Kambodscha ist auf dem Weg in eine neue Zeit – auch dank des Handwerks. Deutsche Organisationen kümmern sich um die Ausbildung Jugendlicher vor Ort.
Daniel Röper

"The killing fields", das war einst das Synonym für Kambodscha, für ein Land, das die Roten Khmer an den Rand des Ruins und in die Isolation trieben. Die Roten Khmer unter ihrem Führer Pol Pot brachten zwischen 1975 und 1979 hunderttausende Menschen bestialisch um.
Mittlerweile hat sich Kambodscha politisch konsolidiert und ist international anerkannt. Inzwischen sind auch die Touristen wieder auf das Land aufmerksam geworden. Mit einem Touristen-Magnet, der seinesgleichen sucht: Die Tempelanlagen von Angkor nördlich des "Tonle Sap"-Sees.
Arbeiten in Angkor Wat
Auf einer künstlich angelegten Insel thront Angkor Wat. Es ist das größte sakrale Bauwerk der Welt und strahlt von weitem Ruhe und Souveränität aus. Touristen um Touristen strömen dem Eingang entgegen, wissend, dass sie sich auf dem Tempelgelände nahezu ungestört bewegen können. Nahezu ungestört, denn einige Bereiche sind verschlossen, und bevor man sieht warum, hört man es schon: Hämmern und Klopfen, die Begleitmusik der Restauratoren.
Nach der Anerkennung von Angkor als Weltkulturerbe durch die UNESCO im Jahre 1992 wurde das "International Coordinating Committee for the Safeguarding and Development of the Historic Site of Angkor" gegründet mit dem Ziel, das Engagement verschiedener Länder, darunter auch Deutschland, für den Erhalt von Angkor zu koordinieren. So restauriert ein Team der Fachhochschule Köln, Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft, die Sandstein-Reliefs an dem Tempel aus dem 12. Jahrhundert. Eine Komponente dieses Projekts ist die Ausbildung einheimischer Fachkräfte im Bereich der Steinrestaurierung.
Der Kopf des German Apsara Conservation Projects, der deutschen Expertengruppe, ist Prof. Dr. Hans Leisen. Er sieht in der Ausbildung den Schlüssel für den Erhalt der Tempelanlagen. "Wir haben 1995 bei null angefangen. Es gab keine ausgebildeten Steinmetze, keine richtigen Handwerker, niemanden, der etwas von Konservierung verstanden hätte. Deshalb haben wir gleich mit der Ausbildung kambodschanischer Fachkräfte begonnen, direkt an den Tempeln, auf den Gerüsten."
Die Tempelanlagen von Angkor ziehen sich durch eine Region von rund 400 Quadratkilometern. Der Bereich um die Provinzhauptstadt Siem Reap ist aber das mit Abstand touristisch besterschlossene Gebiet. Angkor Wat und Angkor Thom sind die größten und bekanntesten Tempel.

Geplant war Angkor Wat als Grabmal für seinen Errichter, König Suryavarman II., der im 12. Jahrhundert lebte. In fast 40 Jahren Bauzeit wurde diese Nachbildung des Universums, wie die Mythologie des Hinduismus aussagt, gebaut. Rund 20.000 Menschen lebten innerhalb Angkor Wats. Neben Angkor Wat sind der Bayon-Tempel, von dem rund 200 steinerne Gesichter auf die Besucher blicken, und der Ta Prohm Anziehungsmagneten.
Es scheint den Restauratoren bei so vielen Baustellen an Zeit zu fehlen. Leisen gibt sich zuversichtlich: "Angkor ist Weltkulturerbe aufgrund seiner Vielfalt. Deshalb müssen die Tempel erhalten werden und deshalb engagieren sich dort so viele internationale Teams."
Kunsthandwerk in Kambodscha
Die Restaurierung der unzähligen Tempelanlagen ist die eine handwerkliche Seite Kambodschas. Die andere sind filigrane Kunsthandwerker: Steinmetze, Weberinnen, Lederverarbeiter, Töpfer, Silberschmiede oder Holzschnitzer.
Eines der Vorzeigeprojekte ist die "Cambodian Craft Cooperation", die 1997 gegründet wurde. Sie unterstützt kleine Betriebe, gerade aus dem Bereich der Seidenweberei. 13 Handwerkszentren kümmern sich um die Angelegenheiten des Handwerks in Kambodscha. Die "Cambodian Craft Cooperation" war dann auch Gründungsmitglied der ersten rechtlich verankerten Kammer für mittelständische Unternehmen, der "Chamber of Professionals and Micro Enterprises" (CPM).
Die Handwerkskammer Koblenz hat das Projekt von 1997 und 2009 unterstützt, vor allem was die Ausbildung, die technische Ausrüstung und das Marketing der Kunsthandwerke anbelangt. "Es waren zwei Säulen, auf die sich unsere Arbeit gegründet hat: Zum einen wollten wir eine Selbstverwaltungs-Organisation des Handwerks fördern. Zum anderen haben wir in vielen kleineren Projekten das Handwerk unterstützt, einen Technologietransfer eingeleitet und Multiplikatoren so geschult, dass sie ihr Wissen gezielt weitergeben können", sagt Peter Rechmann, Projektkoordinator Asien, Afrika und Moldau der Handwerkskammer Koblenz.
Handwerk als große Chance
Ein weiterer Pfeiler der Handwerkerausbildung sind die vielen kleinen Nicht-Regierungs-Organisationen, die in unzähligen Projekten benachteiligte Kinder und Jugendliche fördern und fordern. Wie die "Little Angels", die gegenüber des Tempels Preah Ko wirken. Schüler von fünf bis 25 Jahren gehen hier zur Schule, werden in Englisch unterrichtet und erlernen einen handwerklichen Beruf. "Das ist für manche hart, aber eine Chance für das ganze Leben", versichert der Lehrer.
Haben sich die Jungs vorwiegend auf die Arbeit mit Holz, Stein und Leder festgelegt, bleibt den Mädchen die typische Seidenweberei. "Es macht nicht immer Spaß", erzählt eine der jungen Weberinnen in wirklich gutem Englisch, "aber ich möchte später einen Beruf ausüben können." 80 Kinder und Jugendliche leben als "Little Angels", 50 von ihnen sind Waisen, bei 30 ist die Familie zu arm für eine Ausbildung.
Damit ist das Handwerk Garant dafür, dass das durch die Roten Khmer und Bürgerkrieg so geschundene Land Anschluss findet an Thailand und andere asiatische Länder und den Menschen eine Lebensperspektive bietet.