Die Nürnberger Firma Ochs nutzt für den Brunnenbau Glaskugeln anstatt Kies. Ein eigentlich naheliegendes und einfaches Prinzip, denn für den Betrieb der Brunnen hat es viele Vorteile.
Frank Muck

Hunderte kleine Glaskugeln rollen über den Schreibtisch von Frank Herrmann. Der Geschäftsführer der Firma Ochs Brunnenbau versucht sie für ein Foto wieder einzufangen. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellt, denn die Kugeln haben einen Durchmesser von etwa einem Millimeter. Eine Handvoll davon fühlt sich an wie ein Haufen Sand. Während der Sand jedoch als Haufen auf dem Schreibtisch liegen bliebe, sind die Glaskugeln völlig glatt und rollen ganz hervorragend über die Schreibtischoberfläche weiter auf den Fußboden und in jede Ritze.
Fest, glatt und in passender Größe
Nichts könnte die große Stärke und das technische Prinzip des Glaskugeleinsatzes besser erklären als dieser kleine Kampf mit dem Material. Für die "Entwicklung und Anwendung von Glaskugeln für den Bau moderner Wasserbrunnen" hat die Ochs Borgesellschaft den ZIM-Innovationspreis für das Handwerk bekommen. Denn Glaskugeln hatte für den Brunnenbau bis vor ein paar Jahren noch niemand benutzt. Zum Einsatz waren bisher immer nur Kies und Sand gekommen. Doch diese Werkstoffe waren alles andere als optimal.

Benutzt wird das Material zur Ringraumbefüllung. Der Ringraum ist der Raum zwischen dem Bohrloch eines Brunnens und dem über die gesamte Länge geschlitzten Filterrohr. Die Befüllung sorgt dafür, dass das Wasser möglichst ungehindert zum Filterrohr fließt und durch dessen Schlitze weiter zur Pumpe, die es in einem inneren Rohr nach oben befördert. Fließt das Wasser aus den umliegenden Grundwasserseen durch die Befüllung, bleibt der mitgeführte Boden dort hängen. Damit das Prinzip optimal funktioniert, muss die Befüllung eine größere Körnung als das umliegende Erdreich, eine hohe Festigkeit und eine möglichst glatte Oberfläche haben.
"Kies gibt es nicht mehr in ausreichender Menge und Qualität"
Kies erfüllt diese Kriterien nur bedingt. "Kies für unsere Zwecke gibt es längst nicht mehr in ausreichender Menge und Qualität", sagt Frank Herrmann. Normalerweise sollte er zu 98 Prozent aus Quarz und eine möglichst glatte Oberfläche haben. Doch die Probe, die Herrmann vorführt, ist alles andere als gut geformt. Ganz im Gegenteil. Reibt man darüber, löst sich immer etwas von der Oberfläche. Geschweige denn, dass der Kies eine glatte Oberfläche hätte.
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Während der Kies sich nach Jahren auflöst, die Filterrohre verstopft und eine Brunnensanierung nötig macht, bleibt Glas in seiner Struktur immer gleich. Glatt, fest, rund und gleich groß erfüllt es all die Bedingungen, die Kies nicht mitbringt. Die Kugeln halten außerdem Belastungen von über einer Tonne aus. Am Ende liegen die Energie- und Unterhaltskosten von Glaskugelbrunnen rund 20 Prozent unter denen von Kiesbrunnen.
Unwillkürlich fragt man sich, warum nicht jemand früher auf die Idee gekommen ist, Glas zu nehmen. Frank Herrmann erklärt es mit der Genügsamkeit der Kunden. Kiesbrunnen funktionieren ja schließlich immer noch und auch mit dem Wasser gibt es keine Probleme. Und sie sind billiger. Nachteil: Die Brunnen müssen öfter saniert werden.
Die Idee kam vom Kunden

Die Initialzündung kam bei Ochs mit einer Kundenanfrage. Ein Wasserversorger aus Nürnberg musste alle fünf bis zehn Jahre eine Brunnenreinigung durchführen lassen. Ob man nicht so etwas wie Glaskugeln benutzen könne, schlug der Kunde vor. "Warum nicht, doch woher nehmen?", fragte sich Frank Herrmann. Bis zu 50 Tonnen Füllmaterial braucht man schließlich pro Brunnen. Solche Glaskugelbestände gab es nirgendwo.
Doch Frank Herrmann entdeckte einen Hersteller von Glaskugeln für Spirituosenflaschen: Neun Millimeter Kugeldurchmesser und belastbar mit einer Tonne Gewicht. Da der Hersteller auch andere Kugelgrößen liefern konnte, hatte Herrmann seinen Lieferanten. Das Beste daran: Die Glaskugeln sind bereits steril und müssen nicht wie der Kies erst aufwendig sterilisiert werden.
Zwei bis drei Jahre weiter
Brunnenbau Ochs hat die Technik seitdem verfeinert und sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorsprung bei den Glaskugeln erarbeitet. "Wir sind zwei bis drei Jahre weiter als die anderen", sagt Frank Herrmann, zum Beispiel bei der Frage, welche Kugelgröße optimal zum Erdreich passt. 70 Prozent seiner Brunnen baut das Unternehmen mit der Glasbefüllung.
Inzwischen kommen Anfragen aus ganz Deutschland – von Wilhelmshaven bis zum Allgäu. Anfragen aus dem Ausland lehnt Herrmann ab – zu unwirtschaftlich. Maschinen- und Materialaufwand seien zu hoch. Herrmann will sich von der Nachfrage nicht unter Druck setzen lassen. "Unser Auftragsvolumen sollte nicht schneller wachsen als unsere Kompetenz", sagt er. Pro Jahr werden maximal zwei zusätzliche Leute eingestellt.
Am Ende hat Frank Herrmann fast alle Kugeln eingesammelt. Der Rest hat sich in Polsterritzen festgesetzt und auf dem Teppich unsichtbar gemacht. Manchmal sind Glas und Sand eben doch ganz ähnlich.