Digitales Handwerk Betriebe machen es vor: So geht Digitalisierung im Handwerk

Prozesse beschleunigen, den Arbeitskomfort steigern und den Kunden einen besseren Service bieten – drei Beispiele einer Bäckerei, eines SHK-Betriebs und einer Schreinerei zeigen, dass es gute Gründe dafür gibt, die Digitalisierung der Unternehmensprozesse lieber heute als morgen anzupacken

Für sein Digitalisierungskonzept wurde die Henry Wendt Installationsbetrieb GmbH mit dem Zukunftspreis der Handwerkskammer Dresden ausgezeichnet. - © Henry Wendt

Als Jochen Baier 2003 in den 1835 gegründeten Familienbetrieb in sechster Generation eingestiegen ist, gab es dort noch eine Schreibmaschine. "Von Digitalisierung war keine Spur zu sehen", erinnert sich der umtriebige Bäckermeister, der 2018 zum Weltbäcker des Jahres ausgezeichnet wurde und mit dem Fernsehkoch Johann Lafer in der ZDF-Sendung "Deutschlands bester Bäcker" aufgetreten ist.

Baier wollte das von Grund auf ändern und aus der Traditionsbäckerei einen digitalen Vorreiter machen. Dabei ging es ihm vor allem um den Gewinn von Freiheit. Sein Gedanke ist, durch die Digitalisierung mehr Zeit für die Handwerkskunst und für andere Dinge zu gewinnen, die ihm im Leben Spaß machen.

"Im Handwerk ist in der Regel alles auf den Meister fixiert und ohne den Chef läuft gar nichts. Ich wollte Strukturen schaffen, wo Prozesse weniger an Personen geknüpft sind und flexiblere Arbeitsmodelle ermöglichen, die auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern", sagt Baier.

Kasse im Verkauf spricht mit Touchscreen in der Backstube

In seinem 2016 neu eröffneten Backhaus im baden-württembergischen Herrenberg, nahe von Stuttgart, hat Baier die Digitalisierung von Anfang an mitgedacht. Ob Backstube, Verkauf oder Lager – alle Bereiche sind digital vernetzt. Gehen in der Bäckerei die Bestände einer Brotsorte zur Neige, sendet die Kasse automatisch eine Mitteilung in die Backstube. Über einen dort befindlichen Touchscreen wird angezeigt, welches Brot oder Feingebäck als Nächstes benötigt wird. Und nicht nur das: Über den Bildschirm können die Bäcker auch ein digitales Rezept für das jeweilige Produkt abrufen, das ihnen Schritt für Schritt anzeigt, welche Zutaten in welcher Menge benötigt werden.

Jochen Baier gewinnt durch die Digitalisierung mehr Freiheiten für andere Dinge im Leben. Foto: Bäcker Baier

Das Konzept bietet aus Sicht von Baier einige Vorteile. So wird genau das in der benötigten Menge produziert, was der Kunde gerade haben möchte. Dadurch lasse sich sehr effizient backen und es werde weniger weggeschmissen. Zudem sei mit dem digitalen Rezept-Guide das Backen schnell von einer auf die andere Person übertragbar. "Ich erinnere mich noch an die Zeit, als es nur einen Teigmacher gab. War der Mal krank oder im Urlaub, war das gleich ein riesige Herausforderung, die Produktion am Laufen zu halten." Für jeden Mitarbeiter ist im Betrieb ein digitales Profil hinterlegt, so dass die Arbeitszeiten exakt und effizient aufeinander abgestimmt werden können.

Baier will noch einen Schritt weiter gehen und auch die Mühle mit seinem Betrieb vernetzen. „Erst neulich musste ich noch abends zur Mühle fahren, um frisches Dinkelmehl zu holen. Sonst hätten wir den Kunden am nächsten Tag kein Dinkelbrot anbieten können“, sagt Baier. Künftig soll das Lager automatisiert eine Bestellung aufgeben, wenn der Bestand zur Neige geht.

Kunden können bequem über die Cloud bestellen

Von der Digitalisierung sollen auch die Kunden der Bäckerei profitieren. Über einen cloudbasierten Webshop erhalten registrierte Kunden einen Bestellvorschlag für die bequeme Abholung am folgenden Werktag. "Wir holen die Bestellung um 15 Uhr von den Kassen und der Cloud automatisiert ab und senden die Summe an die Backstube als Produktionsplan des Folgetags, erklärt Baier. Über einen klassischen Webshop lassen sich Backwaren auch direkt nach Hause liefern. „Ich bin allerdings davon überzeugt, dass man ein Brot am besten immer frisch von der Theke holen sollte", sagt Baier.

Trotz aller Technik will der Bäckermeister auch in Zukunft Wert auf höchste Handwerkskunst legen. Davon können sich Besucher vor Ort über eine Glasscheibe mit Blick in die Backstube selbst überzeugen.

Junger SHK-Meister setzt voll auf Digitalisierung

Hendrik Wendt ist mit Smartphone und Tablet-PC aufgewachsen. Für den jungen Meister im Installateur- und Heizungsbauerhandwerk steht fest, dass auch das Handwerk mit der Zeit und der Digitalisierung gehen muss, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Als er 2017 nach seiner Ausbildung in die Geschäftsführung des Familienunternehmens, der Henry Wendt ­Installationsbetrieb GmbH, eintrat, setzte er seine ersten Ideen sofort um. Sein Vater und Mitgeschäftsführer Henry Wendt unterstützte ihn dabei von Anfang an, auch wenn er selbst nicht der Generation angehört, die mit der Digitalisierung aufgewachsen ist.

Virtueller Rundgang durch das neue Bad

Kunden des SHK-Betriebs im sächsischen Gröditz haben inzwischen nicht nur die Möglichkeit, sich ihr Bad in 3D planen zu lassen, sondern können dieses auch schon vor dem Um- oder Neubau begehen. "Mithilfe unserer Virtual Reality-Brillen kann sich der Kunde in seinem neuen Traumbad frei bewegen, bevor der erste Handwerker mit seiner Arbeit beginnt", erklärt Wendt. Dank modernster Technik würden die Kunden einen fotorealistischen Eindruck von den ausgesuchten Fliesen, der Badewanne oder Dusche bekommen, der vom real gebauten Bad kaum zu unterscheiden sei.

Für Wendt ist das mehr als eine nette Spielerei. Denn aufgrund des authentischen Raumeindrucks wisse der Kunde genau, was ihn später erwarte und falsche Vorstellungen ließen sich viel besser vermeiden als mit einer Zeichnung auf Papier. Der Geschäftsführer ist zwar sicher, dass die meisten Kunden auch ohne dieses digitale Erlebnis ihren Auftrag abschließen würden, dennoch ist er von dem Mehrwert überzeugt, mit dem sich der Betrieb zudem ein stückweit von der Konkurrenz abheben kann.

Die Digitalisierung wird auch bei den internen Prozessen im Unternehmen großgeschrieben. So sind die Monteure mit Smartphones und Tablet-PCs ausgestattet und können direkt auf der Baustelle das aktuelle Projekt aufrufen, Dokumentationen erstellen, Notizen machen, etwas einzeichnen, Dateien über die Cloud versenden oder per WhatsApp mit dem Büro in Kontakt treten. Zudem lässt sich ein digitales Aufmaß erstellen und direkt im Programm ein Angebot oder eine Rechnung an den Kunden verschicken. Wendt verspricht sich von der Digitalisierung, alle Prozesse im Unternehmen effizienter zu gestalten, Projekte transparenter und nachvollziehbarer zu machen und am Ende komfortabler zu arbeiten.

Digitalisieren mit Rücksicht auf die ältere Generation

Der Großteil der Mitarbeiter ist begeistert von der neuen Arbeitsphilosophie und hat sich schnell an die digitalen Strukturen gewöhnt. Aber es gebe auf der anderen Seite auch jene Handwerker, meistens aus der älteren Generation, die sich schwer tun mit der Digitalisierung und gerne so weiterarbeiten möchten, wie sie es gewohnt sind. "Hier muss man realistisch sein. Wir können nicht alle Mitarbeiter digital abholen. Deshalb fahren wir hier in einem gewissen Maß zweigleisig und bieten auch den älteren Mitarbeitern entsprechende Lösungen an", sagt Wendt.

Denn aus seiner Sicht sei am Ende entscheidend, ob es sich um einen guten Handwerker handle, der etwas von seiner Arbeit verstehe.
Dennoch ist Hendrik Wendt überzeugt, dass die Digitalisierung auf lange Sicht alternativlos ist und man immer wieder auf Veränderungen am Markt reagieren muss. Der Erfolg gibt ihm recht: Erst kürzlich wurde das Unternehmen mit dem Zukunftspreis der Handwerkskammer Dresden ausgezeichnet.

Ungeplant in die Selbstständigkeit

Eigentlich wollten sich Sabrina Möller und ihr Partner Tim Weigand gar nicht selbständig machen. Nach einem Umzug von Hamburg ins Sauerland bewarb sich Tim Weigand initiativ als Schreinermeister bei der Schreinerei Ridder in Wenden. Der damalige Geschäftsführer bot ihm jedoch keine Stelle, sondern gleich die Übernahme des Unternehmens an.

Nach reiflicher Überlegung haben Weigand und seine Partnerin, die ebenfalls Schreinermeisterin und studierte Objekt- und Raumdesignerin ist, den Schritt in die Selbständigkeit gewagt.

Tim Weigand (li.) und Sabrina Möller haben der Papierflut in ihrer Schreinerei ein Ende bereitet. Foto: Schreinerei Ridder

Komfortable Vernetzung von Werkstatt und Büro

Seit 2019 sind sie Geschäftsführer und haben sich ganz der Digitalisierung der Arbeitsprozesse verschrieben. Wichtig ist es ihnen vor allem, Planung und Fertigung digital miteinander zu verknüpfen, um die Prozesse effizienter und nachvollziehbarer zu strukturieren. So wurde eine Schnittstelle der CNC-Maschine in der Werkstatt mit dem CAD-Programm im Büro geschaffen, um die Möbel nahezu ohne Zeichnungen auf Papier fertigen zu können.

Alle Notizen, die noch in Handschrift entstehen, werden gescannt und einer digitalen Projektmappe hinzugefügt. „Mit dieser Organisation können wir auch spätere Anfragen eines Kunden zu seinem Möbel viel schneller und genauer beantworten, weil alles detailliert digital hinterlegt ist“, sagt Sabrina Möller.

Die beiden Mitarbeiter wurden vom Vorgänger übernommen. Sie seien von Anfang an total offen gegenüber der Digitalisierung gewesen und hätten eigene Verbesserungsvorschläge eingebracht.

Auch in der Außendarstellung des Unternehmens ist es ihnen wichtig, dass der Betrieb digital auf der Höhe der Zeit ist. So wurde eine komplett neue Website mit professionellen Fotos aufgesetzt. "Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Baustein. Nicht nur für die Kundenakquise, sondern auch um potenzielle Mitarbeiter anzusprechen", sagt Möller.

Bisher ist der Plan aufgegangen. Einige Bewerbungen seien schon eingegangen und eine Auszubildende bereits eingestellt, mit der sie sehr zufrieden sind. In der digitalen Kommunikation messen die Geschäftsführer Social-Media-­Kanälen wie Instagram und YouTube eine große Bedeutung bei. So planen sie künftig in selbstproduzieren Videos Einblicke in die Werkstatt zu geben.

"Uns ist es wichtig zu zeigen, welcher Aufwand und welches handwerkliche Geschick nötig ist, um ein auf den ersten Blick einfach zu konstruierendes Möbelstück wie einen Tisch zu fertigen", erklärt Tim Weigand. Damit wollen sie Werbung für ihren Handwerksberuf machen und die Unterschiede zur industriellen Massenproduktion aufzeigen.

Möbel inklusive eigener Fotoreportage

Noch steckt das Projekt aber in den Kinderschuhen. "Wir haben viele gute Ideen, aber im Arbeitsalltag ist es schwierig, sich die Zeit freizuschaufeln", geben die beiden zu. Das gilt auch für ein anderes Vorhaben der beiden. So soll künftig auf dem Möbel jedes Kunden ein QR-Code aufgebracht werden. Mit seinem Smartphone kann dieser den Code abfotografieren und wird direkt zu einer Art digitalen Reportage über die Fertigung seines Möbelstücks mit kleinen Texten und Fotos aus der Werkstatt weitergeleitet – soweit die Idee.

Trotz aller Freude an der Digitalisierung sehen die beiden aber auch Grenzen der Technik. "Der Kunde wird auch in Zukunft das Holz anfassen wollen aus dem später sein Möbel gebaut wird. Auch die beste Computersimulation kann solche haptischen Erlebnisse nicht ersetzen", sind die beiden überzeugt.