Professor Julian Nida-Rümelin im Interview "Der Meister muss so viel wert sein wie der Master"

Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin spricht sich für mehr Gleichrangigkeit akademischer und nichtakademischer Berufe aus. Der Meister sei mindestens so viel wert wie der Master.

Frank Muck

Für Professor Julian Nida-Rümelin hat das Bildungssystem eine Schlagseite: Es gehe in erster Linie um den Erwerb von Wissen. - © Foto: Bernd Euring

DHZ: Herr Professor Nida-Rümelin, was ist so schlimm daran, wenn junge Menschen studieren wollen?

Nida-Rümelin: Erst einmal kann man sich ja freuen, dass Bildung eine so wichtige Rolle spielt. Negativ ist, dass zunehmend der Eindruck vermittelt wird: Wer nicht studiert, ist irgendwo auf dem Bildungsweg gescheitert und muss notgedrungen was anderes machen. Es gibt einen wachsenden Anteil an Studierenden, die für ein Studium gar nicht geeignet sind. Denen muss man nicht auf Teufel komm raus ein Studium ermöglichen wollen. Am besten wäre es, die würden sich gleich für eine berufliche Bildung entscheiden.

"Die Abwertung bestimmter Berufe ist Unsinn"

DHZ: Eltern und Kinder nehmen berufliche Bildung als nicht so positiv besetzt wahr. Sind berufliche Bildungswege zu schlecht verkauft?

Nida-Rümelin: Die berufliche Realität ist an den allge-meinbildenden Schulen nicht wirklich präsent. Dieser Teil des Lebens – verschieden ausgerichtete Berufe in sozialen, technischen oder gestalterischen Branchen und die vielfältigen Varianten der beruflichen Bildung – findet kaum statt. Vor allem in den Gymnasien muss ein Zugang zum Handwerklichen und Technischen gefunden werden. Die Umstellung auf Ganztagsschulen kann dafür von Nutzen sein.

DHZ: Dem Klischee entsprechend ist die Auseinandersetzung mit dem Stofflichen, Werklichen in den Haupt- und Realschulen stärker. Trotzdem sinkt die Zahl der Bewerber im Handwerk auch aus diesen Schulen. Wie erklären Sie sich das?

Nida-Rümelin: Jahrzehntelang wurde getrommelt, das der soziale Aufstieg erst in der Distanz zum Haptischen, zum Handwerklichen im weitesten Sinne, eben durch eine akademische Bildung erreichbar sei. Bis in die 90er Jahre war diese Propaganda weitgehend wirkungslos. Jetzt, vielleicht aufgrund der globalisierten Sicht auf Länder wie die USA, Südkorea oder Finnland, scheint sie zu wirken. Die Ansicht, wonach bestimmte Berufswege wie Mechatroniker im nationalen und internationalen Vergleich wenig wert sind, ist Unsinn. Diese Botschaften müssen korrigiert werden und da ist die Bildungspolitik in der Verantwortung.

DHZ: Das erfordert aber auch, dass man andere Bildungsangebote an den Schulen bereitstellt. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Nida-Rümelin: Wir haben eine doppelte Schlagseite in unserem Bildungswesen: einmal kognitiv und einmal in der Vernachlässigung des selbstständigen, reflektierten Denkens. Das heißt, es geht in erster Linie um den Erwerb von Wissen. Es fehlen große Bereiche der Bildung, die in früheren Jahrhunderten im Mittelpunkt standen. Schon bei Platon ging es um Musik und die körperliche Aktivität, aber auch Mathematik. Allein schon eine stärkere Anbindung der Schulen an Welt- und Lebenserfahrung, an Umgang mit Dingen und Menschen, an soziale Erfahrung wäre eine ganz wichtige Weichenstellung, um diese Abwertung des Stofflichen und allem, was mit Aktivität zu tun hat, entgegenzutreten. Wilhelm von Hum-boldt hat schon vor 200 Jahren gewusst, wie wichtig eine ganzheitliche Bildung ist. Er meinte, es schade einem Professor nicht, wenn er einen Tisch schreinern und einem Schreiner nicht, wenn er Alt-Griechisch könne.

"Es gibt einen Trend zur Angleichung der Lebensarbeitseinkommen"

DHZ:   Unterfordern wir die Hauptschüler, umgekehrt zu den Gymnasiasten, was das Geistige angeht?  

Nida-Rümelin: Damit Jugendliche und Kinder ihre Interessen entdecken können, muss es in der Schule entsprechende Angebote geben. Bildung braucht eine entsprechende Differenzierung über die gesamte Schullaufbahn hinweg. Die Berufswahl selbst ist dann nochmal ein zweiter Schritt. Deswegen wende ich mich auch dagegen, die Schulen welchen Typs auch immer lediglich auf Berufsoptionen auszurichten. Die Vorstellung, es ginge nur noch um Fertigkeiten, die nachher beruflich anwendbar sind, wäre gefährlich. Weil es dann nur noch um die Zurichtung für bestimmte Berufswege geht. Möglicherweise existiert der Beruf nach fünf Jahren nicht mehr und dann muss sich die Person wieder orientieren können. Dazu braucht sie Eigenständigkeit und Allgemeinbildung.

DHZ: Die Bildungspyramide siebt schwache Schüler aus und ermöglicht den Übrigen einen höheren sozialen Status und ein höheres Einkommen. Müsste man das System nicht vom Kopf auf die Füße stellen, um eine Gleichrangigkeit der Bildungswege zu erreichen?

Nida-Rümelin: Was das Einkommen angeht, sind die empirischen Befunde hoffnungsvoll. Es gibt einen Trend zur Angleichung der Lebensarbeitseinkommen von akademischen und nichtakademischen Fachkräften. Der Kern des Problems ist, dass man Bildung in erster Linie als große Selektionsmaschine sieht. Stattdessen sollte Bildung ein Angebot sein, den eigenen Weg zu finden. Wenn man merkt, dass man einen falschen Weg gegangen ist, sollte man auch wieder umkehren können. Am Ende muss stehen: Wer zum Meister vorgedrungen ist, der hat einen mindestens gleichwertigen Bildungsabschluss wie den Master.