Konjunkturumfrage im Handwerk Der Bauboom geht in die Verlängerung

Die niedrigen Zinsen kommen dem Baugewerbe zugute. Investoren entdecken den Wohnungsbau als Anlageziel. Andere Handwerkssparten, wie etwa das Kraftfahrzeuggewerbe oder die Lebensmittelhandwerke kämpfen mit Umsatzrückgängen. Vor allem junge Menschen greifen jedoch wieder mehr zu hochwertigen Produkten und Dienstleistungen.

Marco Wenz und Lothar Semper

Der Boom am Bau geht weiter. Die niedrigen Zinsen machen Immobilien attraktiv. - © Foto: photo 5000 / Fotolia.com

Das Handwerk hat bislang einen großen Vorteil daraus gezogen, dass die Investitionen in Wohnbauten eine Domäne der kleineren Betriebe beständig zunehmen. Gemäß dem Herbstgutachten der Forschungsinstitute stiegen sie 2012 um real 2,8 Prozent.

Beflügelt wurde diese Sparte von der Flucht in Sachwerte. Weil mit herkömmlichen Sparverträgen kaum etwas zu verdienen war, entdeckten Investoren den Wohnungsbau als begehrtes Anlageziel.

Baugewerbe

Insbesondere in boomenden Großstädten zeichneten sich nachhaltige Mietsteigerungen ab. Wer schon über Wohneigentum verfügte, investierte in die Ausstattung, meist mit dem Ziel, Energie zu sparen. Allerdings verlor die Sanierungswelle an Schwung, da die Entscheidung über den Steuerbonus für energetische Gebäudesanierungen in den politischen Gremien festhing.

Das gewerbliche Bauvolumen dürfte im ablaufenden Jahr stagniert sein. Mit Ausnahme der Wohnungsbaugesellschaften hielten sich die Unternehmen wegen der unsicheren wirtschaftlichen Perspektiven zurück.

Eingebrochen sind die Bauinvestitionen der öffentlichen Haushalte. Nach dem Auslaufen der Konjunkturprogramme rutschten sie um über elf Prozent nach unten. Angesichts erheblicher Steuerzuwächse zeigten sich Branchenexperten von dieser Entwicklung sehr enttäuscht.

Handwerk für gewerblichen Bedarf

Die Handwerke für gewerblichen Bedarf stellen ihre Produkte und Dienstleistungen vorwiegend anderen Unternehmen zur Verfügung. Insbesondere Metallverarbeiter wie der Maschinen- und Werkzeugbau haben prägenden Einfluss. 2012 konnte die Branche die Umsätze aus dem Vorjahr nicht halten.

Einem schwungvollen Auftakt folgten von Frühling an fortwährende Auftragseinbußen, die das Ergebnis belasteten. Ursache war die globale Wachstumsverlangsamung kombiniert mit der Rezession in der Eurozone, die zu mehr Zurückhaltung in der Kapazitätsplanung der deutschen Unternehmen führten – und damit auch zu eingeschränkten Bestellungen von Maschinen und Vorprodukten.

Demzufolge reichte die Auslastung der handwerklichen Zulieferer nicht mehr an das Vorjahresniveau heran, das Orderpolster begann zu schmelzen. Dennoch wurden die Belegschaften weiter aufgestockt. Die Beschäftigung expandierte im Jahr 2012 um mindestens ein Prozent.

Kraftfahrzeuggewerbe

Am Automobilmarkt ist nach der kräftigen Erholung 2011 Ernüchterung eingekehrt. Vor allem das Interesse an neuen Firmenfahrzeugen, die meist aus der Mittel- und Oberklasse stammen, ließ nach. So bewegten sich die Zulassungszahlen neuer Pkw wieder auf dem Niveau von 3,1 Millionen Einheiten das ist in etwa der Ersatzbedarf des gesättigten deutschen Marktes.

Ohne die vielen Eigenzulassungen der Hersteller und Händler hätte die Zahl um noch mehr als zwei Prozent nachgegeben. Wegen der grundsätzlich schwachen Nachfrage kamen die Absatzpreise unter Druck. Mit umfangreichen Rabatten, kostenlosen Zusatzleistungen und Sonderkonditionen wurde um die Kunden geworben.

Unter umgekehrten Vorzeichen lief der Gebrauchtwagenmarkt. Das Volumen der Besitzumschreibungen nahm 2012 auf knapp sieben Millionen zu. Allerdings standen die rasch nachdrängenden jungen Gebrauchtwagen immer länger bei den Händlern.

Im Servicegeschäft sind die Ausschläge nicht so kräftig wie im Handel. In diesem Jahr sank die Werkstattauslastung um einen Punkt. Nach der massenhaften Verschrottung, die die Abwrackprämie 2009 auslöste, gibt es weniger reparaturanfällige Altfahrzeuge.

Die Zweiradmechaniker profitierten von der technischen Entwicklung insbesondere bei E-Bikes und dem Imagegewinn des Fahrrades als umweltfreundliches, die Gesundheit förderndes Fortbewegungsmittel.

Lebensmittelhandwerke

Die Lebensmittelhandwerke dürften die Umsätze von 2011 im Berichtsjahr nicht ganz erreicht haben. Der dem Strukturwandel und Nachwuchsproblemen geschuldete Beschäftigungsrückgang hielt an. Dennoch konnten die Betriebe ihrer Geschäftslage viel Positives abgewinnen. Einer der Gründe hierfür ist das veränderte Bewusstsein der Verbraucher. Vor allem leistungsbereite junge Menschen schätzen hochwertige Lebensmittel in zunehmendem Maß.

Besonders vielversprechend entwickelt sich das Imbiss-Geschäft. Somit können die Fachbetriebe trotz eines beinharten Wettbewerbs mit Discountern und Einzelhändlern ihren Marktanteil verteidigen. Handwerkliche Bäckereien haben einen Anteil am Brotmarkt von knapp 48 Prozent. Die Fleischer setzen ebenfalls auf eine Premium-Strategie.

Neben dem Snack-Angebot gewinnt der Party-Service an Bedeutung, sein Umsatzanteil liegt bei 9 Prozent. Für die Brauer brachte das gute Biergartenwetter Absatzzuwächse im Sommer mit sich; im Gesamtjahr dürfte die verkaufte Biermenge wiederum rückläufig gewesen sein.

Gewerbe für privaten Bedarf

In den verbrauchsnahen Handwerken weckte das freundliche Konsumklima große Erwartungen. Viele Verbraucher hatten zwar die Renovierung der eigenen Wohnung ganz oben auf der Liste, sie richteten ihr Augenmerk aber auch auf Goldschmuck und Uhren sowie Dienstleistungen.

Letztendlich bewegte sich die Branche 2012 auf einem moderaten Wachstumspfad. Das galt auch für die Friseure. Studien zum Konsumverhalten belegen, dass die Verbraucher wieder häufiger zum Friseur gehen. Fachleute führen dies unter anderem auf die verbesserte Angebotspalette zurück. Außerdem wächst die Gruppe der Kunden im gehobenen Alter, die öfter nach qualitativ hochwertigen Dienstleistungen verlangt.

Im Gesundheitsgewerbe waren im Berichtsjahr quartalsdurchschnittlich jeweils rund 40 Prozent der Betriebe mit den Umsätzen nicht zufrieden. Hauptbetroffene waren zahntechnische Labors: Mit Einführung der neuen Gebührenordnung für Zahnärzte Anfang 2012 mussten die Patienten höhere Zuzahlungen leisten. In der Augenoptik setzten die traditionellen Betriebsformen verstärkt auf Dienstleistung, Beratung und Spezialisierung. Damit wollen sie der Preiskonkurrenz durch Massenfilialisten entgehen.

Lesen Sie hier mehr über das gesamte Geschäftsklima im Handwerk 2012.

Warum Deutschland bislang von der Eurokrise weitgehen verschon bleibt, lesen Sie hier.