Friseurmeister Christoph Filser aus Kempten im Allgäu ist mit viel Humor auf Instagram unterwegs. Mittlerweile hat der 37-jährige 128.000 Follower. Sehr ernsthaft wird er aber beim Thema Ausbildung.

Manchmal ist es Christoph Filser fast schon unheimlich, wie viele Leute ihn kennen und ihn ansprechen. Eine der jüngsten Begegnungen war in einem Restaurant in Stuttgart, auf Englisch: "Are you this? … Hey, that’s very cool!" Und dass mancher Kunde mehrere hundert Kilometer fährt – ein Kunde kommt aus Darmstadt in Hessen –, hätte sich der Friseurmeister mit Sicherheit nie träumen lassen. Kommt aber nicht von ungefähr.
Schalk im Nacken
128.000 Follower hat der 37-jährige bei Instagram. Das ist eine mehr als ordentliche Hausnummer. Auf seinem Kanal "bei.freunden" erzählt er Witze während des Haareschneidens und treibt allerhand Scherze mit seinen Kunden, teils in Kostümierungen, zum Beispiel als Mexikaner. Und wer Filser auf Instagram sieht und ihn dann in echt trifft, merkt gleich: Da ist nichts gekünstelt, der Typ ist authentisch und hat eben den Schalk im Nacken.
Kein Nachwuchs-Problem
Bei Freunden ist auch der Name der drei Friseursalons, die alle sehr unterschiedlich aufgemacht und eingerichtet sind und auch unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Auszubildende zu finden, ist für Christoph Filser und seine beiden Kompagnons Max und Christoph Höpfer kein Problem. Die Social-Media-Aktivitäten haben die Kemptener Salons sehr bekannt gemacht, im Allgäu und darüber hinaus. Ein neuer Azubi, der im September seine Ausbildung begonnen hat, kommt aus dem Kleinwalsertal und nimmt täglich zweimal 50 Kilometer Wegstrecke auf sich – mit einem Leichtmobil, das nur 45 km/h schnell ist.
Die Kemptener wählen unter den Bewerberinnen und Bewerbern aber auch sehr genau aus. "Wer das bei uns als eine Comedy-Veranstaltung sieht, ist definitiv falsch hier", sagt Christoph Filser. "Natürlich haben wir Spaß bei der Arbeit und das gehört definitiv dazu. Und wir pflegen ein freundschaftliches und faires Miteinander. Aber letztendlich geht es immer um die Kundinnen und Kunden. Da muss alles passen."
"Es muss wieder ehrlicher werden"
Christoph Filser sieht auch eine Fehlentwicklung bei Internetauftritten und speziell bei Social Media: "In den sozialen Medien werden oft Bilder kreiert, die nicht realistisch sind, da sie ausschließlich das Positive zeigen, Drei-Tage-Woche, schnelles leichtes Geld verdienen durch Network Marketing und so weiter. Da wird eine Welt vorgegaukelt, die im jeweiligen Unternehmen nicht der Alltag ist. Das sollte sich wieder umkehren, es muss wieder ehrlicher werden."
"Prämien sind falscher Anreiz"
Er hält auch nicht viel von Prämien oder verschiedenen Benefits, um Nachwuchs anzulocken: "Nehmen wir mal den Bereich Altenpflege. Dort werden manchmal 1.000 Euro oder auch mehr als Antrittsprämie geboten. Aber es kommt doch darauf an, ob ein Mitarbeiter Empathie hat, ob er mit Menschen gut kann. Solche Prämien sind für mich der falsche Anreiz. Die wecken die falschen Motive."
Tablets und eigenes Schulungszentrum
Ganz ohne Benefits läuft es in Kempten trotzdem nicht. Den Auszubildenden werden Tablets zur Verfügung gestellt, die sie nicht nur für Schulungszwecke, sondern auch privat nutzen dürfen. Größter Wert wird aber auf eine qualifizierte und umfassende Ausbildung gelegt. So betreiben die Kemptener Friseure in einem ehemaligen Salon auch ein eigenes Schulungszentrum und die Azubis wechseln zwischen den verschiedenen Salons, um möglichst viele Techniken kennenzulernen. Auch Außerhausschulungen in München und Stuttgart kommen dazu.
Charakter und Persönlichkeit stehen für Filser aber im Mittelpunkt. "Alles beginnt und endet mit dem Menschen. Praxis und fachliches Können sind erstmal nachrangig. Das kann jeder lernen, der auch will. Wir helfen unseren Azubis dabei, ihre Persönlichkeit zu entwickeln", sagt Christoph Filser. Auch zu diesem Zweck steigen die neuen Azubis am Anfang erstmal mit einer zweiwöchigen Schulung ein.
Herzlicher Empfang
Dicle Iscen (17) und Eva Schwend (18) sind beide im zweiten Lehrjahr und vollauf zufrieden mit ihrem Job und ihren Chefs. Dicle hat den Weg zum Friseurberuf über die Aktion "Wanted Handwerk" der Kreishandwerkerschaft Kempten gefunden. Sie wollte die Stelle vor über einem Jahr unbedingt und war ziemlich aufgeregt: "Ich dachte: Hoffentlich nehmen die mich. Und ich hatte auch Angst, dass es nicht so ist, wie es scheint. Aber schon beim ersten Gespräch war es so, als ob wir uns schon lange kennen." Dicle hält es für enorm wichtig, dass am ersten Tag der Ausbildung alle Bescheid wissen und es einen herzlichen Empfang gibt.
Tipps und Techniken
Vor allem die vielen Schulungen und die umfassende Ausbildung schätzt Dicle sehr. Eva pflichtet ihr da bei und zeigt sich auch von der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung der Handwerkskammer für Schwaben begeistert: "Die ÜLU hat mir sehr geholfen. Man lernt nochmal andere Techniken, kriegt viele Tipps und arbeitet in kleinen Gruppen. Mit meinen Kolleginnen im Kurs war es am Schluss wie mit guten Freundinnen."
In ihrem eigenen Luxus, was den Nachwuchs angeht, sieht Christoph Filser durchaus auch das Problem für andere Salons und für das Friseurhandwerk insgesamt. Sechs Azubis hat seine Firma in diesem Jahr neu eingestellt. 25 Azubis sind es insgesamt im Allgäuer Raum. "Hier leben fast 500.000 Menschen. Wenn das mit den Azubi-Zahlen so weitergeht, wer soll diesen Menschen denn dann noch die Haare schneiden?"