Frühjahrsprognose Das wirtschaftliche Risiko eines Gas-Lieferstopps

Bei einem Gas-Lieferstopp droht Deutschland eine scharfe Rezession, sagen Wirtschaftsforscher. Doch auch ohne kommt die Wirtschaft langsamer auf die Beine als erwartet. So oder so werden die höheren Energiepreise wohl bleiben.

Im Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) kommt durch die Pipeline Nord Stream 1 russisches Gas an. Hier endet auch Nord Stream 2, das bereits gestoppte Pipeline-Projekt. - © fotowunsch - stock.adobe.com

Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute korrigieren angesichts des Angriffskrieges auf die Ukraine und der anhaltenden Corona-Krise ihre Wachstumsprognose nach unten. "Der Erholungsprozess der deutschen Wirtschaft verzögert sich abermals", sagte Stefan Kooths, Vizepräsident und Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Gleichzeitig stiegen die Preise wie schon lange nicht mehr. Insgesamt erwarten die Forscher für 2022 ein Wachstum von 2,7 und für 2023 von 3,1 Prozent. Sollte es allerdings zu einem sofortigen Stopp russischer Gaslieferungen kommen, sieht es nochmals deutlich schlechter aus.

Forscher: Bei Gas-Lieferstopp droht scharfe Rezession

In einem solchen alternativen Szenario rechnen die Forscher mit einem spürbaren Rückgang der Wirtschaftsleistung. "Die deutsche Wirtschaft dürfte in diesem Fall im kommenden Jahr in eine scharfe Rezession geraten", betonte Kooths. Die Wirtschaft würde dann um 2,2 schrumpfen - nach einem Plus von 1,9 Prozent in diesem Jahr.

Dies käme einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem und im nächsten Jahr um rund 220 Milliarden Euro gleich gegenüber dem Basisszenario. Im Herbst waren die Forscher für 2022 noch von einem Zuwachs um 4,8 Prozent ausgegangen.

Insgesamt wird die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung der Forscher derzeit von gegenläufigen konjunkturellen Strömungen geprägt. Zum einen sorgt der Wegfall der Pandemiebeschränkungen für wirtschaftlichen Auftrieb, zum anderen wird die Erholung durch anhaltende Lieferketten-Probleme - etwa durch die sich verstärkende Corona-Krise in China - gedämpft. Hinzu kommen nicht zuletzt durch den Ukraine-Krieg massive Preiserhöhungen bei Energie.Diversifizierung macht Energie in Deutschland dauerhaft teurer

Das schlägt auch auf die Inflation durch. Selbst ohne sofortigen Lieferstopp bei Gas rechnen die Forscher in diesem Jahr mit einem Anstieg der Verbraucherpreise von 6,1 Prozent, dem höchsten Wert seit 40 Jahren. Im Falle eines Lieferstopps für russische Energie würde sogar ein Wert von 7,3 Prozent erreicht. 2023 soll die Inflationsrate mit 2,8 Prozent (Lieferstopp: 5,0 Prozent) deutlich über dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung liegen.

Auch auf mittlere Frist rechnen die Forscher mit höheren Energiepreisen. Unabhängig von russischen Rohstofflieferungen dürfte die Diversifizierung der Energieversorgung dazu beitragen, dass Energie in Deutschland teurer werde. Dies stelle die energieintensiven Bereiche der Wirtschaft vor erhöhten Anpassungsdruck, unterstrich Kooths.

Forscher: Energiepreissignale müssen wirken

Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik unterstützen die Institute alle Bestrebungen, die Energieversorgung zu diversifizieren, die Leitungsnetze zu ertüchtigen und auch EU-weit stärker zu vernetzten. Gleichzeitig rufen sie dazu auf, die Energiepreissignale wirken zu lassen. Höhere Preise sorgten dafür, mit den Ressourcen sparsamer umzugehen und nach neuen Quellen zu suchen.

Hilfen für Unternehmen sollten so ausgestaltet sein, dass marktfähige Produktionsstrukturen gestützt würden, ohne den Strukturwandel aufzuhalten. "Dieser wird sich für die gasintensiven Industrien auch ohne Boykott beschleunigen, da die Abhängigkeit von den bislang günstig zu beziehenden russischen Lieferungen so oder so rasch überwunden werden soll", sagte Kooths. Finanzhilfen für private Haushalte sollten zielgenau dosiert werden und sich auf einkommensschwache Haushalte beschränken. Andernfalls wirkten sie kontraproduktiv, in dem der Inflationsdruck weiter zunehme.

Die Gemeinschaftsdiagnose wird zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst vom DIW in Berlin, vom Ifo Institut in München, vom IfW in Kiel, vom IWH in Halle und vom RWI in Essen erarbeitet.