Kolumne Azubi hat Prüfungsangst? Tipps für Prüfer im Handwerk

Vor Prüfungen steigt bei vielen Azubis die Nervosität. Der Prüfungsausschuss kann ihnen die Angst zwar nicht ganz nehmen. Aber er kann die Prüfungssituation angenehmer gestalten. Wie das geht, weiß Ausbildungsberater Peter Braune.

Illustration: Verunsicherte junge Menschen.
Prüfer im Handwerk können Azubis ihre Nervosität zwar nicht nehmen, dafür aber die Prüfungssituation möglichst angenehm gestalten. - © VectorRocket - stock.adobe.com

Es gibt Situationen, die Lehrlinge unweigerlich auf sich zukommen sehen. Je näher der Zeitpunkt rückt, umso schrecklicher und unüberwindbarer erscheinen sie.

Es entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung und Forschungsergebnissen, dass Angst auch ein Leistungsantrieb sein kann. Wenn diese Aussage generell für alle Angstzustände stimmen würde, müssten die Verantwortlichen nur die Prüfungsangst der jungen Leute verstärken, um möglichst gute Prüfungsleistungen zu erzielen.

Dieser Annahme steht leider in der Regel die Erfahrung entgegen, dass Angst das Leistungsverhalten beeinträchtigen, ja sogar eine lähmende Wirkung haben kann.

Angst kann positiven und negativen Einfluss auf die Leistung haben

Bereits im Jahr 1908 entdeckten die Wissenschaftler Robert Yerkes und John D. Dodson die Gesetzmäßigkeit, dass bei einem

  • niedrigen Angstniveau nur geringe Leistungen erbracht werden,
  • mäßigen Angstniveau eine deutliche Leistungssteigerung eintritt,
  • sehr hohen Angstniveau die Leistung wieder abfällt.

Man darf die Beziehung jedoch nicht schematisch anwenden, denn eine Leistung hängt nicht nur von der Angst, sondern auch von vielen anderen Rahmenbedingungen ab. Dazu gehören meiner Erfahrung nach unter anderem:            

  • der Gesundheitszustand und Antrieb,
  • die Gewöhnung an die Prüfungssituationen, 
  • das Übungsniveau,
  • der Umfang, die Schwierigkeit und Lösbarkeit der Aufgaben,
  • die Leistungsmotivation und der Leistungswille sowie
  • die Begabung der Prüflinge.

Es ist wichtig zu erkennen, dass unter dem Gesichtspunkt des Leistungsverhaltens keine völlig angstfreie Prüfungssituation gefordert werden kann, sondern vor allem eine Abschwächung besonders starker Angstreaktionen. Dadurch würde es allen Prüflingen möglich werden, ihre volle Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Was Prüfungen mit dem Selbstwertgefühl zutun haben

Die Prüfungssituation ist eine besonders dramatische Form des Angriffs auf das Selbstwertgefühl. In der Prüfung wird gefragt: "Was kannst du?". Es wird gesagt: "Du bist was!" oder "Du bist nichts!". Nach der Prüfung finden sich die Prüflinge in einer Rangordnung wieder, die durch Noten gestuft ist. Die Erfolgreichen erfahren meist eine Steigerung und Stabilisierung des Selbstwertgefühls; die weniger Erfolgreichen eine Schwächung und Verunsicherung.

Es kann davon ausgegangen werden, dass Prüfungsangst nicht nur bei den Prüflingen vorhanden ist, die offen darüber sprechen. Vielmehr handelt es sich meiner Ansicht nach um ein alle Prüflinge betreffendes Problem, weil Prüfungen bei allen das Selbstwertgefühl in Frage stellen.

Tipps für Prüfer bei ängstlichen Prüflingen

Für den Umgang mit dieser Erscheinung gibt es ein paar Empfehlungen an die Prüfungsausschüsse:

  • Alle Prüflinge werden freundlich begrüßt. Es folgt eine gegenseitige Vorstellung und einige freundliche Worte. Dies schafft eine Situation der gleichen Ebene und verwischt die Befürchtung der Prüflinge vor Gericht zu stehen.
  • Wer den Vorsitz hat, sollte zunächst kurz das Sachgebiet beschreiben, auf das sich die Fragen richten. Dann werden zunächst einfachere Fragen gestellt
  • Bei ängstlichen Prüflingen sollte man nach jeder richtigen Antwort erkennen lassen, ob die Antwort den Erwartungen entsprach.
  • Es sollte immer ausreichend Zeit zum Nachdenken gewährt werden.
  • Der Prüfungsverlauf sollte den Eindruck erwecken, dass es nur darum geht, die erworbenen Fertigkeiten und Kenntnisse festzustellen und nicht die Schwächen.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.