Selbstständigkeit Betriebsübernahme: Eine attraktive Gründungsform?

Wieso einen eigenen Betrieb gründen? Auf den ersten Blick scheint es attraktiv zu sein, sich "ins gemachte Nest zu setzen" und ein funktionierendes Unternehmen zu übernehmen. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch besondere Herausforderungen, die sich aber meistern lassen. Ein Beispiel aus der Praxis.

Alexander Bialas übernahm im Frühjahr 2022 einen Handwerksbetrieb, davor habe er sich lange damit auseinandergesetzt, ob er ein Unternehmen selbst aufbauen oder übernehmen möchte. - © Real - stock.adobe.com

Im Frühjahr 2022 kam es bei der Schild Konzept GmbH in Denkte im Landkreis Wolfenbüttel zu einer geplanten und – wie der Diplom-Wirtschaftsjurist Alexander Bialas betont – freundlichen Betriebsübernahme. In dem Unternehmen, das vor 25 Jahren von dem Ehepaar Frank und Anke Klußmann gegründet wurde, werden Schilder und Leitsysteme für Industrie, Kommunen sowie Bildungs- und Senioreneinrichtungen entworfen, hergestellt und anschließend deutschlandweit montiert.

Bis dato war Bialas als angestellter Abteilungsleiter in einem Touristikkonzern für Bereiche in IT, Recht, Betriebswirtschaft, Personalführung und Organisation verantwortlich. Dann schlug er einen neuen Weg ein. "Schon seit meiner Jugendzeit wollte ich selbstständig sein und habe mich immer weiterentwickelt. Also begab ich mich vor einigen Jahren zwanglos auf die Suche nach einem Unternehmen, das sowohl Handwerk als auch Handel und Dienstleistung in sich vereint", erklärt er.

Betriebsübernahme: Das Matching

Im Betriebsvermittlungspool Allianz für die Region GmbH, die mit regionalen Wirtschaftsförderungen, Kammern und Verbänden zusammenarbeitet, fand Bialas sein künftiges Unternehmen. Der Regionalpool übernimmt die Vermittlung und organisiert die ersten Gespräche zwischen Betriebsübergeber und Interessent. "Die dort eingestellte Schild Konzept GmbH arbeitete wie eine Manufaktur und produzierte mit ihrem Team hervorragende Produkte. Diese Erfolgsperspektiven und nicht zuletzt die Nähe zu meinem Wohnort überzeugten mich", sagt er.

Die Allianz für die Region war anschließend in die Verhandlungen mit den Steuerberatern beider Parteien sowie dem gemeinsamen Rechtsanwalt kaum noch eingebunden. Seit der Betriebsübernahme steht der ehemalige Inhaber Frank Klußmann dem neuen Geschäftsführer beratend zur Seite und seine Frau Anke Klußmann befindet sich im Angestelltenverhältnis. Sie erklärt: "Aus Alters- und Gesundheitsgründen haben mein Mann und ich beschlossen, unseren Betrieb an einen externen Interessenten abzugeben, da sich niemand innerhalb der Firma oder Familie fand. Wir haben bei der Suche nach einem Nachfolger bewusst darauf geachtet, dass es auch menschlich gut passt." Der reine Übergabeprozess dauerte anschließend eineinhalb Jahre.

Diese Details sind bei der Betriebsübergabe zu klären

"Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt, ob ich ein Unternehmen selbst aufbauen oder übernehmen möchte. Die Übernahme eines etablierten Betriebs mit einer bereits vorhandenen Infrastruktur schien mir persönlich sicherer zu sein", beschreibt Bialas seine Beweggründe für diese Art der Gründung. Schild Konzept konnte mit einem eingespielten Team, einem festen Kundenstamm sowie soliden Kontakten zu Lieferanten und Partnern aufwarten.

Der Wirtschaftsjurist war sich bewusst, dass mit der Betriebsübernahme viele Details zum Unternehmen und dessen Zahlen zu klären sind. Üblicherweise sind bereits zweckentsprechende Werkstatträume sowie ein komplettes Betriebsinventar zu einem fixierten Kaufpreis vorhanden, dennoch sind im Vorfeld behördliche Auflagen und Haftungsfragen für betriebliche Verbindlichkeiten, betriebsbedingte Steuern und Gewährleistungsansprüche zu prüfen. Besteht beispielsweise ein Investitionsstau bei Maschinen oder Einrichtung oder fehlen baurechtliche Voraussetzungen für eine mögliche Betriebserweiterung, könnte sich eine Betriebsübernahme als nachteilig herausstellen.

Die eigene Unternehmerpersönlichkeit

Doch nicht nur die harten Fakten, sondern insbesondere die Annahme der künftigen Unternehmerrolle ist ausschlaggebend. Bialas erläutert: "Selbstständig zu sein bedeutet zwar, viele Freiheiten zu genießen und nicht weisungsgebunden zu sein. Es ist aber auch eine Bürde, das unternehmerische Risiko zu tragen und auf eigene Rechnung zu arbeiten."

Neben hoher Leistungsbereitschaft sind Selbstdisziplin und ein gesunder Umgang mit Stress grundlegende Voraussetzungen, die ein Unternehmer erfüllen muss. Der Geschäftsführer ergänzt: "Das eigene Zeitmanagement ist enorm wichtig, denn die berufliche und private Zeit muss gut organisiert werden. Und ich muss im Arbeitsalltag delegieren können. Darüber hinaus sind handfeste Kenntnisse in Marketing, Finanzen und Steuern erforderlich. Sonst funktioniert es nicht."

Weiter mit neuen Visionen

Letztlich bescheren die Gesamtkonstellation und sinnvolle Entscheidungen den Erfolg eines Betriebs, so Bialas. "Es macht beispielsweise wenig Sinn, nach einer Übernahme überstürzt die Lieferanten auszutauschen. Ein Wechsel sollte eingehend geprüft werden. Es gilt auch, alte Kunden zu bewahren und gleichzeitig offen für neue zu sein. Daher muss man immer aufgeschlossen gegenüber weiteren Bereichen und Produkten sein", erläutert er.

Für ihn stand zunächst im Vordergrund, die Erfolgsparameter des wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmens zu identifizieren. Er erklärt: "Jetzt gilt es, eine Optimierung vorzunehmen. Mein Ziel ist, den Betrieb mit Bedacht und auch Demut um eigene Erfolgsfaktoren zu ergänzen, sodass er organisch wachsen und sich weiterentwickeln kann." Der Wirtschaftsjurist hat hierbei den Wettbewerb fest im Auge und feilt an Zukunftsstrategien. "Meine Interessen und Ideen müssen im Gleichklang mit den Ansprüchen und Erfordernissen des bisherigen Betriebs stehen, denn der alte Kern soll bewahrt werden. Nicht zuletzt spiegelt sich das auch in der Markenidentität wider", sagt Bialas.

Nicht immer ziehen alle mit

Im Idealfall genießt der Übernehmende in der Startphase die Unterstützung des vorherigen Inhabers – so wie in Bialas Fall. Er erklärt: "Die Mitwirkung der Gründer ist positiv und förderlich und bietet zumindest übergangsweise Sicherheit. Sie kann aber auch Nachteile haben, wenn es um Kompetenzen, Entscheidungen und um das Loslassen geht." Auch die Stammkunden bilden einen Unsicherheitsfaktor, denn es steht ihnen frei, die Geschäftsbeziehungen fortzuführen oder auch nicht. Er stellt fest: "Enge persönliche Bindungen zum ehemaligen Betriebsinhaber können im Einzelfall problematisch sein. Das belastet mich aber nicht weiter, denn am Ende will sich der Kunde gut betreut wissen und gute Produkte zu guten Preisen erhalten."

Die Übernahmepflicht bestehender Arbeitsverhältnisse kann sich im ungünstigsten Fall als nachteilig erweisen, wenn das Team den Nachfolger nicht akzeptiert, sich Neuem verweigert oder in einer Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Haltung verharrt. Auch eingefahrene Strukturen verengen den Raum für eigene Ideen, gibt Bialas zu bedenken und sagt: "Das ist bei einer Neugründung anders. Als Übernehmender muss man in allen Richtungen wesentlich toleranter, flexibler und ausgleichender sein."

Eine Betriebsübernahme kommt einer Neugründung gleich

Die Entwicklung eines tragfähigen Unternehmenskonzepts ist – wie bei einer Neugründung – auch bei einer Betriebsübernahme notwendig. "Wichtig ist, herauszufinden, wo die Kernkompetenzen des Unternehmens liegen, wohin ich mich persönlich als Inhaber entwickeln möchte und wie ich mein Team am besten mitnehmen kann", resümiert der Geschäftsführer. Er rät, sich fachlichen Rat einzuholen, eigene Erfahrungen zu sammeln, Visionen zu entwickeln und vor allem die eigene Familie einzubeziehen, denn mit einer Betriebsübernahme oder Neugründung werden der berufliche und private Bereich automatisch eng miteinander verzahnt.

Perspektivisch steht für Bialas Unternehmen die deutschlandweite Tätigkeit, aber auch eine verstärkte Regionalisierung sowie die Digitalisierung, der Aufbau eines Online-Shops und die Präsenz in den sozialen Medien an vorderster Stelle. Priorität hat zudem, neben der Gewinnung neuer Fachkräfte, insbesondere der menschliche Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Sein Motto lautet: Mehr miteinander sprechen als übereinander.