Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus. Damit es auch in Zukunft genauso viele Erwerbstätige auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt wie jetzt, braucht es jährlich 400.000 ausländische Arbeitskräfte, hat das IAB errechnet. Lassen sich die Lücken am Arbeitsmarkt noch "durch eigene Kraft" schließen?
Schon jetzt leiden viele Branchen in Deutschland unter einem hohen Fachkräftemangel. Künftig könnte sich das Problem weiter verschärfen, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) zeigt. Aktuell gibt es rund 47,7 Millionen Erwerbstätige in Deutschland. Aufgrund des demografischen Wandels wird diese Zahl aber zwischen 2020 und 2035 voraussichtlich um 7,2 Millionen und bis 2060 noch einmal um 8,9 Millionen Arbeitskräfte sinken. Die Forscher haben errechnet, dass das Angebot an Arbeitskräften in Deutschland trotz steigender Rentenzahlen nur konstant gehalten werden kann, wenn jährlich 400.000 ausländische Arbeitskräfte zuwandern.
Trend lässt sich lediglich abschwächen
Wie die Forscher weiter feststellten, kann dem Trend beim sogenannten Erwerbspersonenpotenzial nur wenig entgegengesetzt werden. Maßnahmen, wie eine bessere Integration ausländischer Frauen in den Arbeitsmarkt und insgesamt steigende Erwerbsbeteiligungen von Frauen und Älteren könnten den Rückgang nur leicht abschwächen. So ließen sich bis 2035 zusätzliche Potenziale von 3,4 Millionen Erwerbspersonen aktivieren, so die IAB-Forscherin Brigitte Weber.
Ein Problem ist aber, dass die Zuwanderung laut der Forscher in den nächsten Jahren abnimmt: "Bleiben die Wanderungsströme so bestehen, wie sie über einen längeren Zeitraum vor der Pandemie zu beobachten waren, nimmt das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 um sechs Prozent ab, der Rückgang bis 2060 beträgt aber beinahe 20 Prozent", erklärt IAB-Forscher Johann Fuchs.
Dieses Szenario bewerten die Forscher als durchaus realistisch. Ein wesentlicher Grund dafür sei unter anderem das sinkende Wanderungspotenzial aus den Hauptherkunftsländern der EU-Zuwanderung. Denn auch dort wirke der demografischen Wandel. Außerdem steige bei höheren Zuzügen die Zahl der in Deutschland lebenden ausländischen Bevölkerung und damit deren Fortzüge.
"Fakt ist: Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus"
Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, hatte sich bereits Ende August 2021 in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zu diesem Thema geäußert. Auch er sagte, Deutschland brauche 400.000 Zuwanderer pro Jahr. "Aber mir geht es hier nicht um Asyl, sondern um gezielte Zuwanderung für die Lücken am Arbeitsmarkt", sagte Scheele."Von der Pflege über Klimatechniker bis zu Logistikern und Akademikerinnen: Es werden überall Fachkräfte fehlen." Zu möglichen Widerständen gegen Migration sagte er: "Man kann sich hinstellen und sagen: Wir möchten keine Ausländer. Aber das funktioniert nicht."
"Fakt ist: Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus", so Scheele. Durch die demografische Entwicklung nehme die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte im typischen Berufsalter bereits in diesem Jahr um fast 150.000 ab. Deutschland könne das Problem nur lösen, indem es Ungelernte und Menschen mit wegfallenden Jobs qualifiziert, Arbeitnehmerinnen mit unfreiwilliger Teilzeit länger arbeiten lässt – und vor allem, indem es Zuwanderer ins Land hole. Das müsse die neue Bundesregierung alles anpacken.
Die Corona-Krise hat das Problem zu geringer Zuwanderung von Fachkräften noch verschärft. So ist im vergangenen Jahr die Zahl der Neuanträge auf Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse bei den deutschen Behörden um drei Prozent auf 42.000 gesunken, wie aus einer Statistik des Statistische Bundesamt hervorgeht. ew/mit Inhalten der dpa
>>> Die vollständige Studie des IAB können Interessierte hier nachlesen (PDF): IAB-Kurzbericht 25/2021
