Interview "Die 4-Tage-Woche war eine Schnapsidee"

Weniger Stunden, voller Lohnausgleich: Der Thüringer Unternehmer Rocco Funke hat vor zwei Jahren in seinem Leckortungs- und Bautrocknungsunternehmen die Vier-Tage-Woche eingeführt. Im Interview berichtet Funke, wie sich diese Entscheidung auf seinen Betrieb ausgewirkt hat.

Der Thüringer Unternehmer Rocco Funke hat mit Erfolg vor zwei Jahren die Vier-Tage-Woche in seinem Leckortungs- und Bautrocknungsbetrieb eingeführt. - © Weckner media + print GmbH/Sarah Bauer

Im Oktober 2023 feiert Rocco Funke 25 Jahre Selbstständigkeit. Der Hundshagener Diplomingenieur hat in seinem Unternehmen im Juni 2021 die Vier-Tage-Woche eingeführt. Kunden, Mitarbeiter und Funke selbst haben bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Die Umstellung hin zur Vier-Tage-Woche war mit einigem Aufwand verbunden. Im Interview erzählt der Unternehmer, wie er gemeinsam mit seinem Team die Veränderung gemeistert hat. 

4-Tage-Woche: 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich

Wie sind Sie auf die Idee gekommen die Vier-Tage-Woche einzuführen?

Rocco Funke: Das war eine Schnapsidee. An einem Tag waren meine Mitarbeiter nach fünf Stunden auf der Baustelle fertig. Ursprünglich hatte ich für den Auftrag 1,5 Arbeitstage eingeplant. Ich gab ihnen frei und besorgte Familienkarten für das Schwimmbad. Nach dem verlängerten Wochenende wünschte mein Team sich, dass das jede Woche möglich ist. Zudem hat sich mein eigener Fokus durch meinen jüngsten Sohn verändert. Im Krankenhaus versprach ich ihm, als er auf meiner Brust lag, dass ich als Vater immer für ihn da sein werde. Ich durfte leider bei vielen älteren Kollegen mitansehen, wie sie mit Mitte 60 schon zu Grabe getragen wurden. Das wollte ich für meine Familie nicht.

Wie genau ist bei Ihnen die Vier-Tage-Woche gestaltet?

Meine Arbeiter arbeiten 32 Stunden die Woche bei vollem Lohnausgleich. Wenn es am Wochenende Einsatznotfälle gibt, dann finden sich immer Angestellte. Sie bekommen die verlorene Freizeit, wenn möglich in der Woche darauf ausgeglichen. Eine Vier-Tage-Woche bei 40 Stunden halte ich nicht für familienfreundlich. Da wird die Arbeitszeit nur verlagert.

Welche Veränderungen haben Sie bemerkt?

Seitdem wir die Vier-Tage-Woche etabliert haben, gab es keine Krankschreibungen mehr. Unwirtschaftliche Arbeitsschritte wurden optimiert sowie das Zeitmanagement verbessert. Mittlerweile haben wir fast 50 Prozent mehr Umsatz bei 20 Prozent weniger Arbeitszeit. Die Mitarbeiter haben dadurch bisher einige Lohnerhöhungen bekommen können. Nachteile haben wir bisher nicht bemerkt. Mir ist aber bewusst, dass das Konzept der Vier-Tage-Woche individuell auf die Unternehmen abgestimmt werden muss. Die Optimierungsprozesse sind schließlich in jedem Betrieb anders.

Was hat sich persönlich bei Ihnen verändert?

Ich bekam am Anfang viele Zuschriften mit Beschimpfungen von anderen Unternehmern. Mittlerweile sind sie weniger geworden. Für mich selbst gibt es keine Vier-Tage-Woche. Ich arbeite noch freitags und nutze den Tag, um den Betrieb und mich als Chef weiter zu optimieren. Meine Mitarbeiter geben mir regelmäßig Feedback. Es gab dabei Nächte, in denen ich wach lag und mir die Tränen liefen. Mir wurde bewusst, dass ich einiges falsch gemacht hatte. Ich habe in der Zeit viel über mich als Chef gelernt. Als Chef sollte man sich den Spiegel selbst vorhalten können. Das muss man dann aushalten. Durch den Optimierungsprozess haben meine Mitarbeiter aus mir eine Führungskraft gemacht.

Wie genau sah der Optimierungsprozess aus?

Wir haben keine Raketenwissenschaft daraus gemacht und uns nur gesagt, dass es keine Tabus geben darf. Nicht nur Arbeitsläufe haben wir optimiert, sondern auch an uns selbst gearbeitet. In den vergangenen zwei Jahren hatten wir 30 bis 40 Tage, die wir nur für Schulungen genutzt haben. Regelmäßige Weiterbildungen sind uns sehr wichtig. Ich habe begonnen, meine Mitarbeiter als Fachkräfte zu verstehen. Mitarbeiter sollten dazu befähigt werden mitzudenken. Wenn sie das dann tun, darf man als Chef nicht sagen "Haltet den Mund". Aus Vorstellungsgesprächen weiß ich, dass Mitarbeiter oft ihrem Chef kündigen, aber nicht dem Beruf. Die Arbeits- und Ablaufprozesse wurden ebenfalls auf den Prüfstand gestellt. Das Lager wurde zum Beispiel dahingehend optimiert, dass es nicht mehr aufgeräumt werden muss. Es wurden viele Dinge digitalisiert. Für die Buchhaltung haben wir zum Beispiel jemanden, der aus Tirol arbeitet.

Würden Sie sich als einen unkonventionellen Chef bezeichnen, der gerne neue Idee ausprobiert?

Ja, wenn mir Ideen in den Sinn kommen, dann spreche ich sie an und wir versuchen sie gegebenenfalls umzusetzen. In meinem Betrieb gibt es zum Beispiel die Emoji-Tage. Das sind vier Tage pro Jahr, bei denen meine Mitarbeiter entscheiden dürfen, nicht zur Arbeit zu erscheinen. Aus welchen Gründen ist egal.

Welche Idee möchten Sie demnächst umsetzen?

Für nächstes Jahr steht auf meiner Agenda, den Beruf des Leckageortners- und Bautrockners als Ausbildungsberuf zu etablieren. Dafür muss ein Rahmenlehrplan ausgearbeitet werden, der von den entsprechenden Institutionen abgesegnet werden muss.