Nachfolge in Familienunternehmen Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Längst nicht mehr alles bleibt in der Familie. Zwar wird nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn jedes Jahr in etwa 22.000 Familienunternehmen die Übergabe erfolgreich geregelt, das heißt, die Unternehmen sind wirtschaftlich so attraktiv, dass sie tatsächlich einen Nachfolger finden. Vermutlich kommt dabei aber bei mehr als der Hälfte der Nachfolger nicht mehr aus der Familie.

Daniela Lorenz

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Was also motiviert Unternehmerkinder, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten? Eine Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena zeigt: Die Nachfolgeentscheidungen der Unternehmerkinder sind unter anderem davon abhängig, wie sie den beruflichen Alltag ihrer Eltern erleben.

„Ganz wichtig für die Nachfolgebereitschaft ist, dass die Kinder viel miterleben und einbezogen werden, dass die Eltern zu Hause am Abendbrottisch von der Arbeit erzählen, die Kinder ihren Eltern bei der Arbeit über die Schulter schauen, sie zu Kunden mitgenommen werden etc.“, sagt Dr. Eva Schmitt-Rodermund, die zusammen mit Dr. Elke Schröder Projektleiterin der Studie „Innerfamiliäre Nachfolge in Unternehmen“ am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie ist. „Je größer die Verflechtung, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind den Betrieb übernimmt.“ Dabei helfen auch Gespräche innerhalb der Familie. „Die Kinder bekommen automatisch viel mit, weil wir zu Hause viel besprechen. Beide haben auch immer wieder Jobs im Unternehmen“, sagt Studienteilnehmerin Beate Werner, mitarbeitende Ehefrau im Betrieb ihres Mannes, Metallbau Werner in Breisach.

Laut Studie gaben 41 Prozent der Kinder an, dass ihre Eltern täglich von ihrer Arbeit erzählen. Bei weiteren 41 Prozent ist das mehrmals in der Woche der Fall. Nur bei einem Prozent berichten die Eltern zu Hause nie aus ihrem unternehmerischen Alltag.

Die Eindrücke, die ein Kind erhält, sollten aber positiv sein, denn „wenn der Vater abends fertig nach Hause kommt und nur über die Arbeit schimpft, kann er nicht erwarten, dass sein Kind auch einmal diese Arbeit machen will“, gibt Eva Schmitt-Rodermund zu bedenken.

Eltern fungieren als berufliche Vorbilder für ihre Kinder, was nach den Erläuterungen der Studie ein wesentlicher Faktor bei der beruflichen Orientierung der Jugendlichen darstellt. Die Kinder verbringen ihre Zeit im Betrieb, führen kleine Hilfstätigkeiten aus. Später nehmen sie dann vielleicht einen Neben- oder Ferienjob an.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit, sich selbstständig zu machen, bei Unternehmerkindern zweimal höher ist als bei Kindern von Nichtunternehmern. Gründe dafür seien Erfahrungen und familiäre Herkunft, die Kinder bereits in sehr jungen Jahren prägen. „Nachfolge ist ein langwieriger Prozess, der sehr früh beginnt. Schon ganz kleine Kinder beobachten alles und nehmen Dinge wahr“, sagt Eva Schmitt-Rodermund.

Als Einflussfaktoren auf unternehmerisches Handeln im Jugendalter identifizierten die Forscher Persönlichkeit, Verantwortung und Mitarbeit im Unternehmen sowie positive Vorbilder. Die berufliche Entwicklung von Kindern wird zwar von elterlichen Erwartungen, Wünschen und Zielen maßgeblich beeinflusst. Druck zur Nachfolge empfinden aber weder Eltern noch Kinder. „Eltern haben eher Angst, zu stark zu fordern. Die meisten der befragten Eltern sagten, die Kinder sollen erst mal schauen, was sie interessiert und was ihnen Spaß macht.“

Viele Unternehmer wünschen sich nach den Ergebnissen der Studie, dass ihre Kinder den Betrieb übernehmen und so das Lebenswerk ihrer Eltern fortsetzen. „Es wäre für uns schön, wenn die Nachfolge in der Familie bliebe. Die Sorge für das Unternehmen ist aber dann intensiver, als wenn es ein Dritter übernimmt“, sagt Beate Werner.

Erst wird an den eigenen Nachwuchs gedacht

Ähnlich denken auch viele Unternehmerinnen wie eine Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, wonach diese bei der Nachfolgeplanung zuerst an ihren eigenen Nachwuchs denken. Weibliche Führungskräfte machen sich frühzeitig Gedanken um ihre Nachfolge. Während Gründerinnen ihren Betrieb am liebsten in die Hände einer Tochter oder einer externen Führungskraft übergeben, vertrauen Unternehmerinnen, die einen bereits existierenden Betrieb übernommen haben, auf die Führungsqualitäten ihrer Söhne.

Die Jenaer Studie ergab: 66 Prozent der Unternehmer haben über die Nachfolge schon mit ihren Kindern gesprochen. Dieser Nachfolgewunsch ist bei den Eltern jedoch stärker ausgeprägt als bei den Kindern. Auf der anderen Seite halten es die Kinder für etwas wahrscheinlicher, dass sie die Nachfolge im Unternehmen tatsächlich antreten. Studienteilnehmerin Beate Werner: „Bei uns ist die Nachfolge noch nicht geregelt. Wir haben zwei Kinder, Junge und Mädchen, und beide kommen für die Nachfolge in Frage.“

Nach den Ergebnissen der Studie könnte das ihr Sohn sein, denn bei den Antworten der Kinder ergaben sich diesbezüglich interessante geschlechtsspezifische Unterschiede. Jungen streben deutlich stärker eine Übernahme des Familienbetriebes an. Weit weniger Mädchen ziehen diese Möglichkeit für sich in Betracht. Dabei sehen sich die Mädchen später durchaus beruflich selbstständig arbeiten. „Nicht jedes Mädchen interessiert sich für die Branche des elterlichen Betriebes, was aber nicht bedeutet, dass es später nicht selbstständig arbeiten möchte“, sagt Eva Schmitt-Rodermund. Mädchen halten es selbst deshalb für wahrscheinlicher, ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Kinder arbeiten im elterlichen Betrieb mit

Für die Studie befragten die Wissenschaftler 155 Unternehmerfamilien aus ganz Deutschland - ein großer Teil davon aus dem Handwerk. 57 Prozent der befragten Betriebe waren Kleinunternehmen mit bis zu zehn Mitarbeitern.

Die Mehrzahl der Jugendlichen gab an, im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten - meist in den Ferien oder zu Stoßzeiten. Im Regelfall erhalten die Kinder laut Studie auch einen Lohn für ihre Arbeit. Nur zehn Prozent der Jugendlichen packen „nie“ mit an.

Bei der Frage nach der Motivation der Kinder, das Familienunternehmen weiterzuführen, steht für Eltern und Kinder die Selbstständigkeit an erster Stelle. Kinder fühlen sich aber auch der Familientradition verpflichtet und sehen ihre beruflichen Interessen verwirklicht. Der Mythos, dass die Nachfolge zwangsläufig an den Erstgeborenen fällt, existiert allerdings nicht mehr. Für oder gegen eine Übernahme entscheiden heute Kompetenz, Neigung und Interessen der potenziellen Nachfolger. Anhand der Ergebnisse ihrer Studie raten die Wissenschaftler, sich frühzeitig mit der Nachfolgethematik auseinanderzusetzen.

„Eltern sollten möglichst offen ihre Wünsche formulieren. Aber sie sollten auch akzeptieren, wenn ihre Wünsche sich nicht mit den Wünschen ihrer Kinder decken“, sagt Eva Schmitt-Rodermund. Dabei müssen die Familien jedoch beachten, dass es kein Patentrezept gibt, nach dem man vorgehen kann. Vielmehr ist die Nachfolgeplanung von Unternehmen zu Unternehmen und von Familie zu Familie unterschiedlich. „Eine innerfamiliäre Nachfolge kann nicht auf Biegen und Brechen durchgesetzt werden. Nicht jedes Kind eignet sich dafür. Das müssen Eltern erkennen, akzeptieren und gegebenenfalls nach einer anderen Nachfolgeregelung suchen.“

Die Studie steht im Internet als Download zur Verfügung unter familienunternehmen.uni-jena.de .