Probleme bei der Umsetzung Coronatests im Betrieb: Woran es in der Praxis hakt

Corona-Tests gelten neben Hygieneregeln und Impfen als ein wichtiger Baustein, um die Pandemie zu bekämpfen. Immer mehr Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern Schnelltests an – auch im Handwerk. Dabei zeigen sich aktuell jedoch noch Probleme, vor allem bei den Testkapazitäten.

Jessica Schömburg und Eileen Wesolowski

Bisher gibt es keine Testpflicht für Betriebe. Zum Schutz der Mitarbeiter und Kunden sollten jedoch wöchentlich Tests durchgeführt werden. Bisher hapert es vor allem an verfügbaren Tests. - © ralamst - stock.adobe.com

Immer mehr Unternehmen in Deutschland wollen ihren Belegschaften Schnelltests zur Erkennung des Coronavirus anbieten. Nicht nur die Industrie, sondern auch viele Handwerksbetriebe sind bereits am Testen oder planen es für die kommenden Tage. Ein Blick in die Praxis zeigt, dass es momentan vor allem Probleme bei der Beschaffung der Tests gibt.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) pocht darauf, dass die Wirtschaft verstärkt testen soll und verweist auf eine Selbstverpflichtung, die Anfang April endet. "Wenn nicht der überwiegende Teil der deutschen Wirtschaft (...) das muss in die Richtung 90 Prozent sein, Tests seinen Mitarbeitern anbietet, dann werden wir mit regulatorischen Maßnahmen in der Arbeitsschutzverordnung dazu vorgehen." Merkel kündigte eine Entscheidung für Mitte April an.

Dievermehrte Nutzung von Schnelltests gilt neben den Hygieneregeln und dem Impfen als ein Baustein im Kampf gegen die dritte Pandemiewelle. "Je mehr wir testen, umso weniger müssen wir einschränken", sagt Merkel.

Hälfte der Handwerksbetriebe testet, aber zu wenig Tests verfügbar

Der Aufruf der Wirtschaft zu einer Ausweitung der Corona-Tests in Firmen trifft nach Einschätzung der Spitzenverbände auf große Resonanz. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) berichtete der Deutschen Presse-Agentur, nach ersten Rückmeldungen lasse sich als Tendenz erkennen, dass rund die Hälfte der Handwerksbetriebe ihren Beschäftigten Tests anbiete oder dies bald plane. Eine Testpflicht lehnt der Verband jedoch ab.

Eine aktuelle Umfrage unter 600 Gebäudereinigern zeigt, dass ein Drittel der befragten Unternehmen den Beschäftigten schon heute Coronatests anbietet. Ein weiteres Viertel plant in Kürze ein entsprechendes Angebot, teilte der Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks mit.

Auch das Baugewerbe steht hinter der Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft, Beschäftigte und Auszubildende regelmäßig auf eine Infektion mit dem Coronavirus zu testen, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung. DieBerufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) mit ihrem Arbeitsmedizinischen Dienst (AMD) unterstützen dabei. "Aus vielen Gesprächen und Rückmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen wissen wir, dass diese ihre Verantwortung auch an dieser Stelle sehr ernst nehmen“, erklärt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des deutschen Baugewerbes (ZDB), "Gemeinsam mit der BG BAU sorgen wir dafür, dass die Arbeit auf den Baustellen sicher fortgeführt werden kann.“ 

Die BG Bau informiert auf einer Sonderwebsite zum Thema unter anderem über den Ablauf von betrieblichen Coronatests und gibt praxisnahe Tipps zu deren Einsatz. Über eine eigens eingerichtete Hotline können sich die Bauunternehmen von medizinischen Expertinnen und Experten beraten lassen. Der AMD bietet den Beschäftigten der Bauwirtschaft und baunaher Dienstleistungen im Rahmen seiner Vorsorgeuntersuchungen zudem die Durchführung eines Schnelltests an.

Laut Handwerkspräsident Wollseifer scheiterten die Tests aktuell nicht an dem fehlenden Willen der Betriebe, sondern daran, dass nicht genügend Test-Kits zur Verfügung stünden. Das dürfe dann nicht zu Lasten der Betriebe gehen. "[Die] Politik ist vielmehr gefordert, eine schnelle Beschaffung von Selbst- und Schnelltests in ausreichender Menge zu vertretbaren Preisen zu ermöglichen", sagt Wollseifer. 

Dass aktuell nicht genügend Tests zur Verfügung stehen, bestätigen auch einige Betriebe auf Anfrage der DHZ. So zum Beispiel eine Gerüstbaufirma aus Ingolstadt. "Wir wollen für unser 20-köpfiges Team 200 Schnelltests besorgen", erklärt eine Sprecherin, "aber wir bekommen aktuell einfach keine Tests." Das Unternehmen sei in allen Apotheken in der Umgebung vorgemerkt, doch überall herrsche ein Mangel an Tests.

>>> Lesetipp: Coronatests im Betrieb: Wichtige Fragen und Antworten

Praxisbeispiel: Dachdeckerbetrieb

Im Dachdeckerbetrieb Bernhardt Bedachung-Gerüstbau in Frankfurt am Main wird bereits getestet. Einmal pro Woche lassen sich die drei Mitarbeiter auf dem Bau und auch die beiden Kollegen aus dem Büro testen. "Wir möchten damit zeigen, dass wir alles tun, um uns und unsere Kunden zu schützen", sagt Melanie Bernhardt, "Immerhin arbeiten wir zum Beispiel auch in einer Behinderteneinrichtung."

DieDachdecker Melanie und Oliver Bernhardt testen wöchentlich. Sie wollen für ihre Kunden, Mitarbeiter und sich selbst einen größtmöglichen Schutz gewährleisten. - © Bernhardt

DiePressesprecherin der Dachdeckerinnung Frankfurt hat die Tests online besorgt, gerade noch rechtzeitig, wie sie berichtet. "In dieser Woche sind leider kaum noch Tests online verfügbar." Daher hat die Dachdeckerin Testslots bei der kostenfreien Bürgertestung gebucht. "Ich habe zum Glück noch freie Termine direkt um sieben Uhr morgens bekommen. Dann können die Kollegen dort vor der Arbeit hinfahren", sagt Bernhardt. Das Testzentrum liegt nicht weit vom Betrieb, daher sei es kein größerer Umweg. Nach 20 Minuten erhalten die Mitarbeiter dann eine Nachricht aufs Smartphone, ob das Ergebnis positiv oder negativ ist.

Eine mögliche Testpflicht sieht Bernhardt kritisch. Nicht nur die Selbsttests online seien knapp, auch die Kapazitäten für offizielle Schnelltest seien schnell aufgebraucht. "In Hessen gibt es insgesamt nicht viele dieser Schnellteststationen. Für Betriebe, die weit entfernt von diesen Stationen sitzen und keine Schnelltests online kaufen können, bleibt die Umsetzung der Selbsttest ein schwieriges Unterfangen", sagt sie. Auch bei den Dokumentationspflichten sei noch vieles unklar. Und für manch einen Betrieb mit vielen Mitarbeitern könnte es teuer werden die Tests, die zwischen sieben oder auch mal 15 Euro liegen, bereitzustellen.

Praxisbeispiel: Holzbaubetrieb

Bei Holzbau Kruger in Abtsgmünd in Baden-Württemberg können sich die 35 Mitarbeiter, neben den offiziellen Testzentren, auch im Betrieb auf das Coronavirus testen lassen. Dafür stellt Geschäftsführer Martin Kruger Selbsttests zur Verfügung, die er über eine Online-Plattform bestellt hat: "Zuvor habe ich auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums geprüft, welche Tests von der Bundesregierung empfohlen werden. Dort gibt es eine entsprechende Liste mit zuverlässigen Anbietern."

Ein strenges Testkonzept ist im Betrieb bislang nicht vorgeschrieben. "DieTests sind freiwillig und dienen der Ergänzung der offiziellen Maßnahmen. Wenn sich einer unserer Mitarbeiter unsicher ist, kann er einen Test machen", so Kruger. Dieser Fall sei bereits eingetreten: Im privaten Umfeld eines Teamleiters hatte es eine Corona-Ansteckung gegeben, ohne dass dieser selbst infiziert war. Daraufhin hat sich sein komplettes Team auf das Virus getestet – zur Sicherheit. "DieErgebnisse waren alle negativ, das beruhigt dann schon im ersten Schritt. Zur Sicherheit haben sich unsere Mitarbeiter dann noch ein zweites Mal bei einem Arzt testen lassen", sagt Kruger. Er rät seinen Mitarbeitern zwar, das Angebot wahrzunehmen, er zwinge aber niemanden dazu. Insgesamt sei die Test-Möglichkeit sehr gut bei den Beschäftigten angekommen.

>>> Lesetipp: Weitere Informationen zum Thema Coronatest im Betrieb bietet der ZDH auf seiner Website

Orthopädietechniker wollen Tests durchführen

Beim Ausbau der Testkapazitäten könnten auch andere Einrichtungen helfen. Ein Gewerk, dass sich schon länger dafür einsetzt, die nationale Teststrategie stärker zu unterstützen sind die Orthopädietechniker. "Sanitätshäuser und orthopädietechnische Betriebe in die nationale Teststrategie einzubeziehen, ist nur logisch", sagt Alf Reuter, Präsident des zuständigen Verbands (BIV-OT). "Sie verfügen über die sachlichen und räumlichen Voraussetzungen für die Testungen und können mit ihrem hochqualifizierten medizinischen Fachpersonal einen wertvollen Beitrag zur nationalen Teststrategie leisten."

Auch andere Wirtschaftszweige ziehen mit

Dem Appell zum Testen seien in den ersten Tagen auch zahlreiche Unternehmen aus der Industrie gefolgt. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes BDA, spricht davon, dass Unternehmen von mehr als die Hälfte der Beschäftigten beteiligt seien. Täglich kämen weitere hinzu. "Dabei stoßen sie auch auf Herausforderungen wie die Integration von Tests in die betrieblichen Abläufe oder auf Hindernisse, beispielsweise bei der Beschaffung von Selbsttests aufgrund schleppender Zulassungen."

Große Konzerne setzen ebenfalls auf Tests für ihre Mitarbeiter. Aber auch hier ist die Verfügbarkeit eine Einschränkung. Der Autobauer Volkswagen etwa stellt allen Beschäftigten an seinen deutschen Standorten nach Ostern zweimal in der Woche einen Test zur Verfügung.

DieSupermarktketten Aldi Nord und Aldi Süd stellen nach eigenen Angaben seit vergangener Woche allen Beschäftigten in Präsenzarbeit wöchentlich einen Selbsttest zur Verfügung. Bei Rewe ist die Verteilung der Selbsttests ebenfalls angelaufen, wie ein Sprecher sagte. Angeboten wird demnach zunächst ein Test in der Woche. Dies sei aber eine Frage der Verfügbarkeit.

Der Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp stellt nach eigenen Angaben ab Anfang April allen rund 56 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Deutschland zunächst ein Set mit fünf Schnelltests zur Verfügung. Opel hat nach eigenem Bekunden Zehntausende Selbsttests bestellt und will alle Beschäftigten mindestens einmal in der Woche testen, sofern sie nicht zu Hause arbeiten. Bei Daimler bekommen Mitarbeiter, die vor Ort arbeiten, laut Konzern einmal pro Woche einen Selbsttest, um sich zu Hause zu testen.

Die Commerzbank stellt Mitarbeitern auf Bestellung Tests zur Verfügung, wie ein Sprecher sagte. Der Heimarbeitsanteil liegt demnach in Deutschland einschließlich der Filialen bei deutlich über 50 Prozent. DieKonkurrentin Deutsche Bank will Mitarbeiter, die vor Ort sein müssen, flächendeckend mit Tests ausstatten, sobald sie ausreichend vorhanden sind. Grundsätzlich gelte, wer im Homeoffice arbeiten könne, solle dies tun, sagte eine Sprecherin. Ohne Filialen betrage der Anteil etwa 80 Prozent.

DGB fordert Testpflicht

Ein anderes Bild der aktuell freiwilligen Tests zeichnet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und fordert eine bundesweite Pflicht für Betriebe, ihren Mitarbeitern Corona-Tests anzubieten. "DieSelbstverpflichtung allein reicht nicht. Viel zu viele Arbeitgeber weigern sich immer noch, ihrer Verantwortung gerecht zu werden", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Testangebote müssten verpflichtend sein, die Kosten müssen die Arbeitgeber tragen, verlangte Hoffmann. Für die Beschäftigten sollten die Tests aber weiterhin freiwillig sein, betonte der DGB-Chef.

Mit Inhalten der dpa