Interview mit Sandra Hunke "Das Handwerk hat mich stark gemacht"

SHK-Anlagenmechanikerin und Influencerin Sandra Hunke hat mit "Ich zeig’ euch, wo der Hammer hängt" ein Buch veröffentlicht, das mehr sein will als ein persönlicher Rückblick. Es ist ein Appell an junge Menschen, ihrem Talent zu folgen – und an Betriebe, umzudenken: bei Gleichstellung, Führung und Fachkräftesicherung.

Sandra Hunke hält ihr neues Buch in den Händen
Mit ihrem neuen Buch will Handwerker-Influencerin Sandra Hunke junge Menschen inspirieren, ihre Träume zu verwirklichen – Unabhängig von negativen Stimmen und Vorurteilen. - © Sandra Hunke

Du lebst in mehreren Welten – Handwerk, Mode, Social Media – und nun das zweite Buch. Was davon magst Du am meisten?

Sandra Hunke: Von den ganzen Bereichen mag ich am meisten das Handwerk und die Baustelle. Auch wenn das Modeln viel Spaß macht, Bücher schreiben auch, aber Handwerk ist meine Passion.

Wie kriegst Du das alles unter einen Hut?

Mit viel Organisation, mit viel Geduld und ganz viel Unterstützung. Gerade seit ich Mama bin, habe ich viele Unterstützer meine Mama, Oma, meinen Patenonkel, die Tante meines Mannes. Vor allem aber meinen Mann. Hinter jeder starken Frau steht auch ein starker Mann, sage ich immer.

In Deinem neuen Buch erzählst Du deine persönliche Geschichte – wie Du Dein Talent und den Weg ins Handwerk gefunden hast. Was hat Dich dazu gebracht, das in ein Buch zu verpacken?

Ich hatte letztes Jahr eine Anfrage des EMF-Verlags für ein Sachbuch zum Thema Gleichberechtigung. Aber stumpf über Gleichberechtigung zu schreiben, das wäre nicht ich gewesen. Gleichberechtigung ist ein sehr wichtiges, aber auch trockenes Thema. Deshalb habe ich dem Verlag vorgeschlagen, es in meine persönliche Geschichte zu verpacken.

Dein Weg ins Handwerk war nicht immer einfach. Im Buch legst Du viele Schwierigkeiten offen, die Du in deiner Kindheit und Jugend hattest. Was möchtest Du mit Deiner Geschichte erreichen?

Ich möchte mit meiner Geschichte Leute darin bestärken, ihre Ziele zu verfolgen. Dadurch, dass ich nie aufgegeben habe und immer weitergemacht habe, sollen ganz viele den Mut bekommen, wirklich ihren Weg zu gehen und ihr Leben zu leben.

Ich möchte aber vor allem die Leute für das Thema Gleichberechtigung sensibilisieren. Neben meiner eigenen erzähle ich auch Geschichten aus der Community, mitunter ziemlich krasse. Ich habe selbst so viel erlebt, und ich bin der Meinung, wir müssen alle mehr über unsere Erfahrungen reden. Nur so können wir etwas verändern.

Sandra Hunke schraubt an einem Rohr
Sandra Hunke ist heute leidenschaftliche Anlagenmechanikerin für SHK. Als reichweitenstarke Influencerin setzt sie sich für mehr Frauen im Handwerk ein. - © Sandra Hunke

Heute bist Du sehr erfolgreich auf Instagram und hast ein gewisses Standing in der Öffentlichkeit – hast Du heute noch mit Vorurteilen zu kämpfen?

Ja, ich habe immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Ich habe immer noch Kunden, die das ganz ungewöhnlich finden, dass eine Frau etwas installiert. Es gibt Momente, in denen Kunden übergriffig werden, zum Beispiel wenn sie einfach das Werkzeug nehmen und meinen, selbst an der Armatur herumschrauben zu müssen. Weil es ihnen nicht schnell genug geht oder so. Der Kunde erhält dann einen trockenen Spruch von mir – und dann mache ich meine Arbeit weiter.
Insgesamt ist es zum Glück weniger geworden. Allein deshalb, weil ich beim Kunden heutzutage ganz anders auftrete. Ich bin jetzt 13 Jahre Installateurin, ich lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen.

Du möchtest selbst junge Menschen – vor allem junge Frauen – ermutigen, ihr Talent zu finden. Und, wenn es im Handwerk liegt, es entgegen allen Vorurteilen oder negativen Stimmen zu verfolgen. Welchen Tipp hast Du für sie?

Ich würde mir einfach wünschen, dass meine 1,5-jährige Tochter, sollte sie sich später für das Handwerk entscheiden, keine Sätze zu hören bekommt wie „Ach, mit einer Frau habe ich aber nicht gerechnet.“ Ich hoffe, dass wir es bis dahin schaffen. An die Frauen: Machen, machen, machen. Geht ins Handwerk, lasst euch nicht reinreden. Macht Praktika in verschiedenen Firmen. Es gibt viele Betriebe, die sich sehr über eine Frau im Team freuen würden. Ich werde oft von Firmen gefragt, wie es ihnen gelingt, Bewerbungen von Frauen zu erhalten.

Was rätst Du diesen Unternehmen?

Wenn man Frauen auf Social Media bewusst anspricht, wenn man offen nach außen kommuniziert, dass man Frauen im Handwerk als Bereicherung sieht und eine weibliche Person im Team haben möchte, dann motiviert das dazu, sich zu bewerben. Wer ein gutes Arbeitsklima und Entwicklungschancen sichtbar macht, wird eher wahrgenommen. Mein Tipp an Unternehmen und an Frauen ist derselbe: Habt nur Mut. Mut wird immer im Leben belohnt.

"Unternehmen müssen nach außen hin offener kommunizieren, wenn sie eine Frau in ihrem Team haben wollen."

Im Buch schlüsselst Du auch auf, was am Handwerk so reizvoll ist. Welche Impulse liefert Dein Buch für das Image des Handwerks – besonders bei jungen Leuten?

Das Image hat lange Zeit gelitten. Es ist aber ein Umdenken da. Leider haben wir einen Fachkräftemangel. Wir haben wenige Leute, die ins Handwerk gehen wollen. Aber es ist auch so: Moderne Firmen, die nicht das alte, verstaubte Image haben, sondern über den Tellerrand hinausblicken, haben nicht so große Probleme, Fachkräfte zu finden. Wir sind nicht mehr in der Zeit, in der du Schrauben fallen lassen und sagen kannst "So Azubi, sammle mal die Schrauben ein." Betriebe, die auf Augenhöhe führen und flexible Modelle anbieten, punkten bei Azubis und Fachkräften. Wer weiterhin nur den Boss heraushängen lässt, braucht sich nicht zu wundern, dass er keine Azubis und keine Fachkräfte findet. Diese Betriebe müssen vielleicht auch einfach kompromissbereiter sein.

Das Cover des Buchs von Sandra Hunke
Sandra Hunke ist heute leidenschaftliche Anlagenmechanikerin für SHK. Als reichweitenstarke Influencerin setzt sie sich für mehr Frauen im Handwerk ein. - © EMF Verlag

Inwiefern?

Die Firma, bei der ich jetzt arbeite, zum Beispiel, ist super kompromissbereit. Wir haben einen Papa mit zwei Kindern, die super viele Hobbys haben. Seine Frau hat eine höhere Position, weshalb er halbtags arbeitet und sich um die Kinder kümmert. Ich selbst habe auch eine Halbtagsstelle – das ist überhaupt kein Problem. Mein Chef und ich, wir haben uns zusammengesetzt, nach einer Lösung gesucht und sie gefunden. Easy! Da merke ich wieder: Für alles gibt es Möglichkeiten! Die Unternehmen müssen nur bereit dafür sein.

Du schreibst, dass Du durch die Leidenschaft fürs Handwerk völlig neue Fähigkeiten entwickelt hast: Welche sind das?

Auf jeden Fall Selbstbewusstsein. Das wurde mir in der Schule sehr früh genommen. Das Handwerk hat mich wieder stark gemacht. Man muss sich immer beweisen, hat aber auch ständig Erfolgsmomente, wenn ein Projekt abgeschlossen ist – das macht unglaublich stolz.

Aber vor allen Dingen hat mir das Handwerk beigebracht, nicht aufzugeben. Die Baustelle muss fertig werden, für vieles erst eine Lösung gefunden werden. Durch das Handwerk habe ich gelernt, einen klaren Kopf zu behalten, erst noch einmal durchzuatmen und nachzudenken, bevor ich weitermache. Das sind Dinge, die du im Handwerk lernst, und die du in dein Leben außerhalb der Arbeit integrieren kannst.

Welche Rolle spielt Geld für das Image des Handwerks?

Geld spielt für alle eine Rolle. Wer sagt, "Geld ist mir egal, ich arbeite umsonst", der lügt. Und im Handwerk kann man gutes Geld verdienen, definitiv. Das sind auch Themen, die transparenter behandelt werden müssten. Den jungen Leuten müsste gezeigt werden, dass man schon lange nicht mehr nur `n Appel und `n Ei verdient, sondern als guter Handwerker oder gute Handwerkerin richtig gutes Geld verdienen kann. Klar, man muss gut sein in seinem Job. Aber dann darf gute Leistung auch fair entlohnt werden.

"Das Thema Geld geht jeden etwas an. Es sollte viel transparenter behandelt werden."

Was sind für Dich die größten Vorzüge am Handwerk?

Ich sehe am Ende des Tages, was ich gemacht habe, was ich gebaut habe. Es ist einfach immer ein unglaublich tolles Gefühl, wenn ich mein Projekt fertig gebaut habe. Ich gucke mir das an und bin so stolz auf mich.

Sandra Hunke an einer Waschbecken-Armatur.
Seit sie klein ist, schlägt Sandra Hunkes Herz für das Schrauben und Werkeln. In der Schule wurde sie dafür noch belächelt. - © Sandra Hunke

Handwerk ist außerdem etwas Bodenständiges. Vor allen Dingen aber ist es zukunftssicher. Ich werde immer Arbeit haben und in den nächsten zehn Jahren definitiv nicht von einem Roboter ersetzt werden – was in 20, 30 Jahren ist, keine Ahnung. Ich glaube da aber ehrlich gesagt nicht dran.

Auch das Schulsystem sprichst Du im Buch an. Wie schwer Du dich selbst mit dem Lernen und in sozialen Gefügen getan hast – und auch, wie Du belächelt wurdest, weil Dir das Werkeln Freude bereitete. Deshalb schreibst Du über die Notwendigkeit von sensibilisierenden Kampagnen bereits in der Schule. Was wünschst Du Dir dort konkret?

Jemand, der das Buch liest, wird schnell merken: Unser Schulsystem ist schwierig, und es ist an der Zeit, es zu hinterfragen und etwas daran zu ändern. Ich würde mir wünschen, dass zum Beispiel das Fach Werken wieder eingeführt wird – und zwar in allen Schularten. Ich bin sogar der Meinung, es sollte ein Pflichtfach sein – jeder sollte einmal gelernt haben, wie man einen Nagel in die Wand schlägt. Das ist keine Kunst, das ist einfaches ABC. So hätten auch Jugendliche aus Familien, die nichts mit dem Handwerk zu tun haben, die Möglichkeit, damit in Berührung zu kommen. Das Handwerk hätte so überhaupt erst eine Chance, bei den Menschen einmal kurz "Hallo" zu sagen.

Was soll nach der Lektüre des Buches bei den Lesern hängenbleiben – gerade im Mittelstand des Handwerks?

Ich möchte, dass ganz viele Leute ihren Zweifel an sich selbst beiseite packen. Ich hoffe auch, dass mehr Leute einschreiten, wenn sie sehen, dass eine Frau ungerecht behandelt wird. Einfach, weil sie gelesen haben, wie sich eine Frau dabei fühlt. Dass sie sich für sie stark machen, gerade Chefs.

"Sexuelle Belästigung muss sich niemand gefallen lassen."

Wieso gerade Chefs?

Mich erreichen so viele Geschichten von Geschäftsführern, die bei dem Thema ziemlich versagt haben. Erzählungen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, Geschichten, in denen Sätze gefallen sind wie "Du bist im Handwerk, du musst dir das gefallen lassen". Das ist totaler Bullshit. Ich muss mir auf der Baustelle keine sexistischen Sprüche anhören. Ich muss mich nicht sexuell belästigen lassen. Das ist leider oft ein Totalversagen vonseiten der Chefs. Ich glaube aber, dass ich das Thema im Buch so verarbeitet habe, dass es auch Männer lesen können. Ohne dass ihnen langweilig wird. Und tatsächlich habe ich bereits ein paar Nachrichten von männlichen Lesern auf Instagram bekommen, die meinten, das Buch würde vielen Männern guttun.