Besuch beim Fotografen Auf der Jagd nach dem perfekten Bild

Mit dem Smartphone in der Hand ist heutzutage jeder Fotograf. Wie ausgebildete Fotografen zu einem Foto kommen, zeigen die Z-Studios in Wertingen.

Manuel Fröhlich

Im Fokus: Die Kamera hat das Zielobjekt fest im Blick. - © Manuel Fröhlich

Normalerweise duftet es nach frischem Apfelkuchen und intensiven Kaffee, wenn man die Z-Studios in Wertingen betritt. Wo sonst geschäftiges Treiben wie in einem kleinen Ameisenhaufen herrscht, ist nun Stille, und nur wenige Menschen verlieren sich in den Eingangsbereich des großen, keilförmigen Gebäudes. Der Lockdown hat einiges verändert hier, aber längst nicht alles. Auch heute begrüßt ein überlebensgroßes Bild an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand jeden Besucher, der das lichtdurchflutete Innere betritt. Es ist ein schwarz-weißes Bild, das einen Mann mit Glatze, Schnauzbart und Strickweste zeigt: Johann Zolleis, der Gründer des Fotostudios, stand bereits vor über 100 Jahren vor einem Spiegel und machte mit einer Kamera das, was wir heute als Spiegel-Selfie kennen.

Aus dem hinteren Teil des riesigen, frisch fertiggestellten Gebäudes kommt mit langsamen Schritten Bernadette Schober hervor, die im Unternehmen eine Ausbildung zur Werbefotografin absolvierte. Eine markante Hornbrille, vor allem aber ein breites Grinsen schmücken ihr Gesicht, das von langen braunen Haaren eingerahmt wird. Mit ihren 24 Jahren ist sie eine der jüngsten Fotografinnen der Z-Studios, und hat ihre Ausbildung zur Fotografin erst vor kurzem abgeschlossen. In ihrer rechten Hand hält sie ein wohl älteres Handy, wie man am dicken Rand erkennen kann. Lachend hält sie es nach oben und erklärt: "Wetterberichte checken… wir brauchen Sonne und blauen Himmel für das perfekte Bild!" Bei dem Blick nach draußen wird klar, dass eine dicke Wolkendecke den Himmel grau statt blau färbt. Das perfekte Bild muss noch warten.

Keine Meisterpflicht

Schober deutet mit ihren Händen durch das Gebäude. Während sie mit großen Schritten in Richtung Gebäudeinneres läuft, erzählt sie von den Problemen der Fotografie: "Vor ein paar Jahren wurde die Meisterpflicht eines Fotografen gestrichen. Heutzutage darf sich also wirklich jeder Fotograf nennen. Nur um andere Fotografen ausbilden zu können braucht man dann noch einen Meister." Ob sie einmal selbst Meisterin werden möchte, das weiß sie noch nicht sicher. Mittlerweile ist Schober an einer knallroten Tür angekommen, die weit offensteht. "Das ist unsere Feuerschutztüre, aber für mich ist es das Tor in den Fotografie-Himmel". Tritt man durch die Tür und den dahinter hängenden schwarzen Stoffvorhang, öffnet sich eine völlig andere Welt. Wo vorher durch große Fenster Licht flutete, ist jetzt einfach nur Schwärze.

Während sich die Augen noch versuchen, an die Dunkelheit zu gewöhnen, erhellt plötzlich ein kurzer Blitz den Raum und gibt den Blick frei auf das, was vorher durch die Dunkelheit verborgen war: Ein schwarzes Auto, das mit einer Kamera fotografiert wird. Beim nächsten Blitz fällt der Blick auf eine Frau, die vor dem Auto kniet, und mit ihrer Kamera für die Blitze sorgt. Ihr schulterlanges, kupferfarbenes Haar reflektiert das Blitzlicht ihrer Kamera und lässt sie in der Dunkelheit ein klein wenig leuchten. Beim nächsten Klick ist die Blitzintensität deutlich höher und das Licht dringt bis in die letzten Ecken des Raumes. Dabei zeigt es die enorme Größe, in der ohne Probleme ein Traktor Platz finden könnte. Leise erklärt Schober: "Neben der Porträtfotografie ist die Werbefotografie hier unser zweites großes Standbein. Hier kann man richtig kreativ werden und sich ausleben!" Ihre Stimme wird vor Begeisterung etwas lauter. Erneut blitzt es. Ein Lächeln umspielt die Lippen ihrer konzentrierten Kollegin, die jetzt bäuchlings vor dem Auto lieg. Fasziniert betrachtet die Fotografin das abwechselnde Spiel aus Dunkelheit und Lichtblitzen.

Ein paar Stunden später und einige Kilometer von den Studios entfernt nähert sich Schober einer Gemeindehalle, die heute ihr Zielobjekt ist. Schon von weitem sind die Holzvertäfelung und die großen Panoramafenster erkennbar, die die Höhepunkte des Gebäudes darstellen. Eine braune Kappe auf dem Kopf schützt ihre Augen vor dem tiefstehenden Sonnenlicht, das sich nun doch gegen die Wolkendecke durchgesetzt hat. Auf dem Rücken hat sie eine große, schwarze Tasche, die mit Objektiven beladen ist. Eine Kamera hängt um ihren Hals und wippt langsam im Rhythmus ihrer Schritte hin und her. Während Sie in der rechten Hand ein Stativ trägt, umschließt ihre linke Hand fest den Stiel eines Besens. Sie lacht laut auf: "Den hatte ich einmal vergessen, und musste das Laub mit der Hand aus dem Bild räumen. Das passiert mir nicht mehr". Mittlerweile hat sie die dritte Runde um das Gebäude gedreht und steuert auf eine gut zwei Meter hohe Hecke zu. Das ist er also, der perfekte Ort.

Die blaue Stunde

Elegant gleitet die Tasche von ihrem Rücken auf den Boden. In Windeseile sind Klett-, Klick- und Reißverschluss der Tasche geöffnet und geben einen Blick auf das Innere preis. Akkurat platziert warten dort die Objektive auf ihren Einsatz. Mit schnellen, geübten Handgriffen baut sie das Stativ auf und richtet die erste Kamera aus. Aus der Tasche heraus holt nun ein sogenanntes Tilt-Shift-Objektiv, das gerade bei Architekturfotografie für besonders gerade Linien sorgt. Als der Aufbau steht, wirft Schober einen Blick gen Himmel, dann auf die Armbanduhr. "Dauert nicht mehr lange", sagt sie, "wir haben gleich die blaue Stunde." Unter der Blaue Stunde wird unter den Fotografen der Sonnenuntergang und die Dämmerung verstanden, wie sie später erklärt. Wenige Minuten später dann taucht die untergehende Sonne das Gebäude in ein Licht, dass immer mehr vom Blau der Dämmerung verdrängt wird. Schober drückt ab. Wieder und wieder.

Kurze Zeit später, nun wieder in den Z-Studios, eilt die Fotografin mit schnellen Schritten direkt zu den Bildschirmen, die in der Nähe des Eingangsbereichs stehen. Mit einem Ruck löst sie die Speicherkarte aus der Kamera und platziert sie im dafür vorgesehenen Laufwerk. Sie wirft einen kurzen Blick auf den Bildschirm, und ihr Gesichtsausdruck entspannt sich merklich: "Die Fotos laden jetzt auf den Server hoch, sie können also nicht mehr verloren gehen. Und auf den ersten Blick sehen sie ganz gut aus". Anschließend löscht sie das Licht im Raum, sodass absolute Dunkelheit herrscht. Während im Hintergrund leise der Radio ein Lied aus den 90ern spielt, korrigiert schober kleine Feinheiten im Bild.

So wird die braune Erde vor dem Gebäude durch das satte Grün eines Rasens ersetzt, ein halb heruntergelassener Rollladen wird in wenigen Minuten virtuell nach oben gezogen, und auch dieses Fenster wird ganz sichtbar. Dazu arbeitet sie mit einem Stift aus Kunststoff, der auf den ersten Blick aussieht wie ein gespitzter Bleistift. Filigran bewegt sie ihn auf dem Tablet, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Abwechselnd kneift sie dabei ihre Augen zusammen, erst das linke, dann das rechte und wieder das linke, und betrachtet den Bildschirm vor sich. Ihre Augenbrauen zucken dabei leicht, sie blinzelt kaum. Nach wenigen Minuten löst sie sich aus dem beinahe tranceartigen Zustand und blickt auf den Bildschirm. Ein breites Grinsen legt sich auf ihr Gesicht und ihre Augen beginnen zu strahlen. Sie ist fertig. Stolz präsentiert sie es. Das perfekte Bild.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner war die Deutsche Handwerks Zeitung.“