform und Flexibilität zu gewährleisten.
Handschuhmachermeisterin Gerlinde Ballin-Huth prüft sorgfältig die Zugrichtung eines Lammfells – ein entscheidender Schritt, um perfekte Passform und Flexibilität zu gewährleisten. - © Lisa Köhler

Mit ihrer Würzburger Werkstatt ist Gerlinde Ballin-Huth eine der letzten Handschuhmacherinnen Deutschlands. Dabei war es fast schon Zufall, dass sie zu ihrem Beruf gefunden hat. Auch im Ruhestand fertigt sie noch Handschuhe für spezielle Hände an.

Wenn sich Gerlinde Ballin-Huth in ihre Handschuhwerkstatt begibt, hat sie keinen weiten Weg: Wohnbereich und Arbeitsplatz trennen nur einige Treppenstufen. Die Werkstatt ist ein kleiner Raum, gefüllt mit Werkzeugen, Utensilien und Zubehör. Zwischen Nähmaschinen, Scheren und Schablonen lehnt Ballin-Huth am Tisch in der Mitte des Raumes, umgeben vom markanten Duft des Leders. "Es ist ein Stehberuf", sagt sie, "das merkt man am Abend." Vor über 40 Jahren entschied sie sich für den Beruf der Handschuhmacherin — ein Handwerk, mit dem man einst gut verdienen konnte, das mit der Zeit aber immer seltener geworden ist.

Ein Familienhandwerk seit Generationen

Ihren Ursprung hat die Handschuhwerkstatt bereits im Jahr 1881. "Eigentlich bin ich da reingerutscht", sagt Ballin-Huth rückblickend. Sie begann zunächst ein Studium zur Diplompädagogin. Das Berufsbild war zur damaligen Zeit noch ganz neu, die beruflichen Möglichkeiten jedoch ungewiss. "Uns wurde empfohlen, Zusatzqualifikationen zu erwerben", erinnert sie sich. So begann sie 1982, neben dem Studium das Handwerk ihres Schwiegervaters Ferdinand Huth zu erlernen, der die Werkstatt damals leitete. Fünf Jahre später legte sie ihre Meisterprüfung zur Handschuhmacherin ab. Genau genommen gehen ihre Fähigkeiten aber sogar über den traditionellen Beruf hinaus: Während Handschuhmacher sich normalerweise auf das Zuschneiden der Handschuhe beschränken, setzen Handschuhnäherinnen die Einzelteile am Ende zusammen. Ballin-Huth selbst vereint beide Rollen.

Drei verschiedene Nähmaschinen stehen der Handwerksmeisterin zur Verfügung — für Stepp-, Lasch- oder Linksnähte. "Das Nähen ist der schwierige Teil", erklärt Ballin-Huth. Verzierungen werden zum Schluss von Hand aufgestickt. "Die ursprüngliche Idee dabei war es, Unebenheiten im Leder zu kaschieren“, verrät sie.

Schutz für verletzte Hände

Bis er 90 Jahre alt war, stand Schwiegervater Ferdinand Huth in der Werkstatt. Damals spezialisierte er sich auf Handschuhe für Kriegsverletzte. Auch Ballin-Huth fertigt überwiegend orthopädische Handschuhe an. "Handschuhe für spezielle Hände" – so beschreibt Ballin-Huth ihr Angebot auf ihrer Internetseite. Die meisten ihrer Kunden arbeiten in der Landwirtschaft, im Bauwesen oder mit Holz – Branchen, in denen Verletzungen an den Händen nicht unüblich sind. Sowohl bei Quetschungen als auch bei fehlenden Fingern kann die 67-Jährige helfen. "Die verletzten Stellen sind empfindlicher, weil die Nervenenden frei liegen", erklärt Ballin-Huth. Das kann vor allem bei Kälte ein Problem sein. Daher benötigen ihre Kunden oft nicht nur individuell angefertigte Handschuhe für die Arbeit, sondern auch für den Alltag.

Die Arbeit beginnt stets mit dem Vermessen der Hände. Dafür zeichnet Ballin-Huth auf ein Blatt Papier die Umrisse der Hände ab, die Finger gespreizt. Aus der Zeichnung werden die Handbreite und -länge entnommen. Außerdem wird der Umfang um die Fingerknöchel benötigt. Gemessen wird nicht in Zentimetern, sondern in französischen Zoll, denn das Handwerk wurde von den Hugenotten verbreitet. Ein französischer Zoll entspricht etwa 2,7 Zentimetern. "Die französischen Einflüsse prägen das Handwerk bis heute", sagt Ballin-Huth. Je nachdem, ob man Rechts- oder Linkshänder ist, können die Hände unterschiedlich stark sein, daher müssen die Maße beider Seiten genommen werden.

Die Kunst der Lederwahl: Vom Tierfell zum maßgeschneiderten Handschuh

Neben den orthopädischen Anfertigungen erhält Gerlinde Ballin-Huth auch Anfragen von Privatkunden. Das sind zum Beispiel Oldtimer- oder Motorradfahrer sowie Personen, die besonders spezielle Wünsche haben. Allerdings bekommt man Handschuhe jeglicher Form und Farbe mittlerweile überall zum kleinen Preis. "So billig kann man nicht produzieren", weiß Ballin-Huth. Dadurch schrumpft das Handwerk. Und klar ist auch: "Es ist ein Saisongeschäft. Wer braucht schon Handschuhe im Sommer?" Finanziellen Druck hat die Handwerksmeisterin keinen. Sie ist bereits im Ruhestand und arbeitet nur nach Bedarf.

Je nach Anwendung des Handschuhs wird das passende Leder ausgewählt. Ziegenleder zum Beispiel ist robust und strapazierfähig und eignet sich deshalb für Motorrad- oder Arbeitshandschuhe. Das feine und geschmeidige Lammleder dagegen wird am häufigsten verwendet. Außerdem arbeitet Ballin-Huth mit Leder von Hirschen oder Rehen. Im Gegensatz zu früher wird Wildleder heute auch ungeschliffen verwendet, wenn es von Tieren stammt, die in Gehegen gehalten wurden. Am teuersten ist Wildschweinleder aus Süd- oder Mittelamerika, das Peccary-Leder. "Das fühlt sich schon besonders an", sagt sie, während sie mit den Fingern sanft darüberstreicht.

Auch wenn lediglich die Haut des Tieres verarbeitet wird, spricht man in Fachkreisen von "Fell". Im Gegensatz zu Leder für Kleidung oder Schuhe muss Handschuhleder nachgeben, also zügig sein. Um die Zugrichtung besser zu erkennen, wird das Leder vor der Verarbeitung angefeuchtet. Idealerweise entstehen zwei Handschuhe aus einem Fell. Doch anders als Stoff ist Leder ein natürliches Material. "Jedes Tier ist anders", weiß Ballin-Huth. Unebene Stellen müssen beachtet werden. Außerdem unterscheidet sich die Beschaffenheit am Kopf, an den Flanken, in der Mitte und an den Beinen des Fells hinsichtlich der Qualität. "Die Finger des Handschuhs nimmt man zum Beispiel auf keinen Fall aus dem Kopfteil", erklärt sie.

Ein seltenes Handwerk ohne Zukunft?

Jedes Paar Handschuhe, das Gerlinde Ballin-Huth anfertigt, ist individuell. Rund die Hälfte ihrer Aufträge laufen über Berufsgenossenschaften und erreichen die Handwerksmeisterin über Sanitätshäuser. An Kunden fehlt es ihr nicht: "Verletzungen passieren leider immer wieder", sagt sie. Das Problem liegt stattdessen bei den Lieferanten. Aufgrund der verschwindend geringen Zahl an Handschuhmachern besteht eine ebenso geringe Nachfrage nach Handschuhleder. "Die Kollegen sind selbst schon in ihren Achtzigern", so Ballin-Huth. Nachfolger sind nicht in Sicht: "Man ist allein auf weiter Flur und muss sich oft selbst behelfen."

Die Einzelteile des Handschuhs werden maschinell aus dem Leder gestanzt.
Die Einzelteile des Handschuhs werden maschinell aus dem Leder gestanzt. - © Lisa Köhler

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.