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Psychische Auswirkungen der Corona-Krise Corona: Was die Krise mit der Psyche der Menschen macht

Die Corona-Krise bringt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Menschen an ihre Grenzen. Dipl.-Psychologe und Psychotherapeut Enno Maaß erläutert im DHZ-Interview die psychischen Auswirkungen und wie Paare ihre Beziehung retten können.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

DHZ: Was macht eine Extremsituation wie Kontaktverbot mit Menschen?
Enno Maaß: Das ist ganz unterschiedlich. Sozialer Kontakt, Austausch und Nähe ist für Menschen ein zentrales Bedürfnis. Soziale Isolation ist ein Stressfaktor und wirkt intensiv auf Psyche und Körper. Wir wissen aus der ­Forschung, dass Stresssituationen nicht zwingend Ursache, aber Aus­löser für psychische Erkrankungen sein ­können. Hinzu kommen noch die Angst um den Arbeitsplatz oder das Unternehmen, das persön­liche Ansteckungsrisiko, die Ge­­fahren für die Gesellschaft und das Individuum. Das ist schon ziemlich viel, was da auf die Menschen einwirkt.

DHZ: Was muss getan werden, damit die Scheidungsrate nach der Corona-Krise nicht steigt?
Maaß: In der Krise kommt es auch darauf an, dass zu Hause ein gutes Klima herrscht. Man muss lernen auf engem Raum miteinander zurechtzukommen. Diese Zeit ist für eine Beziehung riskant und jedes Paar sollte sich darüber Gedanken machen.

DHZ: Wie schafft man gutes Klima, wenn man nicht aus dem Haus darf?
Maaß: Man muss sich irgendwie beschäftigen. Vielleicht auch Zeiten des Alleinseins einbauen, alleine spazieren gehen oder Sport machen. Außerdem helfen feste Tagesstrukturen und Arbeitsteilung, wobei man auch hier nicht alles gemeinsam machen muss. Ganz wichtig: Das Paar sollte mit­einander sprechen. Etwa darüber, was die Situation mit ihm macht oder was sich danach ändern sollte? Streitthemen sollten aber besser auf die Zeit nach der Krise verschoben werden.

DHZ: Wie lange hält der Mensch diesen Zustand aus?
Maaß: Das hängt von der persönlichen Konstitution ab. Nach zehn bis 14 Tagen werden die Menschen anfangen, die Auswirkungen der sozialen Isolation deutlich zu spüren.

DHZ: Viele haben auch Existenzängste.
Maaß: Bei vielen läuft jetzt ungebremst eine Gedankenkette ab – vom Verlust des Lebensstandards und der Gesundheit, drohende Arbeitslosigkeit bis hin zum Bankrott. Und leider ist im Moment noch nicht klar, wo diese Gedankenkette unterbrochen werden könnte, weil wir nicht wissen, wie die Krise verlaufen wird.

DHZ: Was heißt das für Unternehmer?
Maaß: Jede körperliche Krankheit hat auch psychische Auswirkungen. Daher ist es gut, wenn in der Krise diese Auswirkungen berücksichtigt werden. Und auch Unternehmer sollten die psychische Belastung und Beanspruchung ihrer Mitarbeiter im Blick haben.

DHZ: Manche empfinden das Reiseverbot wie einen Freiheitsentzug. Wie kommt das?
Maaß: Das Gefühl von Freiheit entsteht im Kopf. Wenn gewisse Optionen gedanklich nicht mehr vorstellbar sind, bewirkt das ein Gefühl von Unfreiheit und eingeschlossen sein.

DHZ: Warum halten sich manche Menschen nicht an die Vorgaben?
Maaß: Die Krise ist neu und es ist noch nicht klar, wie hoch die individuelle Gefahr tatsächlich ist. Es bleibt ein Interpretationsspielraum, um die Gefahr für sich selbst einzuschätzen. Je abstrakter die Risiken, desto weniger motiviert ist der Mensch, sich risikovermeidend zu verhalten. Der Mensch lernt nun mal am besten aus Erfahrung. Wer jetzt einen Angehörigen verliert oder extrem leidet, wird sich – falls eine solche Krise wieder auftritt – intensiver und motivierter an die Vorgaben halten.

DHZ: Dennoch: Man hat das Gefühl, es gehen schon wieder mehr Menschen nach draußen. Gewöhnt man sich schnell an eine Gefahr?
Maaß: Mit ihren Maßnahmen hat die Politik den Menschen eine klare Orientierung gegeben. Sie lernen jetzt, sich innerhalb dieser Regeln zu bewegen und wie weit der Spielraum geht. Es ist menschlich, dass dieser Spielraum mehr und mehr genutzt wird. Das ist ein Anpassungsprozess.

DHZ: Wird sich die Gesellschaft nach Corona verändern?
Maaß: In Krisenzeiten werden Grundbedürfnisse wie Wohlstand, Existenz und Sicherheit oft neu reflektiert und der Weg zur Befriedigung dieser Bedürfnisse hinterfragt. Auch Klima, Globalisierung, Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit spielen dabei eine Rolle.

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