Sichtlichmensch: Andreas Reiner Der Fotograf, der hinter die Fassade blickt

Als Zimmerermeister ist Andreas Reiner gescheitert, nicht an seinem Handwerk, sondern unter der Last des Lebens. Aus seiner Leidensgeschichte schöpft er für seinen neuen Beruf jene Empathie, die seine Art zu fotografieren erst möglich macht.

Andreas Reiner, Sichtlichmensch
Andreas Reiner porträtiert am liebsten die Schwachen in der Gesellschaft. Er möchte zeigen, dass mehr in ihnen steckt, als es den Anschein hat. - © Lisa Lecheler/lautstark.fotografie

Von Ulrich Steudel

Die große Kunst besteht darin, ein ganzes Leben in ein Hundertfünfundzwanzigstel zu packen. Der Bruchteil einer Sekunde, mehr Zeit bleibt dem Fotografen nicht für ein Porträt mit Tiefgang. Andreas Reiner beherrscht diese Kunst. Seine Bilder bleiben im Gedächtnis. Sie zeigen Menschen, wie sie sind, nicht wie sie sein wollen. Das ist selten geworden in der Ära der Selfies. Aber passt auch Reiners eigenes Leben in ein Hundertfünfundzwanzigstel?

Diese Biografie durchlebt Scheitern und Schmerz, ist geprägt vom Kampf um Anerkennung und Respekt. Sie erzählt von einer Kindheit im begüterten Elternhaus, begleitet von emotionaler Kälte. Vom frühen Tod der Eltern, von der Zimmermannslehre und der Meisterschule. Vom eigenen Handwerksbetrieb und dessen Insolvenz, von einer zerbrochenen Ehe und von Psychiatrie. Hinter dem Fotografen, über dessen Projekte inzwischen sogar die ARD-Tagesthemen berichten, liegt ein langer Weg mit leidvollen Erfahrungen. Sie sind stilprägend für sein Schaffen.

Fotografische Handschrift wurzelt im eigenen Lebenslauf

Seine Bilder zeigen Sterbende und Trauernde, Kranke oder Menschen mit Handicap, seltener Prominente und Politiker, oftmals Leute wie du und ich. Zumeist rückt Reiner Personen in den Fokus seiner Arbeiten, die sonst nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Er schaut hin, wo die Gesellschaft wegschaut, sucht Nähe, wo andere lieber auf Distanz bleiben. Seine fotografische Handschrift wurzelt im eigenen Lebenslauf.

Andreas Reiner wächst in den frühen 1970er-Jahren als Nachzügler unter drei Geschwistern in Wangen bei Göppingen auf. Der Vater, gelernter Maschinenschlosser, führt eine Fabrik für Förder- und Steinbrechanlagen mit 150 Mitarbeitern. Finanziell geht es der Familie gut, aber der Preis für den Wohlstand in der Villa mit Swimmingpool ist hoch. „Ich habe meinen Vater oft nur von hinten gesehen. Er wollte immer für alle da sein, hatte aber wenig Zeit für die eigene Familie“, erzählt Andreas Reiner von seiner Kindheit. Und davon, dass es nicht leicht war, in Wangen ein Reiner zu sein. Dort, wo sein Vater der größte Arbeitgeber, zweiter Bürgermeister und Vorsitzender des Turnvereins war. In dieses Engagement war auch die Mutter stark eingebunden, so dass Andreas außerhalb der Familie um Anerkennung ringen musste. Er wurde zum besten Trompeter im Musikverein.

Der erste Schicksalsschlag trifft ihn im Alter von 14 Jahren. Während er mit der Kapelle von einem Auftritt aus der Schweiz zurückkehrt, stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt. Das Leben der Familie gerät plötzlich aus den Fugen. Die Firma geht pleite, die Mutter kämpft gegen die Gespenster in ihrem Kopf. Zwei Jahre später wird sie zum ersten Mal versuchen, sich umzubringen. Im letzten Moment kann ihr jüngster Sohn sie gerade noch retten. „Aber als der Krankenwagen, die Feuerwehr und die Gaffer wieder weg waren, saß ich mit meinen 16 Jahren plötzlich allein da und verstand die Welt nicht mehr“, schildert Andreas Reiner seine damalige Hilflosigkeit.

Zimmererlehre als Trotzreaktion

Die Zimmererlehre, die er zu jener Zeit absolvierte, war für ihn eher eine Trotzreaktion auf den Wunsch der Eltern, in die Metallbranche einzusteigen. „Zimmerleut sind rechte Leut“, heißt es in Schwaben. Dieser Beruf versprach Ansehen und jene Anerkennung, nach der sich Andreas Reiner von Kindesbeinen an gesehnt hatte. Aber die manisch-depressive Mutter, die unterschwelligen Verlust­ängste bleiben seine Begleiter in dieser Lebensphase.

Einen Tag vor seinem 21. Geburtstag legt seine Mutter ihm das Ge­schenk bereit – eine Levis 501, ein Kuvert mit 100 Mark und eine Karte: Alles Gute zum Geburtstag. Mehr schreibt sie nicht. Dann fährt sie zum Bahngleis. Ein weiterer Suizidversuch. Es wird der letzte sein. Erst tags darauf wird sie identifiziert – am Geburtstag ihres Sohnes Andreas.

Verlustängste im Corona-Lockdown

Mehr als drei Jahrzehnte später gelingt es Andreas Reiner, Verlust­ängste sichtbar zu machen – wie in der Fotoreportage über die um ihre Existenz bangenden Gastwirte in Oberschwaben, die im ersten Corona-Lockdown ihre Lokale schließen mussten. Die Bilder der Serie „Stille Leere“, die auch in der ARD zu sehen waren, bereichern seit kurzem das Biberacher Stadtmuseum, das sie als Dokument der Zeitgeschichte in seine Dauerausstellung aufgenommen hat.

Bundesweite Aufmerksamkeit er­regte Reiner, der sein Werk unter dem Titel „Sichtlichmensch“ gestellt hat, erstmals vor knapp zehn Jahren. Da­mals hatte er zu einem ungewöhnlichen Fotoshooting eingeladen. Unter seiner Anleitung durften sich geistig Behinderte selbst porträtieren. Es entstanden Schwarz-Weiß-Fotos von hoher Intensität. Sie konfrontieren die Betrachter mit einem Thema, vor dem sie sonst gerne die Augen verschließen. „Ich wollte zeigen, dass diese Menschen mehr draufhaben, als viele glauben“, sagt Reiner und weiß genau, wovon er spricht.

Nach Meisterschule eigener Handwerksbetrieb

Nach dem Freitod seiner Mutter stand sein Leben an einem Scheidepunkt. Schafft er den Schritt in eine bürgerliche Existenz oder lasten die Erlebnisse zu schwer auf seiner jungen Seele?

Andreas Reiner besucht die Meisterschule in Rottweil und gründet seine eigene Zimmerei. Bis zu fünf Mitarbeiter stehen bei ihm in Lohn und Brot. Er heiratet, erwartet einen Sohn. Aber der Schein trügt. Die Vergangenheit zerrt am Nervenkostüm. Reiners Ehe scheitert wie seine Firma. Er wird immer aggressiver, verliert das Dach über dem Kopf und die Kontrolle über sein Leben. Um 15 Kilo abgemagert landet er schließlich in der geschlossenen Psychiatrie am Ulmer Safranberg. Es folgen neun Monate stationäre Behandlung und die Diagnose „posttraumatische Belastungsstörung“. Die Therapeuten raten von allem ab, was an die Vergangenheit erinnert, auch von der Arbeit als Zimmermann. „Aber krieg mal einen Job, wenn du aus der Klapse kommst“, erinnert sich Reiner an die Schwierigkeiten, als Hartz-IV- Empfänger einen Neustart zu schaffen. Ihm gelingt es trotzdem.

Neustart: Mit 37 Jahren Lehrstelle als Fotograf

Nach 40 bis 50 Bewerbungen be­kommt er in Biberach eine Ausbildungsstelle als Fotograf. Die Chance, mit 37 Jahren noch einmal von vorn zu beginnen. Und schon während der Lehre wird deutlich, wie die eigene Biografie seinen Blick für die Schwachen geschärft hat.

Für eine Arbeit zum Thema „Alltagswelten“ in der Berufsschule reist Reiner nach Köln, um in einem Hospiz Sterbende zu fotografieren. Aber erst nach einer Woche zückt er die Kamera. Vorher arbeitet er mit den Pflegern, hilft den Patienten. Als diese ihn nicht mehr als Fotograf wahrnehmen, entstehen jene Bilder, für die er seine erste Auszeichnung erhält. Später wird die berühmte Porträtfotografin Herlinde Koelbl über ihn schreiben: „Die Empathie für die fotografierten Menschen ist überall spürbar. Ein Außenseiter sucht mit der Kamera die innere Welt des Anderen, Menschen, in denen er sich gespiegelt sieht.“

Eigener Stil statt klassische Hochzeitsfotografie

In Biberach eröffnet Andreas Reiner nach der Lehre sein eigenes Studio und ringt um Referenzen. Denn die klassische Hochzeitsfotografie, die Hochglanz-Lächel-Porträts sind seine Sache nicht. Er fotografiert lieber stadtbekannte Biberacher. „Das waren Leute, die jeder kennt und doch nicht kennt.“ Der bulgarische Straßenmusiker, der Müllmann, der Unternehmer. Reiner wird zum „Hausfotografen“ der Ulmer Profi-Boxerin Rola El-Halabi, die später von ihrem Stiefvater und ehemaligen Manager niedergeschossen wird. Er sagt im Prozess als Zeuge für die schwerverletzte Boxerin aus und begleitet sie bei ihrem Comeback, als sie sich ihren Weltmeistertitel zurückholt. Plötzlich reißen sich die größten deutschen Nachrichtenmagazine um seine Bilder.

Anerkennung findet Andreas Reiner bald auch in seinem Heimatort, wohin der einstige Raufbold nach 13 Jahren für eine Ausstellung zurückkehrt. Bei seiner kurzen Rede zur Vernissage in der vollen Kirche bittet er spontan um Entschuldigung. Im Rathaus darf er sich später ins Goldene Buch eintragen.

Zwischen Landleben und digitaler Welt

Aber angekommen fühlt sich Andreas Reiner noch nicht, weder im Beruf noch im Leben. Er verlässt die Stadt und zieht nach Galmutshöfen, einem 100-Seelen-Weiler der Gemeinde Warthausen. Reduziert auf das Nötigste richtet sich der Fotograf in einem bäuerlichen Dasein ein. Sein Tag beginnt im Stall. Vor neun Jahren hat Reiner sein erstes Bullenbaby mit der Flasche aufgezogen. Heute gehört Anton mit seinen riesigen Hörnern zu den Stars auf den Social-Media-Kanälen von „Sichtlichmensch“. Bei Andreas Reiner verschmelzen das tradierte Landleben und die digitale Welt zu einem Kosmos, in dem er als Fotograf seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, in dem er die Grenzen der Fotografie ausloten möchte.

Vier Jahre hat er dafür bei einem Bestatter mitgearbeitet, 1.200 Verstorbene abgeholt. Lässt sich der Tod ins rechte Licht rücken? Nein, sagt Reiner. Mit der Bildserie „So nimm denn meine Hände“ oder wenn er für eines seiner aktuellen Projekte Sargbeigaben fotografiert, versucht er sich dennoch dem Thema anzu­nähern. Und wie lässt sich Andreas Reiners Leben ins Bild setzen? Kann ein Hundertfünfundzwanzigstel dieser Biografie gerecht werden? Zurzeit arbeitet ein Filmteam an einer Dokumentation über den Fotografen. Vielleicht schaffen sie es in 90 Minuten.

Ein Hof im Weiler Galmutshöfen ist Andreas Reiners Rückzugsort, der Bulle Anton einer seiner Mitbewohner. - © Lisa Lecheler/lautstark.fotografie