Martin Mößlein übt ein Handwerk aus, das nur noch wenige kennen. Beim sogenannten Wippdrechseln wird das Werkstück mit reiner Körperkraft gedreht. Durchaus anstrengend. Und gar nicht so leicht zu erlernen.

Mitten in einem Dorf, umringt von Wald, in dem die Straße, die hineinführt, auch die einzige ist, die wieder herausführt, lebt Martin Mößlein. Handthal heißt der Ort. Dort hat der gelernte Schreiner und Holzbildhauer seine Werkstatt. Neben einem mit Holz verkleidetem alten Haus, sitzt auf kleinen Betonpfeilern ein rechteckiger Holzkasten mit Fenstern unter dem Flachdach, durch die man nur einige Bretter und Holzstaub sieht.
Hier in dem beschaulichen Ort in dem nur 120 Leute leben, hat Martin Mößlein seine Begeisterung für das Wippdrechseln entdeckt. 2017 bei den jährlich stattfindenden "Waldtagen" in dem kleinen Örtchen gibt es auch einen Stand mit einer Wippdrechselbank. "Mein Sohn wollte das einfach mal ausprobieren und ich habe es dann auch mal versucht und gemerkt: ey das macht ja echt ziemlich Spaß!". Noch im selben Jahr baut er sich seine erste eigene Drechselbank.
Wippdrechseln: Alte Drechselmethode aus England
Dann vergeht allerdings viel Zeit der Recherche und des Ausprobierens, bis der Holzbildhauer es schaffte, Resultate zu erzielen, die ihn zufrieden stellten. Das lag vor allem zu Beginn daran, dass es nur wenige Anknüpfungspunkte zu dieser alten Drechselmethode aus England gab. "Ich habe niemanden gekannt, der das macht und es gab im ganzen deutschsprachigen Raum zu der Zeit eigentlich nichts, auch nicht im Internet. Nur die spärlichen Videos aus England, die habe ich mir alle angeschaut. Also die habe ich quasi inhaliert."
Während er zeigt, wie so eine Schüssel an seiner Wippdrechselbank entsteht, erzählt er von den Anfängen und den Schwierigkeiten, wie es ist ein Handwerk zu erlernen, über das es so wenige Informationen gibt. Anders als bei vielen anderen selten gewordene Handwerken hatte diese Art zu Drechseln zu der Zeit, als Martin Mößlein seine ersten Schnitte im Wippdrechseln machte, keine offiziellen Anlaufstellen. Daher musste der Holzbildhauer praktisch bei null anfangen. Exemplarisch dafür, war die Suche nach geeigneten Werkzeugen zu dieser Art der Holzbearbeitung. "Du fängst halt an und hast keine Werkzeuge", stellt er fest und fährt dabei mit einem kratzenden Geräusch am drehenden Holz entlang, um es zu formen.
Start mit dem Wippdrechseln: Werkzeuge und Drechselbank bauen
Nachdem er Hakeneisen aus England bestellte und feststellte, dass diese nicht seinen Vorstellungen entsprachen, ging er zum örtlichen Schmied, um sich die Werkzeuge nach seinen Vorstellungen machen zu lassen. Aber: "Das war auch nicht so das Wahre. Aber damit konnte ich dann schon ein bisschen was machen." Immer noch dreht sich das Holz, aus dem hier eine Schüssel entstehen soll, vor und zurück. Schnell gleitet das Messer, über die Oberfläche und schneidet längliche Späne ab. "So richtig der Durchbruch kam, als ich mir meine eigene kleine Schmiedeesse gebaut habe. Und da bin ich dann eigentlich so richtig eingestiegen, weil dann konnte ich meine eigenen Werkzeuge herstellen und das ist das A und O."

Auch die Drechselbank, die inzwischen vollkommen umringt von den herabfallenden Spänen ist, hat sich Martin Mößlein selbst gebaut. Sie besteht aus zwei Aufhängungen, an denen Fahrradschläuche als Gummiseile befestigt sind. Diese sind über ein Seil mit einem Fußpedal verbunden. Das Werkstück wird zwischen zwei Dornen eingespannt, wobei das Seil um einen Dorn gewickelt ist. Durch das Treten des Pedals wird eine Auf- und Abbewegung erzeugt, die das Werkstück rotieren lässt. Martin schätzt die Einfachheit dieses Mechanismus: "Das Besondere ist, dass man alles mit dem eigenen Körper macht. Es gibt keine laute oder gefährliche Maschine. Man treibt mit dem Fuß an und drechselt mit dem Arm - das finde ich faszinierend." Wie ein Workout sieht er die Arbeit an der Drechselbank, "und damit hält man sich ein Stück weit auch fit."
Werkstücke des Wippdrechselns: Schüsseln aus Holz
Während Martin von seinen Anfängen und der Suche nach den Werkzeugen und dem Bau seiner eigenen Schmiede erzählt, entsteht nach und nach eine Schüssel. Und es erschließt sich beim Zuschauen von selbst, warum es "Wippdrechseln" heißt, sieht man das Auf und Ab des Pedals mit dem das Werkstück in Schwung gebracht wird. Dabei kann immer nur bei der Abwärtsbewegung, wenn man Druck mit dem Fuß auf das Pedal gibt, das Werkstück bearbeitet werden. Dreht sich das Holz zurück, muss man absetzten und warten, bis es wieder in der Ausgangsposition ist.
Trotz dieser Besonderheit ist Martin von dieser Art der Holzbearbeitung überzeugt. "Wenn man erst mal in dem Rhythmus drinnen ist, dann geht das ziemlich schnell. Ich bin wahrscheinlich kaum langsamer, wenn ich eine normale Schüssel drehe, wie einer, der eine Maschine hat."
Holzbildhauer, Schreiner und Imker: Mehrere Standbeine neben der alten Kulturtechnik
Aufwändig ist diese Art Schüsseln und Dosen herzustellen aber dennoch. Auch, weil Martin Mößlein alles bis ins letzte Detail selber macht. So legt er Schüsseln, die als Müslischalen verkauft werden, in heißes Bienenwachs, um sie zu imprägnieren und verwendet dafür Wachs seiner eigenen Bienenvölker.
Deshalb sind das Wippdrechseln und der Verkauf der Schüsseln, auf Märkten und im eigenen Onlineshop nicht das einzige Standbein des Holzbildhauers und Schreiners. Über den Verkauf der Schüsseln, sagt er: "Wenn ich nicht aktiv in die Vermarktung gehe, passiert da relativ wenig, weil das niemand kennt. Aber da ich eben noch die Massivholzschreinerei habe, geht das schon." Dieses andere Standbein hat er, seit er sich 1997 selbständig gemacht hat, um wie er sagt "wirtschaftlich voranzukommen".
Das Holz für seine Möbel und Schüsseln nimmt der Schreiner und Holzbildhauer dabei ausschließlich aus der Region. "In den letzten Jahren ist es eigentlich im Prinzip Holz, das ich in einem fußläufigen Umkreis von meiner Werkstatt aufgespürt habe. Ich weiß bei den meisten Sachen, wo sie als Baum früher gestanden haben." Und so umgibt der Wald wie eine natürliche Holzschüssel das kleine, im Tal gelegene Dorf, in dem eine alte Kulturtechnik wieder zum Leben erweckt wurde.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.