Nachhaltigkeit Dachbegrünung: Dachdecker entdecken grünen Daumen

Bepflanzte Dächer können das Klima positiv beeinflussen und Städte vor Hitze schützen. Das bietet Chancen fürs Handwerk. Wie Dachdecker die Klimawende mitgestalten wollen.

Intensive Dachbegrünung auf der Wiegmann-Klinik in Berlin
Grüne Oase in luftiger Höhe: Intensive Dachbegrünung wie auf der Wiegmann-Klinik in Berlin bedarf gärtnerischer Pflege, die Ansprüche an die Statik sind hoch. Den höchsten Anteil an Gründachfläche pro Einwohner gibt es übrigens in Stuttgart, die Stadt führt mit 4,1 m2 die Gründach-Bundesliga an. - © BuGG

Innenstädte und Ballungsräume entwickeln sich immer mehr zu Hitzeinseln. Obwohl sich der vergangene Sommer hierzulande eher von seiner kühlen Seite zeigte, wird sich die Atmosphäre infolge des Klimawandels weiter aufheizen. Mehr Gründächer könnten dabei helfen, Städte vor dem Hitzekollaps zu bewahren. Der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) rüstet sich schon für das wachsende Geschäftsfeld und kooperiert dafür mit dem Bundesverband Gebäude-Grün (BuGG). Denn immer mehr Dachdecker entdecken ihren grünen Daumen.

"Wollen Klimawende mitgestalten."

ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk erhofft sich von der Zusammenarbeit für sein Gewerk einen kräftigen Schub der Kompetenzen in Sachen Dach- und Fassadenbegrünung. "Wir Dachdecker wollen die Klimawende mitgestalten", sagt der Dachdecker-, Klempner- und Zimmerermeister aus Rees-Haldern am Niederrhein. Nach dem Weltkongress Gebäude-Grün im Mai 2022 in Berlin wollen die beiden Verbände bei einer Aktionswoche für ihr Anliegen werben.

Laut ZVDH und BuGG spricht eine ganze Reihe von Gründen für mehr Pflanzen auf Deutschlands Dächern:

  • Bei Starkregen halten Gründächer Wasser zurück und entlasten so die Kanalisation,
  • Wärmedämmung im Winter und Kühlung im Sommer sparen Energie,
  • geringere Sonneneinstrahlung und Temperaturschwankungen erhöhen die Lebensdauer der Ab­dichtungen von Flachdächern,
  • die Pflanzen binden Staub und filtern Luftschadstoffe,
  • Schallschutz.

Mehr Grün auf Flachdächern möglich

Allein die bisher bundesweit rund 120.000 m2 begrünter Dachfläche speichern rund 3,6 Mill. m3 Wasser und 96.000 t CO2. Pro Tag können auf dieser Fläche rund 240.000 m3 Wasser verdunsten. Trotz dieser positiven Effekte werden laut ZVDH aktuell nur rund neun Prozent der neu errichteten Flachdächer begrünt. Gezielte und einheitliche Förderkriterien können diese Quote deutlich erhöhen und das Klima verbesseren, hatte der ZVDH vor der Bundestagswahl an die Parteien appelliert.

Dachdeckermeister Joachim Schaumlöffel
Dachdeckermeister Joachim Schaumlöffel. - © privat

Philip Witte, Technik-Referent beim ZVDH, registriert eine steigende Anzahl von Betrieben, die sich mit dem Thema Gründach befassen. "Immer mehr Dachdecker wollen Dachgärtner werden, noch aber kooperieren die meisten von ihnen bei der Begrünung mit Landschaftsgärtnern", sagt Witte. Das macht auch Joachim Schaumlöffel so, zumindest wenn es um intensive Dachbegrünung geht. Intensive Gründächer sind mit einem ebenerdigen Garten vergleichbar und erfordern die übliche Pflege mit aktiver Bewässerung und Düngung.

Extensive und intensive Gründächer

Bei extensiven Gründächern übernimmt der Dachdeckermeister aus dem hessischen Gudensberg die Bepflanzung dagegen gerne selbst. Mit 80 Prozent stellen sie den Löwenanteil unter den Gründächern, weil sie pflegeleicht sind und dank geringerer Erdschüttung die Statik des Gebäudes weniger belasten. Gepflanzt werden vor allem Gräser, Kräuter, Moose und Sukku­lenten.

"Bei solchen Dächern reichen ein bis zwei Wartungen pro Jahr. Bauherr oder Bewohner müssen sich um nichts kümmern", sagt Schaumlöffel, der schon Anfang der 1980er-Jahre bei einer Garagenanlage in Kassel sein erstes Gründach gebaut hat. Bis heute seien es hauptsächlich kleinere Flachdächer, etwa von Carports oder Garagen, die bepflanzt werden. Öffentliche Auftraggeber würden zunehmend auch die Dächer von größeren Objekten begrünen, etwa bei Kindergärten oder Altenheimen.

Der Markt für Gründächer wächst nach Schätzungen des Bundesverbandes Gebäude-Grün seit 2008 jedes Jahr um durchschnittlich sieben Prozent. Damit gehört Deutschland weltweit zu den Vorreitern. Das Feld ist bestellt. Und die Dachdecker wollen bei der Ernte dabei sein.