Frauen übernehmen im Handwerk viele Rollen. Doch die Zahlen bleiben ernüchternd – nur 35 Prozent der Angestellten sind Frauen, bei den Auszubildenden ist die Quote über Jahre sogar gesunken. Woran das liegt – und warum selbst Betriebe, die gerne Frauen einstellen würden, zögern.

Selbstständige und Meisterin
Rund 35 Prozent der Geschäftsführerpositionen im Handwerk besetzen Frauen – und damit deutlich mehr als in größeren Mittelstandsunternehmen und der Industrie. Das zeigt die Studie "Die Beschäftigungssituation von Frauen im deutschen Handwerk" aus dem Jahr 2023. In einzelnen Gesundheitshandwerken liegt die Quote laut dieser Frauenstudie sogar über 50 Prozent.
Knapp die Hälfte der Chefinnen im Handwerk hat einen Gesellen- oder Lehrabschluss, 45 Prozent sind Meisterinnen. Die Zahl der Meisterinnen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt, vor allem in Engpassberufen wie der Orthopädietechnik, aber auch im Bauhandwerk, wo sich die Zahl der Meisterinnen zwischen 2013 und 2024 mehr als verdoppelt hat. Absolut gesehen ist die Zahl der Meisterinnen dennoch klein. Laut Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln sind von den Personen mit Meistertitel 17 Prozent Frauen, allerdings Tendenz steigend.
Viele selbstständige Handwerkerinnen haben ihren Bildungsweg außerhalb des Handwerks begonnen. Ein Drittel hat einen Abschluss an einer Berufsakademie, einer Fachhochschule oder einer Hochschule, zeigt die Frauenstudie. 43 Prozent waren vor ihrer Rolle als Geschäftsführerin in einer anderen Branche tätig.
Jede dritte Geschäftsführerin hat minderjährige Kinder und nennt diese Doppelbelastung aus Familie und Beruf als ihre größte Herausforderung. 37 Prozent haben auch deswegen die Selbstständigkeit gewählt, um flexibler zwischen Arbeit und Familie agieren zu können. Wichtigstes Motiv für eine Selbstständigkeit ist aber die Möglichkeit, eigenständig entscheiden zu können und persönlich weiterzukommen, außerdem die Betriebsnachfolge in der Familie. Als besondere Stärken weiblicher Führungskräfte im Handwerk wird deren Empathie und Teamfähigkeit genannt.
Unternehmerfrau und Chefin
Aus vielen Familienbetrieben im Handwerk ist sie nicht wegzudenken: die Unternehmerfrau. Sie managt in der Regel das Backoffice, Personal und Büro. In die Position der Unternehmerfrau kommt sie meist durch Heirat oder Partnerschaft mit einem Handwerksunternehmer, oftmals teilt sich das Paar die Geschäftsleitung.
So wie Claudia Beil, Vorsitzende des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Bayern. Nach Angaben des Bundesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) werden rund 75 Prozent aller Handwerksunternehmen als Familienbetriebe gemeinsam von Mann und Frau geleitet. Als Claudia Beil ihren Mann Jürgen heiratete, heiratete sie den Malerbetrieb Beil in Erding also quasi mit.
Über das Netzwerk und die Weiterbildungsangebote der UFH eignete sich die gelernte Metzgereifachverkäuferin das notwendige Wissen an. "Weiterbildung war auch in den kommenden Jahren und ist bis heute sehr wichtig, denn natürlich verändert sich viel im Laufe der Zeit und man muss sich mitentwickeln", sagt die 60-Jährige. Unterstützung habe sie auch durch das Netzwerk und den Austausch mit anderen Frauen im Handwerk erhalten. Heute sagt Claudia Beil: "Ich bin stolz, Unternehmerfrau zu sein." Sie freue sich, dass viele junge Frauen heute mit Begeisterung ins Handwerk kämen. Wichtig: Unternehmerfrauen sollten sich immer mit einem Arbeitsvertrag absichern, wenn sie im Familienbetrieb mitarbeiten.
Frauen im Ehrenamt
49:4 ist das Verhältnis von Männern zu Frauen an der Spitze einer Handwerkskammer in Deutschland. Eine von ihnen ist Susanne Haus. "Da ist noch Luft nach oben", sagt die Präsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, "es muss natürlich auch Frauen geben, die sich einbringen wollen." Ihre Amtskollegin Katja Maier, Präsidentin der Handwerkskammer Ulm, sieht das ähnlich. "Es müssen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen geschaffen werden, Frauen dabei zu unterstützen, Familie, Beruf und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen. Insbesondere im ländlichen Raum ist das noch nicht ausreichend geregelt", sagt die Zimmerermeisterin, die seit 2024 Präsidentin ist.
Und auch Netzwerke könnten Türen öffnen und "sind daher ein zentraler Baustein, um sich gegenseitig zu unterstützen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen." Statistisch gesehen engagieren sich nur geringfügig weniger Frauen ehrenamtlich als Männer. "Ich habe mich sehr bemüht, mehr Frauen in unsere Vollversammlung zu bringen", sagt Susanne Haus, die seit 2020 im Amt ist. Sie müsse viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn das Verständnis von ehrenamtlichem Engagement habe sich verändert. Die Maler- und Lackierermeisterin selbst ist auch Mitglied im Präsidium des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. „Es macht mir viel Spaß. Man kann in dieser Position viel bewegen und gestalten.“
Beschäftigte und Auszubildende
Nur 35 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Handwerksbetrieben sind Frauen. Gut die Hälfte von ihnen arbeitet handwerklich, rund 17 Prozent haben Personalverantwortung. Die Lebensmittelgewerbe, Gesundheitsgewerbe und Gewerbe für den privaten Bedarf haben überdurchschnittlich hohe Quoten von über 70 Prozent Frauenanteil, während Ausbau- und Baugewerbe klar von Männern dominiert werden. Jeder fünfte Betrieb beschäftigt gar keine Frau. In Ostdeutschland liegt die Frauenquote höher als im Westen, zeigt die Studie "Frauen im Handwerk" des Ludwig-Fröhler-Instituts von 2023.
Von den derzeitigen Auszubildenden im Handwerk sind nur 17,3 Prozent weiblich. Die Quote ist also noch niedriger als bei den Beschäftigten und von 2010 bis 2024 sogar um 6,5 Prozentpunkte gesunken, beweisen die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung. Auch hier gilt: Im Gewerbe für den privaten Bedarf, Lebensmittelgewerbe und Gesundheitsgewerbe sind die Frauenquoten überdurchschnittlich hoch, während Bau- und Ausbaugewerbe weit zurückliegen.
Über 60 Prozent der Betriebe würden laut Frauenstudie gerne mehr Frauen beschäftigen und verweisen auf positive Erfahrungen. Konkret benennen sie Teamfähigkeit, Organisationsstärke und kommunikative Fähigkeiten der Frauen. Dass die Frauenquote trotzdem kaum steigt, liegt nicht nur an fehlenden Bewerberinnen. Auch die Sorge vor Ausfallzeiten wegen Mutterschutz und Kinderbetreuung lässt Chefs zögern, wenn sie die Wahl zwischen einer Frau und einem Mann für eine Stelle haben. Tatsächlich versorgen knapp 30 Prozent aller weiblichen Angestellten im Handwerk neben ihrer Berufstätigkeit minderjährige Kinder. Über die Hälfte der Befragten gab entsprechend an, in Teilzeit zu arbeiten.
Mutter, Tochter und Kümmerin
Berufstätige Frauen sind selten "nur" berufstätig. Sie übernehmen auch überproportional viel Care-Arbeit – für die eigenen Kinder, ältere Angehörige und für den Haushalt. Im Schnitt leisten sie hier 30 unbezahlte Arbeitsstunden pro Woche. Hat ein Paar Kinder, dann bleibt meist die Frau zuhause oder wechselt in Teilzeit, schon allein aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie regelmäßig weniger verdient als er. Weltweit führt Elternschaft bei Männern zu höheren Beschäftigungsquoten, bei Frauen zu niedrigeren.
Zu wenige, zu kurze, vor allem aber nicht ausreichend verlässliche Betreuungseinrichtungen für Kinder schränken die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen stark ein, betont Lena Hipp, Sozialwissenschaftlerin im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professorin an der Universität Potsdam. Ihre Untersuchungen zeigen, dass Frauen es in punkto Elternzeit immer falsch machen, egal, wie sie sich entscheiden. Lange Elternzeiten bremsen sie beruflich aus, kurze Elternzeiten werden als unsympathisch und zu ehrgeizig wahrgenommen, so dass diese Frauen seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Bei berufstätigen Frauen wertet das Umfeld – anders als bei Männern – neben den fachlichen Leistungen immer auch das Private: Kinder, Kleidung und potenzielle Gebärfähigkeit entscheiden über Jobchancen.