Geschäftsmodelle Das verschenkte Daten-Potenzial im Handwerk

Mit einer intelligenten Nutzung ihrer Daten können Betriebe Prozesse verbessern, Arbeitsschritte vereinfachen sowie neue Geschäftsmodelle und Serviceleistungen für die Kunden entwickeln. Doch bislang wird dieses Potenzial aus verschiedensten Gründen kaum genutzt.

Die Auswertung von Daten ist im Handwerk nicht trivial. - © suwannar kawila/EyeEm - stock.adobe.com

Daten gelten als das Gold des digitalen Zeitalters. Tagtäglich werden unzählige davon generiert – auch im Handwerk. Doch zu einem wertvollen Schatz werden diese Daten nur dann, wenn sie nicht ungenutzt in den Systemen liegen, sondern intelligent organisiert, ­analysiert und weiterverarbeitet werden.

Daten sind nicht greifbar

Von einem optimalen Datenmanagement sind die meisten Handwerksbetriebe aber noch weit entfernt, weiß Ulrich Goedecke, Abteilungsleiter Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Dresden, aus seinem Beratungsalltag. "Daten liegen nicht wie ein Haufen Späne vor den Füßen, so dass es jemanden stört und man sich um sie kümmert", sagt er.

Da sie physisch nicht vorhanden und für den Handwerker nicht greifbar wie ein Werkzeug seien, erschließe sich der direkte Nutzen von Daten nicht so schnell. Deshalb brauche es Beispiele aus der Praxis, die dem Handwerker begreifbar machen, welche konkreten (wirtschaftlichen) Vorteile er von einer intelligenten Datennutzung hat und warum er in diesen Bereich investieren sollte.

Der tatsächliche Nutzen der Digitalisierung sollte dabei im Vordergrund stehen, meint Jasmin Bockes, Digitalisierungskoordinatorin und Beauftragte für Innovation und Technologie der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. "Wenn ein Prozess bzw. Arbeitsschritt durch die Digitalisierung nicht vereinfacht wird, wird dieser weiter analog abgebildet, auch wenn es digitale Möglichkeiten dafür gäbe."

Analyse von Kundendaten steht an erster Stelle

Besonders wichtig sind nach Ansicht von mehreren befragten Experten die Kundendaten. "Über diese kann ich die Vorlieben meiner Kunden kennenlernen und ihnen auf sie persönlich zugeschnittene Angebote machen", sagt Jan Benz, Beauftragter für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Konstanz. Seine Einschätzung deckt sich mit einer Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) unter 500 Unternehmen durchgeführt hat. Demnach sind die Daten der Kunden den Betrieben deutlich wichtiger als etwa Finanz- oder ­Lieferantendaten. Elektrotechnikermeister Volker Kiesel, der mit der Digitalisierung in seinem Unternehmen schon sehr weit fortgeschritten ist, kann dem nur zustimmen: "Wir nutzen die Kundendaten, welche durch unsere Branchensoftware auch von unterwegs abrufbar sind, sehr intensiv im täglichen Betrieb."

Ängste hemmen die Nutzung von Daten

Das enorme Potenzial von Daten, Geschäftsprozesse zu optimieren und neue Services zu entwickeln, wird von vielen Unternehmen aber kaum abgerufen. Nur rund zwölf Prozent der vom IW befragten Firmen geben an, die Daten vollständig zu diesem Zweck zu nutzen. In anderen Bereichen wie dem Marketing, der Steuerung oder der Geschäftsanalyse werden Daten sogar noch weit weniger effizient genutzt.

Die größten Hemmnisse sind laut der Befragung die Sorge vor einem unerlaubten Datenzugriff und einer Verunsicherung hinsichtlich des Datenschutzes. Jasmin Bockes kann dies nur bestätigen. „Die Gefahren im Bereich von Cyberangriffen sind in den vergangenen Jahren deutlich mehr geworden, so dass es gute IT-Sicherheitskonzepte braucht, um seinen Datenschatz vor unberechtigtem Zugriff zu schützen.“

Jan Benz beobachtet jedoch, dass die Auftragslage derzeit nicht den Schmerz bei den Betrieben auslöse, sich jetzt mit solchen spröden Themen wie Datenmanagement auseinandersetzen zu müssen. Dabei ist aus seiner Sicht genau jetzt die beste Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. "Wenn wir eine Konjunkturdelle bekommen und es den Betrieben schlechter geht, werden sie sich darauf konzentrieren müssen, dass noch genügend Geld reinkommt."

Handwerker zurückhaltend bei Investitionen in IT-Expertise

Wenig Bereitschaft, wirtschaftliche Risiken einzugehen, bremse eine digitale Offensive zusätzlich. "Ein Handwerker probiert ungerne Dinge aus, die auch schiefgehen und ihn viel Geld kosten können", sagt Benz. Der "Silicon-­Valley-Entrepreneur", der nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" vorgehe, sei im Handwerk kaum anzutreffen.

Beispiele von Handwerkern, die für sehr viel Geld eigene Programmierer oder Datenspezialisten einstellen, die die Prozesse einmal grundlegend strukturieren, kennt Benz entsprechend kaum. Christoph Krause, ­Leiter Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk im Schaufenster Koblenz, ermuntert die Betriebe, nicht aus Kostengründen Bemühungen in dieser Richtung aufzugeben und kreative Ideen zu entwickeln. "Warum schließe ich mich als Unternehmer nicht mit anderen Betrieben zusammen und teile mir einen ITler, wenn ich ihn mir allein nicht leisten oder auslasten kann?", regt Krause an.

Hilfe holen, bevor man verzweifelt

Nach seiner Erfahrung macht es spätestens ab 15 Mitarbeitern Sinn, sich einen IT-Spezialisten ins Haus zu holen. "Sonst verzweifele ich früher oder später an der Vielfalt meiner Daten." Ganz entscheidend bei einer intelligenten Organisation ist aus seiner Sicht, die Daten der verschiedenen Prozesse im Unternehmen miteinander zu verknüpfen und in ein Verhältnis miteinander zu setzen. "Das ist allerdings nicht trivial, da Handwerker an so vielen verschiedenen Datentöpfen hängen", sagt Krause.

Neben den Kundendaten seien dies zum Beispiel auch Maschinen- und Lieferantendaten. Aufgrund dieser Komplexität brauchten die Betriebe unbedingt Unterstützung. Experten, die sich tiefgründig mit den Datenbeständen im Unternehmen beschäftigen, sich über Datenformate Gedanken machen, Prozesse nebeneinanderlegen und nach geeigneten Schnittstellen suchen.

Ulrich Goedecke von der Handwerkskammer Dresden hält den Einkauf von externen Programmierern im Handwerk hingegen nicht für zielführend. "Ein IT-Unternehmer kann mit den Daten der CNC-Fräse nichts anfangen, wenn er keine Ahnung von Holz hat." Vielmehr sei es Aufgabe der Hersteller, die Daten so zu übersetzen, dass sich die Handwerker selbst zutrauen, diese auszuwerten.

Digitale Assistenten können bei Datenorganisation helfen

Einig sind sich die Experten indes, dass intelligente Assistenzsysteme wie zum Beispiel KI dem Handwerk künftig die Datennutzung erleichtern können. Christoph Krause nennt ein Beispiel. "Ein Bauunternehmer, der sich an einer Ausschreibung beteiligt, kann die Dokumente künftig von seiner KI in wenigen Minuten mit der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen, dem Angebot, Nachtragshaushalten und Risiken abgleichen. Dafür braucht ein Fachplaner bisher oft mehrere Tage." Nur ein Beispiel, das zeige, welch enormes Potenzial es gibt, die Daten im Handwerk zu vergolden.

Datenzugang entscheidend

In der digitalisierten Wirtschaft wird Zugang zur Schlüsselfrage für das Handwerk. Die Kfz-Mechaniker kennen das Problem bereits: Wer keinen Zugriff auf die Autodaten hat, ist bei Reparatur und Wartung rasch außen vor. Für den Inhaber der Daten hingegen, typischerweise den Autohersteller, wird es immer leichter, den Kunden zu steuern: Per Nachricht aufs Handy wird dem Kunden mitgeteilt, das Auto müsse mal gewartet werden („Predictive Maintenance“). Die passende (Vertrags-)Werkstatt wird mitvermittelt – der Termin wird im Smartphone gleich dem Kalender zugefügt.

Prof. Dr. Rupprecht Podszun. Foto: HHU

Die Entwicklung greift um sich: Smarte Produkte, Smart Homes, Smart Factories sammeln Daten, kommunizieren miteinander und lassen sich zentral steuern. Das Internet of Things ist ein großes Bequemlichkeitsversprechen.

Unbequem wird es für diejenigen, die in die Abhängigkeit der Datenmonopolisten geraten. Werden Handwerksbetriebe bald nur noch abhängige Auftragserfüller von Produktherstellern und Internetplattformen? Restaurants und Hotels können ein Lied davon singen, was es bedeutet, von datenbasierten Vermittlungsplattformen abhängig zu sein. Muss ein Heizungsinstallateur künftig bei Google – statt bei seinem Kunden – betteln, auf dass er im Smart Home die Anlage warten darf?

Auf europäischer Ebene wird derzeit der EU Data Act diskutiert, mit dem der Zugang zu Daten geklärt werden soll. Viele Handwerksbetriebe können allerdings mit Daten allein gar nichts anfangen. Für die Praxis ist wichtiger, dass Software, Tools, Dashboards zur Verfügung stehen, sodass man vernünftig seine Leistung erbringen kann. Am einfachsten wären offene Schnittstellen bei den Produkten – dann werden mühsame rechtliche Auseinandersetzungen überflüssig.

Der Kern des handwerklichen Erfolgs bleibt aber auch im Internet of Things der Zugang zum Kunden. In diese Beziehung drängen sich Datenunternehmen herein, sie besetzen die Kundenschnittstelle und steuern zunehmend das Verhalten. Im Ergebnis ist nicht mehr der Verbraucher „Schiedsrichter im Wettbewerb“, sondern der Dateninhaber entscheidet über Erfolg oder Misserfolg der Leistungserbringer. Um das zu verhindern, muss sich das Handwerk im anstehenden Gesetzgebungsverfahren lautstark einmischen – die US-Internetgiganten und die europäischen Industrieunternehmen werden es tun und versuchen, sich die Servicemärkte zu unterwerfen.

Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Rupprecht Podszun, Direktor des Instituts für Kartellrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Kontakt: ls.podszun@hhu.de