Handwerk und Lebenslinien Der besondere Wollladen: Textile Reisen zu sich selbst

Im Wollgeschäft von Sabine Hofmann steht ein großes grünes Sofa. Hier trifft Handarbeit auf Lebensgeschichten und Stricken auf Selbstverwirklichung – und das hat sehr viel mit der Besitzerin selbst zu tun. Aktuell erfüllt sich Hofmann einen Lebenstraum: ein Studium an der Handwerkskammer.

Sabine Hofmann vor Regalen mit Wolle
"Handwerk und Handarbeit sind immer sinnstiftend", sagt Sabine Hofmann. Aktuell absolviert die Bekleidungsfacharbeiterin ein Gestalter-Studium an den Handwerkskammern Chemnitz und Dresden. - © Romy Weisbach

Der kleine Wollladen von Sabine Hofmann auf dem Chemnitzer Kassberg passt gut in die Gegend: Gründerzeit- und Jugendstilhäuser, kleine und feine Geschäfte, Laufkundschaft. Die Tür zu Hofmanns Handarbeitsladen "fadengeschichten" ist weit und einladend offen. Die Inneneinrichtung aus einer alten Apotheke beherbergt hunderte von bunten Garnknäulen. Den Kunden erwartet ein breites Spektrum – zum sticken, häkeln, stricken, klöppeln, quilten und nähen.

Im (kommunikativen) Mittelpunkt steht ein großes grünes Sofa. Erstens ist grün die Lieblingsfarbe von Sabine Hofmann, zweitens aber ist dieses Geschäft alles andere als ein einfacher Handarbeitsladen. Hier trifft Handarbeit auf Lebensgeschichten, Stricken auf Selbstverwirklichung – und das hat sehr viel mit der Besitzerin selbst zu tun.

Studium "Gestalter im Handwerk" der Handwerkskammern

Sabine Hofmann ist gelernte Bekleidungsfacharbeiterin und staatlich geprüfte Sozialpädagogin, hat lange in Moskau gelebt und Bücher übersetzt. Neben Laden, Familie und Sozialarbeit hat sie sich nach 40 Jahren nun einen weiteren Lebenstraum erfüllt: Sie macht gerade ein Gestalter-Studium, das die Handwerkskammern Chemnitz und Dresden alle vier Jahre anbieten. Was sie sich davon erwartet hat? "Nichts!", behauptet sie. Und erklärt: "Wer keine Erwartungen hat, der ist offen dafür wo die Reise hingeht. Ich wollte möglichst viel lernen, mitnehmen was ich kriegen kann und mich bewusst auf Neues einlassen!"

Und irgendwann im Kurs, so erzählt sie, irgendwann kam der Punkt, an dem sich wirklich alles fügte. Der Punkt, an dem die Welt nicht mehr so fertig, so definiert war und an dem alle Fäden zusammenliefen. Sie versucht es zu beschreiben: "Ursache und Wirkung wurden klarer, Ideen sind heute auf einem anderen Level als vorher und es ist eine liebevolle Neugier entstanden. Ich bin mutiger geworden. Ich habe geschmiedet, gewebt und mich an neue Materialien und Arbeitstechniken herangetraut. Ich habe das Gefühl, dass die vielen Teile meines persönlichen Puzzles jetzt alle an der richtigen Stelle sind."

Textile Biografiearbeit: Wertvolle Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit

Sie meint damit vor allem das, was sie ihr Leben lang begleitet hat: das Schreiben, das Handwerk und die psychologische Arbeit. "Handwerk und Handarbeit sind immer sinnstiftend!", weiß sie. Deshalb verbindet Sabine Hofmann seit ein paar Jahren Textilien mit den Biografien und den Lebenserfahrungen von Menschen und erklärt das so: "Textilien sind untrennbar mit ihren Trägerinnen und Trägern verflochten. Ebenso wie mit ihren Biografien. Textilien tragen Spuren derer, die sie tragen. Oft sind uns bestimmte Ereignisse auch durch bestimmte Kleidungsstücke oder Gebrauchsgegenstände in Erinnerung. Dieser Gedanke bildet die Grundlage der sogenannten Textilen Biografiearbeit."

Durch die Beschäftigung mit Textilien kommen Menschen mit sich selbst ins Gespräch. Ähnlich wie sich Fäden kreuzen, kreuzen sich manchmal auch Ereignisse, und an diesen Stellen im Leben suchen Menschen manchmal eine neue Ausrichtung. Die Arbeit mit Textilien und den Geschichten derer, die sie geschaffen und getragen haben, verraten dabei oft Lösungswege. Innerhalb der Familiengeschichte erleben die Menschen eine wertvolle Auseinandersetzung mit der familiären Vergangenheit: Erinnerungen werden über das Tun abgerufen, Erfahrungen in einen neuen Kontext gebettet und neu gewürdigt. Im Rückblick erleben Menschen die Möglichkeit, das Können ihrer Nächsten oder Vorfahren zu übernehmen, Erfahrungen zu sammeln und Erinnerungen in ihrem natürlichen Kontext auf neue Art zu erleben. Heraus kristallisiert sich das Bild vom tätigen Menschen, der möglicherweise selbst mit dem Verlust von Können, Erinnerung und Sinn kämpft, oder dessen Angehörige betroffen sind. Ein besseres Verständnis füreinander wird wieder möglich und ermöglicht Wege aus schwierigen Situationen.“

So verflechten sich auf dem Kassberg in Chemnitz regelmäßig Biografien – oder auch Text – mit Textilien. Und während Sabine Hofmann diese Zusammenhänge, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, sehr plausibel erklärt, strickt sie alle diese therapeutischen Ansätze und Erfahrungen in ein paar grüne Wollsocken.