Saisonstart im Frühling Das sind die Fahrrad-Trends 2022

Der Frühling ist da und damit die Lust wieder auf das Fahrrad zu steigen. Was die Branche den Kunden in dieser Saison zu bieten hat und welche Themen in den Mittelpunkt rücken, zeigt der folgende Überblick.

Schnell durchs Gelände: Die Gravel Bikes könnten der Verkaufshit der Saison 2022 werden. - © www.pd-f.de / Sebastian Hofer

Ein Citybike für die Einkäufe in der Stadt, ein Mountainbike für Ausflüge ins Gelände und ein Rennrad für das Ausdauertraining. Früher mussten sich Radfahrer entscheiden, welchen Einsatzzweck ihr neues Fahrrad hauptsächlich erfüllen soll oder sich gleich mehrere Modelle anschaffen.

Doch inzwischen bieten immer mehr Hersteller hybride Fahrräder an, die für verschiedene Bedürfnisse eine passende Lösung bieten sollen. Die Gravel Bikes und SUV E-Bikes werden bei den Kunden immer beliebter und für die Fahrrad-Saison 2022 rechnet der Handel mit weiter steigenden Verkaufszahlen.

Fahrrad als eierlegende Wollmilchsau

Das Gravel Bike will die Vorzüge eines Rennrads mit den Anforderungen für Fahrten abseits befestigter Straßen in einem Fahrrad vereinen. Der Trend kommt aus den USA, wo es auch als Adventure Bike beworben wird.

Während das klassische Rennrad aufgrund seiner dünnen Reifen und der stark nach vorne ausgerichteten Sitzposition nicht für Schotterpisten geeignet ist, zeigt sich das Gravel Bike dank seiner breiteren Reifen und der mehr auf Komfort ausgerichteten Konstruktion deutlich robuster und ist auch für längere Fahrten durch Wald und Wiesen gedacht.

Für Hobbyfahrer, die schnell im Gelände unterwegs sein wollen, dürfte das Gravel Bike deshalb durchaus eine interessante Alternative sein. Wie häufig bei solchen hybriden Produkten wird es hingegen den Ansprüchen eines ambitionierten Rennradfahrers genauso wenig gerecht werden, wie dem Kletterprofi in den Bergen.

SUV Bikes: Trend schwappt vom Auto über

Das SUV E-Bike versteht sich ebenso als Allrounder und will den Spagat zwischen klassischem Citybike und Mountainbike schaffen. Die Sports Utility Vehicle (SUV) haben auf dem Automarkt bereits einen Siegeszug erlebt und prägen heute das Verkehrsbild. Ganz so weit ist es bei den SUV-Fahrrädern noch nicht, doch die Branche erwartet in den nächsten Jahren ein steigendes Interesse an diesen Modellen.

Sie sind dank der Ausstattung mit Schutzblechen, Gepäckträger und Beleuchtung gut für den Einkauf in der Stadt oder den Weg zur Arbeit geeignet. Gleichzeitig sollen sie mit der breiten Bereifung, einer komfortablen Federung, leistungsstarken E-Motoren und Akkus auch im Gelände eine gute Figur machen. Ein hochwertiges SUV E-Bike hat allerdings auch seinen Preis, so dass Kunden mehrere tausende Euro veranschlagen müssen.

Digitale Helfer für mehr Komfort und Fahrspaß

Schlösser, die sich per App öffnen lassen, sind nur ein Beispiel, dass die zunehmende Digitalisierung im Ausstattungsbereich rund ums Fahrrad zeigt. Ein anderes sind Apps, die per Augmented Reality bei Reparatur­arbeiten benötigte Ersatzteile anzeigen. Inzwischen gibt es diverse digitale Helfer, die das Radfahren komfortabler machen sollen oder etwa in Echtzeit Daten zu Trainingszielen und der körperlichen Verfassung des Radfahrers liefern. Dabei wird das Smartphone zur Steuerungszentrale über das Informationen zur letzten Ausfahrt abgerufen oder virtuelle Pläne zur nächsten Tour erstellt werden können.

Das Longtail-Lastenrad Stoker von Xtracycle verfügt über einen kraftvollen Motor. So lassen sich auch größere Lasten auf anspruchsvollem Untergrund problemlos bewältigen. - © Foto: www.pd-f.de/Florian Schuh

Klimabilanz stärker im Blick bei der Produktion

Immer mehr ins Bewusstsein der Branche rückt vor dem Hintergrund der Klimakrise eine nachhaltige Produktion. Das beginnt bei den Bemühungen um eine möglichst CO2-neutrale Herstellung der Fahrräder und reicht bis zum Einsatz von recyclebaren Materialien. Ein Beispiel ist der Hersteller Vaude, der etwa eine multifunktionale Fahrradhose verkauft, deren Fasern aus alten Autoreifen gewonnen werden. Auch eine Windjacke, die sich platzsparend in Rucksack oder Trikottasche verstauen lässt, verwendet Garn aus recyceltem Polyester.

Auf die Umweltbilanz drücken aber auch lange Lieferketten. Viele Teile der Fahrradproduktion stammen aus Werken in Asien. Deshalb wachsen in der Branche die Bestrebungen die Herstellung in Europa zu stärken, wenngleich es laut Angaben verschiedener Unternehmen keine Sofortlösung gibt und die Produktion nicht komplett auf den asiatischen Markt verzichten können wird. Die aktuelle Corona-Pandemie und die geopolitische Lage könnten die Neuausrichtung vielleicht noch beschleunigen.

Frühjahrscheck machen

Die Tage werden milder und die Vorfreude auf die neue Fahrradsaison steigt. Josh Schenk, Werkstattleiter vom Pressedienst Fahrrad gibt Tipps, was vor dem ersten Ausflug zu beachten ist:

Reifen kontrollieren: Zu wenig Reifendruck erhöht die Pannenanfälligkeit und steigert den Rollwiderstand. Welcher Reifendruck der richtige ist, steht in der Regel auf der Reifenflanke. Bei der Gelegenheit kann man den Reifen gleich auf Fremdkörper wie Steine und auch Risse kontrollieren. Für das Aufpumpen sollte man eine große Standpumpe mit Manometer nehmen.

Bremsen auf Sicherheit prüfen: Verschlissene oder schlecht eingestellte Bremsbeläge verlängern den Bremsweg deutlich. Quietschende oder schleifende Bremsen sind ein Zeichen, dass die Beläge verschlissen sind. Bei einer optischen Prüfung sieht man am besten, ob noch genügend Material vorhanden ist. Sonst ist es Zeit für den Wechsel.

Beleuchtung testen: Wenn das Licht nicht geht, liegt manchmal eine lockere Steckverbindung vor. Dafür die Verbindung am Dynamo und den Scheinwerfern wieder festmachen. Wichtig ist auch, auf die richtige Einstellung des Scheinwerfers zu achten. Er darf nämlich den Gegenverkehr nicht blenden.

Pflege des Antriebs: Um eine Kette zu pflegen, nimmt man am besten einen Lappen und reinigt sie oberflächlich. Auch die kleinen Schaltröllchen muss man reinigen, denn hier sammelt sich gerne Schmutz an. Anschließend das Kettenöl sorgfältig auftragen und danach überschüssiges Öl mit einem Lappen abwischen.

Schraubverbindungen prüfen: Es gibt spezielle Werkzeugkoffer für die Fahrradreparatur, auch ein gut ausgestattetes Multi-Tool kann ausreichen. Wichtig ist, die lockeren Schrauben wieder festzuziehen. Wobei auch nicht zu fest, denn sonst besteht die Gefahr, dass sie kaputt gehen.

Branche optimistisch

Steigende Container- und Rohstoffpreise, geschlossene Produktionsstätten und in der Folge längere Lieferzeiten: Auch im Zweirad-Handel und -Handwerk sind die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zu spüren. Gerade Verschleißteile wie Bremsen, Ketten oder Schaltungskomponenten seien als Ersatz- oder Reparaturprodukt aktuell schwer zu bekommen.

Hinzu komme, dass es eine hohe Produktvielfalt gebe und Radfahrer oftmals genau auf ein bestimmtes Teil angewiesen sind, damit das Rad als Ganzes funktioniere, so der Pressedienst Fahrrad. "Alle Komponenten auf Lager zu haben, ist jedoch unmöglich und wir kommen an unsere Grenzen", sagt Sandra Appel, die ein Fahrrad-Fachgeschäft im hessischen Baunatal betreibt. Denn größere Lagerflächen sind nicht nur schwierig zu finden, sondern die umfangreiche Lagerung von Material bindet auch Kapital, das gerade in der aktuellen Situation benötigt wird.

Die Werkstätten sind auf Ersatzteile angewiesen. - © Foto: www.hpvelotechnik.com/pd-f

Trotz der widrigen Umstände blickt Felix Lindhorst vom Bundesinnungsverband Zweirad Handwerk optimistisch auf die Fahrrad-Saison 2022. "Das Wetter wird besser, die neue Saison startet und der Zweiradmarkt ist gefragt. Dies spiegelt sich weitestgehend in der Stimmung bei den Betrieben wieder", so Lindhorst. Die Liefersituation normalisiere sich langsam. Jedoch ließen sich die mittelfristigen Einflüsse durch die geopolitische Lage derzeit noch nicht vollumfänglich abschätzen. "Vorausgesetzt die Liefersituation behält den Trend zur Normalisierung bei, erwarten wir für das laufende Jahr aber eine weiterhin positive Entwicklung", sagt Lindhorst.

Mehr Geld für Qualität

Insgesamt 4,7 Millionen Fahrräder und E-Bikes wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Das ist zwar ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, allerdings war 2020 auch ein Rekordjahr für die Branche. Die Verkaufszahlen sind nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie deutlich gestiegen und befinden sich noch immer klar über dem Niveau vor der Pandemie.

Dabei zeigen die aktuellen Zahlen, dass der Trend zu einem durch Elektromotoren unterstütztem Fahren weiter anhält. Denn während die Zahl der verkauften Pedelecs 2021 weiter anstieg und die Marke von zwei Millionen erreichte, wurden 390.000 weniger Fahrräder verkauft als noch 2020.

Bemerkenswert ist, dass die Verbraucher immer mehr Geld in ein hochwertiges Fahrrad investieren. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre haben sich die Ausgaben pro verkauftem Rad fast verdreifacht. So lag der durchschnittliche Verkaufspreis der Fahrräder 2021 bei 1.395 Euro. Allerdings ist der Anstieg nicht nur auf ein gestiegenes Qualitätsbewusstsein, sondern auch auf die hohe Nachfrage an hochpreisigen E-Bikes zurückzuführen.

Dabei legen die Kunden weiterhin viel Wert auf die fachliche Beratung durch einen Experten vor Ort. Das ist erfreulich für den stationären Handel und die Werkstätten. Während in anderen Branchen der Online-Handel boomt und viele Einzelhändler darunter leiden, konnten die stationären Fahrradhändler ihren Marktanteil auf 73 Prozent sogar weiter ausbauen.