Die Mitarbeiter sind unzufrieden, der Papierkram stapelt sich im Büro. Jeder will etwas vom Chef – und der hat irgendwann keine Zeit und Nerven mehr übrig. Der Ausweg liegt darin, loszulassen – und Verantwortung abzugeben. Wie Betriebe durch verändertes Führungsverhalten zurück auf Erfolgskurs gebracht werden können.

Olaf Ringeisen ist Malermeister aus Leidenschaft: 2002 stieg er gemeinsam mit seiner Frau in den elterlichen Betrieb in Northeim ein, den es bereits seit 1913 gibt – er führte also die Familientradition fort. "Zum Glück bin ich zum Wirtschaftsgymnasium gegangen. Dort habe ich Marketing und Controlling kennengelernt und mir gedacht: Unternehmer werden ist genau das Richtige", sagt Ringeisen. Der Malermeister suchte sein Glück zunächst im Wachstum: Mitarbeiter auf Trab bringen, Kunden besser managen, mehr Aufträge akquirieren, Umsätze steigern – das war sein Credo. Sieben-Tage-Wochen, ab fünf Uhr im Büro, kein Urlaub, ständiger Stress und Dauererschöpfung waren die Folgen. Und unternehmerisch lief es trotzdem nicht rund: Ringeisen nahm zu viele und zu große Aufträge an – und der Betrieb geriet in Liquiditätsengpässe.
Ringeisen hatte sich selbst in eine Situation manövriert, die viele Handwerksunternehmer kennen: Sie arbeiten gefühlt rund um die Uhr – und kommen doch nicht entscheidend voran. Die Mitarbeiter sind unzufrieden, die Familie fordert mehr Zeit ein, die Kunden haben Sonderwünsche und der Papierkram stapelt sich im Büro. Jeder will etwas vom Chef, der hat irgendwann keine Zeit und Nerven mehr übrig – und das Hamsterrad beginnt sich immer schneller zu drehen. "Die finanzielle Krise war eigentlich mein Glück", sagt Ringeisen rückblickend. "Denn dadurch musste ich handeln und einsehen, dass das Problem bei mir selbst lag."
Dem Team mehr Verantwortung übertragen
Malermeister Ringeisen zog einen Coach zurate, um für sich selbst herauszufinden, wie er eigentlich in Zukunft arbeiten wollte – und er fand einen Ausweg aus der vertrackten Situation, indem er seinen Mitarbeitern mehr Verantwortung übertrug. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte er ein Konzept dafür, die Abläufe, Strukturen und den Informationsfluss im Betrieb effizienter zu gestalten und die Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen. Durch die Veränderung seines Führungsverhaltens – weg von der Einstellung, alles selbst machen zu müssen, hin zu mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter – schaffte er es, den Familienbetrieb zurück auf den Erfolgskurs zu bringen.
Statt traditionell zu führen, indem er den Mitarbeitern ständig Anweisungen gab, was zu tun sei, setzte Ringeisen darauf, den gemeinsamen Weg zur Zielerreichung zu kommunizieren und selbst als Vorbild aufzutreten. Dadurch machte er den Mitarbeitern deutlich, wofür es sich lohnt, Zeit und Energie zu investieren – und steigerte ihre Motivation. Damit handelte er quasi lehrbuchmäßig, sagt Julia Hoch, Management-Professorin an der California State University Northridge (CSUN) in den USA: Moderne Chefs seien insbesondere als Mentoren und Coaches für ihre Mitarbeiter gefragt – und hätten vor allem die Aufgabe, diesen eine inspirierende Vision zu vermitteln. Dadurch lasse sich die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden steigern – und diese würden dann angeregt, kreativ und innovativ zu denken, so die Expertin. Dadurch würden sie sich "im positiven Sinne herausgefordert fühlen, die Unternehmensprozesse zu hinterfragen und zu optimieren."
"Das ist kein unnötiger Luxus. Es ist sogar eine wichtige Pflicht des Unternehmers."
Thomas Graber, Bauunternehmer und Management-Berater für Handwerksunternehmer, pflichtet ihr bei: In seinem Buch "MeTime – eine Philosophie für mehr Lebensqualität" beschreibt er, wie Unternehmer lernen können, sich im Chef-Alltag wieder mehr um sich selbst zu kümmern. "In den meisten Unternehmen ist schon viel erreicht, wenn die Chefs verstehen: Es ist nichts Verwerfliches daran, Freiräume für sich selbst zu schaffen und mal die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen", sagt Graber. "Das ist kein unnötiger Luxus. Es ist sogar eine wichtige Pflicht des Unternehmers, Strukturen zu schaffen, in denen sich niemand permanent selbst überfordert und in denen jeder das tut, was er am besten kann. Auch und vor allem der Unternehmer selbst." Nur wer als Chef selbst effizient, sortiert und professionell organisiert arbeite, könne auch von anderen erwarten, so zu handeln.
Olaf Ringeisen hat seinen persönlichen Weg aus der Misere genutzt, um daraus ein weiteres Unternehmen zu formen: In seinem Malerbetrieb arbeitet er heute nur noch rund 20 Stunden pro Woche – die Aufgaben sind dort schließlich sinnvoll auf mehrere Schultern verteilt. Den Rest der Zeit berät er mit seiner 2012 gegründeten Beratungsfirma Qualygate Berufskollegen. Sein Qualyplan-System enthält seine wichtigsten Erkenntnisse und Werkzeuge, über 600 Malerbetrieben hat er damit schon geholfen, erfolgreicher zu werden – und jenen Weg aus dem Hamsterrad zu finden, den er selbst gegangen ist.