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Kommentar Der Wirtschaft mehr zutrauen

Der Lockdown macht vielen Unternehmern zu schaffen. Nach der Corona-Krise bietet sich die Chance, das Verhältnis zwischen Staat und Privatwirtschaft neu zu bestimmen.

Corona belastet uns nun schon ein Jahr lang. Anders als es anfangs schien, schlägt Deutschland sich nicht sonderlich gut in dieser Krise. Gleichwohl scheint die Hälfte der Bevölkerung noch zufrieden. Denn im Prinzip entspricht die Politik des strengen und zugleich fürsorglichen Staates der Grundkonditionierung vieler Landsleute: Der Staat muss, nicht ich.

Grund genug einmal in Erinnerung zu rufen, was Wirtschaftspolitik in Deutschland früher auszeichnete: Subsidiarität. Selbstverantwortung so lange wie möglich, Solidarität der Gesellschaft dann, wenn nötig. Stattdessen greift allenthalben eine Regulierungswut um sich. Der mündige Verbraucher steht unter Verdacht, der Staat ist zur Amme geworden. Beständig weitet der Staat in der Corona-Krise seinen Aktionsradius aus – ohne es besser zu können als die Unternehmen.

Misslungene Impfstoffbeschaffung

Corona zumindest liefert keinen stichhaltigen Beleg für die Überlegenheit staatlichen Krisenmanagements. Die völlig misslungene Impftstoffbeschaffung ist ein Kapitel für sich. Die Corona-App erweist sich als weitgehend nutzlos. Die Gesundheitsämter sind überfordert. Ein Staat, dem selbst die Verteilung von FFP2-Masken nicht recht gelingen mag, ist in einer schlechten Position, den Unternehmen Ratschläge zu erteilen. "Das Image von den ultraeffizienten Deutschen, die immer eine Lösung finden, geht vor den Augen der Welt verloren“, stellte die "Zeit" lakonisch fest. "Wie klein muss eine Corona-Aufgabe sein, damit Deutschland sie meistert? ", fragte die "Welt" spöttisch.

Während Schulen den Sommer ungenutzt verstreichen ließen und Behörden die überfällige Digitalisierung verschliefen, hatten viele Unternehmen längst Fakten geschaffen. Sie schickten Mitarbeiter ins Homeoffice, installierten Filteranlagen, unterwarfen sich strengen Hygienekonzepten und passten ihre Arbeitsweise veränderten Bedingungen an. Was Hotels und Restaurants, Kosmetikstudios und Friseure trotzdem nicht vor der Schießung bewahrte.

Hoffen wir, dass nach diesem Winter der Härten und Zumutungen das Schlimmste überstanden ist. Dass die Betriebe und Geschäfte wieder öffnen können. Und tatsächlich alle Menschen geimpft werden, die sich eine Impfung wünschen.

Überlastete Staatsfinanzen

Nach der Pandemie werden wir es mit beanspruchten, womöglich überlasteten Staatsfinanzen zu tun haben. Dann wird das Verhältnis von Eigenverantwortung und Solidarität im Sozialstaat neu ausbalanciert. Das wäre eine gute Gelegenheit, Unternehmern wieder mehr Freiheit zu geben und Verantwortung zu übertragen.

Dafür wäre es indes nötig, "die Wirtschaft“ nicht länger argwöhnisch zu betrachten. Unternehmen sind Partner der Politik, die eine Mitverantwortung für die Umsetzung sozialer und umweltpolitischer Ziele tragen. Das Handwerk hat hinlänglich bewiesen, was das in der Praxis heißt: bei der Integration von Flüchtlingen, der Inklusion behinderter Menschen, beim Klima- und Umweltschutz. Das Land wäre gut beraten, den Unternehmern wieder mehr Freiheit zu lassen.

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