Maßschneiderin Patricia Honold fertigt historische Gewänder für das Mindelheimer Frundsbergfest. Dafür muss dann alles andere erst einmal liegen bleiben.
Barbara Oberst
Auf dem Kleiderständer haben sich die Jahrhunderte versammelt. Der Ärmel eines Renaissancekleids spitzt hervor, goldfarben, schmal geschnitten, verziert mit kunstvollen Ornamenten. Weiter vorn auf dem Ständer hängt ein weich fallendes, schwarzes Ballkleid, auf den zarten Trägern und im Rücken mit glitzernden Steinen. Einen Meter entfernt vom 15. und 21. Jahrhundert eine weitere Welt: Ornate für die Erzabtei St. Ottilien hängen dort, aus schweren, edlen Stoffen. Zwischen den Ausnahmestücken hängt Alltäglicheres: Oberteile, Hosen, auch Trachten, an denen noch letzte Handgriffe nötig sind.
Alles andere muss erstmal warten
Doch das muss warten. Das Mindelheimer Frundsbergfest steht vor der Tür, ein Großereignis, das die Einheimischen der unterallgäuerischen Kleinstadt alle drei Jahre in ein regelrechtes Fieber stürzt. Maßschneiderin Patricia Honold ist gebürtige Mindelheimerin. "Ich mache schon seit ich ein Kind war beim Frundsbergfest mit", erzählt die 38-Jährige. Nicht nur als Teilnehmerin zog sie als Kind beim Festumzug mit, vielmehr half sie im Modeatelier ihrer Mutter Tilly Schmidt schon von klein auf beim Schneidern der Gewänder.
Jahre später ist Honold eine vielfach ausgezeichnete Schneidermeisterin mit eigenem Atelier in Schlingen bei Bad Wörishofen. Und sie ist eine feste Größe, wenn es darum geht, besonders anspruchsvolle Gewänder für das Frundsbergfest zu fertigen. "Dieses Jahr mache ich die Gewänder für drei Personen: für Ulrich II. von Teck, seine Frau Anna von Polen und für den Gründervater von Mindelheim, Schwigger II. von Mindelberg", erklärt Honold. Bisher waren diese drei beim Fest nicht vertreten, weil sie lange vor der Zeit Georgs von Frundsberg lebten. "Die Tecks und der Mindelberger sind aber für die Gründungsgeschichte von Mindelheim ganz wichtig", meint Katja Jung vom Frundsbergfestring. Dieses Jahr sollen diese Personen eine zentralere Rolle spielen.
"Es gibt keinen fertigen Burda-Schnitt."
Die Zeit drängt, bis zum Fest sind es nur noch wenige Tage und Honold konnte erst spät mit den Arbeiten anfangen – der Auftrag kam verzögert, das Material musste erst noch bestellt werden: "Dieser Stoff hier ist eine Spezialanfertigung, es gibt nur noch wenige Webereien in Deutschland, die so etwas können", sagt Honold und zeigt das aufwändige Muster von Ananas, Granatapfel und Ornamenten in dem roten Gewebe. "150 Euro kostet ein Meter hiervon. Da nutzt man jeden Zentimeter."
Die historische Arbeit ist auf mehreren Ebenen schwierig. "Es gibt keinen fertigen Burda-Schnitt für so etwas", spitzt Honold zu. Historische Malereien, Grabmäler oder Statuen dienen als Vorlage. Der Kulturamtsleiter der Stadt Mindelheim beschafft diese, bespricht sie mit der Maßschneiderin und empfiehlt, welche Stoffe passen. Dann muss Honold ihr Können beweisen, zeichnet anhand der historischen Vorgaben Schnitte und schneidet die kostbaren Tücher zu.
Was so ein Kleid kosten kann, lesen Sie auf der nächsten Seite.
Trotz aller Genauigkeit ist Patricia Honold für Kompromisse zu haben. "Die Kleider müssen historisch korrekt aussehen – aber ich verwende durchaus moderne Hilfsmittel", erklärt sie und zeigt das halbfertige Kleid einer Marketenderin: "Hier habe ich zum Beispiel Kunstveloursleder verwendet. Das ist leichter als Echtleder, lässt sich waschen und färbt nicht aus, wenn es nass wird." Optisch gibt es keinen Unterschied und die Kundin ist froh über den günstigeren Preis.
Bis zu 60 Stunden für Kleid und Mantel
Viel Geld lassen sich die Mindelheimer ihr Fest kosten. Für das edle Renaissance-Kleid verlangt Honold rund 2.000 Euro von der privaten Auftraggeberin, die Hälfte davon sind Materialkosten. Wie viel der offizielle Auftrag des Frundsbergfestrings einbringen wird, ist noch gar nicht klar. Allein am Kleid und dem Mantel der Anna von Polen arbeiten Honold und ihre Gesellin 40 bis 60 Stunden. Ulrich II. von Teck bekommt nicht nur ein Ausgehgewand, sondern wird auch eine Rüstung tragen. Hierunter braucht er einen Gambeson, ein dick wattiertes Oberteil, das seinen Körper vor dem Gewicht der Rüstung schützt. Dazu kommen ein Prachtgürtel, ein mit Hermelin überzogener Hut und ein großer Mantel.
Ihr Gefühlsleben während der heißen Phase vor dem Fest beschreibt Honold mit einem Grinsen: "Am Anfang mache ich die Arbeit mit den historischen Kleidern unheimlich gern. Gegen Ende nervt es. Aber nach drei Jahren habe ich wieder richtig Lust darauf." Und wenn das Fest vorbei ist, kann endlich wieder der normale Alltag beginnen: das Schneidern exklusiver Damen-, Herren- und Kindermode – und mehr Ruhe für ihre knapp 9 und 1 Jahre alten Söhne.
Mehr Informationen über Patricia Honold gibt es unter ready-to-wear.de .