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Building Information Modeling Bericht aus der Praxis: Wie ein Bauunternehmen BIM für sich nutzt

Was mancher Laie sich heute noch gar nicht richtig vorstellen kann, wird morgen zum Arbeitsalltag der Baubetriebe gehören. In einem Familienunternehmen in Maselheim läuft die Digitalisierung bereits auf Hochtouren.

Mitte November hat Julius Grimm seinen großen Auftritt. Dann wird der 26-Jährige im Rahmen der Autodesk University, einem weltweiten Anwenderforum des kalifornischen Softwaregiganten, die Kollaborationsplattform Zapper vorstellen. Hinter Zapper verbirgt sich die Zukunft – eine Zukunft, in der das Bauunternehmen Grimm aus dem oberschwäbischen Maselheim einmal arbeiten möchte.

Deshalb entwickelt man bei Grimm zusammen mit einem Partner aus der Schweiz mit Zapper ein digitales Werkzeug, das die virtuelle Zusammenarbeit von Lieferanten, Nachunternehmern, Mitarbeitern und Kunden erleichtern und die Effizienz der eigenen Bauprojekte steigern soll.

Tesla und die Automobilbranche vor Augen

Noch ist es ein langer Weg dahin. Und niemand weiß genau, wo er einmal enden wird. Eines steht für Julius Grimm aber fest: Auf dem Bau bleibt kein Stein auf dem anderen. "Wir werden eine disruptive Entwicklung erleben", sagt der junge Mann voraus und verweist auf das Beispiel Tesla in der Automobilbranche. Mit Building Information Modeling (BIM) drängt die Digitalisierung nun auf die Baustellen. Das gemeinsame, plattformbasierte Arbeiten an einem 3D-Datenmodell – von der Planung über Tief- und Hochbau bis hin zum Betrieb und Rückbau von Bauwerken – wird die Branche von Grund auf verändern, glaubt nicht nur Julius Grimm.

Laut einer Umfrage zur Digitalisierung in der Bauindustrie durch Pricewaterhouse Coopers (PwC) vom vergangenen Jahr rechnet die Hälfte der Führungskräfte in den Bereichen Planung/Design, Bau und Anlagenbau damit, dass sich ihr Geschäftsmodell durch BIM stark wandeln wird. "Das digitale Bauen bedeutet einen Paradigmenwechsel für die gesamte Branche", sagt BIM-Expertin Rebekka Berbner, Mitautorin der PwC-Studie.

Erstes großes BIM-Projekt

Werner, Julius und Paul Grimm

Bei Grimm in Maselheim wurde der Wandel vor drei Jahren eingeleitet. Mit dem Einstieg von Julius Grimm, der gleichzeitig an der Hochschule Biberach Projektmanagement Bau studierte, zog ein neuer Geist in den Familienbetrieb ein, der von seinem Vater Paul und seinem Onkel Werner in zweiter Generation geführt wird. Die Chefs förderten den Tatendrang der nachrückenden Generation von Beginn an nach Kräften. Und so wagte sich das Unternehmen 2017 an sein erstes großes BIM-Projekt. Koordiniert wurde es von Julius Grimm im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit.

"Der Neubau der radiologischen Praxis in Biberach war zugleich unser erstes Projekt im Gesundheitswesen mit entsprechend hohen Anforderungen. Auch dank BIM verlief der gesamte Bauprozess reibungslos", freut sich Paul Grimm über den gelungenen Einstieg in die neue Arbeitsweise. Mit dieser Referenz im Rücken gewinnt der Betrieb schon jetzt an Renommee. Vergangenes Jahr erhielt Grimm als Generalunternehmer den Zuschlag für den Um- und Neubau des Baywa-Baustoffzentrums in Biberach. Es wird das größte Projekt in der 55­jährigen Geschichte des Familienunternehmens mit aktuell rund 60 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von gut elf Millionen Euro.

Euroskills: Sieger kommt als Maurermeister zurück

Im Zuge der Transformation des traditionellen Baubetriebs in das Digitalzeitalter verändern sich aber nicht nur die Arbeitsabläufe – das gesamte Unternehmen durchläuft eine Verwandlung. Aus der Grimm Bauen und Verputzen GmbH wird schlicht Grimm. "Wir wollen nach außen als modernes Bauunternehmen wirken, sowohl bei Kunden als auch bei potenziellen Mitarbeitern", sagt Werner Grimm, der als Gipser- und Stuckateurmeister die Geschäftsfelder Umbau und Sanierung verantwortet. Dass Grimm als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird, beweist die Rückkehr von Christoph Rapp.

Der frühere Maurerlehrling hatte nach dem Sieg bei den Euroskills 2018 in Budapest seinen Ausbildungsbetrieb verlassen, um den Meisterbrief und den Abschluss als Techniker zu erwerben. Inzwischen arbeitet der 22-Jährige als Polier wieder bei Grimm. Künftig möchte das Unternehmen eine eigene digitale Planungsabteilung aufbauen, um den gesamten Bauprozess von Beginn an in Eigenregie abwickeln zu können. Dabei verlagert sich das Alltagsgeschäft stärker von der Baustelle ins Büro. Grimm trägt dem mit einem neuen Verwaltungsgebäude Rechnung.

Mit dem Flair eines Start-ups

Die neue Firmenzentrale von Grimm in Maselheim.

Wer die neue Firmenzentrale in Maselheim besucht, betritt lichtdurchflutete Räume mit viel Glas, ein bisschen Kunst und einem riesigen Flachbildschirm im Konferenzraum. Nichts erinnert hier an Bauen und Verputzen. Der Neubau atmet eher das Flair eines Start-ups. Allein sechs auffallend junge Mitarbeiter, also rund ein Zehntel der Belegschaft, beschäftigen sich mit BIM und dem digitalen Bauen. "Der Verwaltungsaufwand nimmt zwar zu, aber dafür haben wir weniger Fehlerquellen und der eigentliche Bau geht viel schneller. Wir sind auch draußen besser geworden", sind sich Paul und Werner Grimm einig, dass die eingeschlagene Richtung stimmt.

Das nächste Ziel heißt Zapper. Diese Softwarelösung soll einmal die zentrale Schnittstelle für die BIM-Modelle des Unternehmens werden. Julius Grimm möchte alle Daten in die Cloud verlagern. Dort soll die einzige Quelle der Wahrheit liegen – the single source of truth, wie IT-Experten sagen würden.

Im Prinzip geht es darum, die Planungssoftware Autodesk Revit mit dem ERP-System des Unternehmens zu verknüpfen und über eine webbasierte App allen Projektpartnern die für sie relevanten Informationen in Echtzeit zur Verfügung stellen. "Die Kalkulation zu automatisieren, ist eine echte Herausforderung, der wir uns aber stellen wollen", sagt Julius Grimm, der demnächst sein duales Masterstudium in Unternehmensführung Bau an der Akademie der Hochschule Biberach abschließen möchte.

Bauwirtschaft hofft auf Fortschritt bei der Produktivität

Im Verlauf der nächsten Jahre werden sich die Abläufe im Bauunternehmen Grimm immer stärker verändern. Auf einen ähnlichen Wandel muss sich die gesamte Branche einstellen. Der Zentralverband des Baugewerbes (ZDB) kommt in seiner Standortbestimmung zur Digitalisierung zu folgendem Fazit: Am Ende dieses Prozesses, wenn es ein solches tatsächlich geben sollte, wird die Bauwirtschaft eine andere sein als heute und vor allem wird sie den Produktivitätsfortschritt erzielt haben, den andere Branchen schon jetzt haben.

Julius Grimm ahnt, was das bedeutet. "Die Digitalisierung verleitet zur Fabrikation. Gewerkegrenzen werden verschwimmen, Berufe sich verändern. Kann gut sein, dass der Maurer in Zukunft in einer Halle arbeitet, wo er einzelne Gebäudeteile vorfertigt", blickt er voraus. Sein Vater Paul Grimm erlebt gerade ein Deja-vu. "Als ich nach meinem Studium als Bau-Ingenieur in den elterlichen Betrieb eingestiegen bin, habe ich Computer und Software eingeführt. Das war damals auch eine kleine Revolution. Heute erleben wir die nächste."

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