Knight Rider im Straßenverkehr Autonomes Fahren: Misstrauen gegen die Maschine

Intelligente Fahrzeuge sind längst Realität – doch ihr Potenzial wird von gesellschaftlichen Bedenken noch ausgebremst. Während Studien belegen, dass selbstfahrende Systeme schwere Unfälle drastisch reduzieren könnten, stehen ihrem Durchbruch Ängste, Haftungsfragen und Bürokratie im Weg.

Selbstfahrende Autos
Selbstfahrende Autos sind längst keine Filmfantasie mehr, doch die Bedenken bleiben. - © Olexandr - stock.adobe.com

Der morgendliche Fahrtweg zur Baustelle, ins Büro oder zum Kunden könnte künftig ganz entspannt mit einem Kaffee in der Hand und dem Checken der E-Mails starten. Der Transporter fädelt sich selbstständig durch den Verkehr. K.I.T.T. ist keine Filmfantasie mehr, sondern die Technik ist längst real.

In vielen Städten sind sie bereits unterwegs: Fahrzeuge, die ohne menschliches Zutun lenken, bremsen und beschleunigen. Sie sollen den Straßenverkehr sicherer, effizienter und inklusiver machen. Gesellschaftlich jedoch ist der Durchbruch noch nicht erreicht. Es geht um Sicherheit, um Haftung bei Unfällen und vor allem um das Vertrauen in eine Maschine, die über Leben und Tod entscheiden könnte.

Auf dem 13. Allianz Motor Day in Ismaning diskutierten Experten kürzlich genau diese Spannungsfelder. Der Tenor: Die Technik ist bereit, der Mensch und die Gesetze sind es noch nicht ganz.

Viele Verkehrstote ließen sich verhindern

Das stärkste Argument der Befürworter des autonomen Fahrens ist die Sicherheit. Laut Statistik der WHO sterben weltweit jährlich rund 1,2 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen. "Die meisten dieser Unfälle werden durch menschliches Versagen verursacht. Ablenkung, Müdigkeit, Fehleinschätzung", weiß Klaus-Peter Röhler, Vorstandsmitglied der Allianz SE. Maschinen werden hingegen nicht müde, sie schauen nicht aufs Handy und sie trinken keinen Alkohol. Untersuchungen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) zeigen, dass autonome Systeme menschliche Fahrer in kritischen Unfallkategorien übertreffen.

Automatisierte Notbremsassistenten könnten Auffahrunfälle, das Abkommen von der Fahrbahn und Kreuzungsfehler um bis zu 85 Prozent reduzieren. Fahrzeuge mit serienmäßigen Assistenzsystemen verursachen auch weniger Rangier- und Parkunfälle. Eine Simulation von tödlichen Unfällen in Arizona legte nahe, dass ein hochautomatisiertes System wie der "Waymo Driver" 82 Prozent der Unfälle hätte vermeiden können.

Für das Handwerk, das täglich mit Flotten auf der Straße ist, könnte das nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch geringere Ausfallzeiten und sinkende Versicherungskosten bedeuten. "Weniger Unfälle bedeuten weniger Schäden", so Röhler. Zwar könnten Reparaturen aufgrund der verbauten Sensorik teurer werden, doch die sinkende Unfallhäufigkeit dürfte dies langfristig überkompensieren.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

Doch Technik allein schafft keine Akzeptanz. Eine Umfrage unter mehr als 8.000 Europäern zeigt ein gespaltenes Bild. Viele Menschen sind skeptisch. Sich entspannt zurücklehnen und ein Buch lesen, während der Computer bei Tempo 100 das Steuer übernimmt? Für viele Autofahrer scheint das noch undenkbar. Christian Sahr, Leiter des AZT, ist hingegen von Berufs wegen Technik-Optimist: "Als Ingenieur bin ich so neugierig, dass ich ständig schauen würde, wie das Fahrzeug reagiert. Aber vom Vertrauensstandpunkt her: Ja. Nach ein paar Fahrten würde ich vertrauen."

Dieses Vertrauen muss jedoch erarbeitet werden. Die Menschen wollten Beweise, keine Versprechen. Sie verlangten transparente Daten und klare Verantwortlichkeiten. "Die Leute akzeptieren eher einen menschlichen Fehler als einen Fehler der Maschine", bringt es Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG, auf den Punkt. Ein einziger Unfall mit einem autonomen Auto schafft es in die weltweiten Schlagzeilen, während Tausende menschliche Fehler täglich unbemerkt bleiben. Dies haben vielbeachtete Vorfälle beim Hersteller Tesla gezeigt.

Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Wer nicht mehr selbst fährt, gibt Kontrolle ab. Viele möchten jederzeit eingreifen können, selbst wenn das System objektiv sicherer wäre. Solange autonome Systeme als "Black Box" wahrgenommen würden, bleibt Skepsis bestehen.

Rechtliche Fragen: Wer haftet, wenn K.I.T.T. einen Unfall baut?

Auf juristischer Ebene sind beim autonomen Fahren ebenfalls noch Fragen offen. Grundsätzlich gilt: Der Fahrer (oder Halter) haftet. Aber was passiert, wenn ein Robo-Taxi in einen Unfall verwickelt wird? War der Sensor verschmutzt? Hatte die Software einen Fehler? Oder hat ein menschlicher Verkehrsteilnehmer den Roboter verwirrt?

Die Experten sind sich einig: Der Opferschutz muss zentral bleiben. Die Haftung sollte beim Fahrzeughalter liegen, egal wer oder was steuert. Die Kfz-Versicherung müsse der erste Ansprechpartner bleiben, der den Schaden reguliert und sich im Zweifel das Geld beim Autohersteller oder Softwareentwickler zurückholt. Niemand solle sich durch einen Dschungel aus Produkthaftungsklagen kämpfen müssen, weil ein Algorithmus versagt.

Ein Bremsklotz beim autonomen Fahren bleibt die Bürokratie. Während in den USA und China autonome Flotten bereits im großen Stil getestet werden, zeigt sich in Europa noch ein anderes Bild. Unterschiedliche nationale Regelungen und Vorschriften bremsen die Innovation. Sascha Meyer, CEO des Ride-Pooling-Anbieters Moia, warnt: "Wir haben viel zu verlieren als europäische Industrie." Er fordert harmonisierte Standards, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Ein Lösungsansatz könnte ein "europäischer Führerschein" für autonome Fahrzeuge sein. Ähnlich wie ein Fahrschüler müssten die Systeme in Simulationen, auf Teststrecken und im realen Verkehr beweisen, dass sie sicher sind – nach einheitlichen Kriterien für den gesamten Kontinent.

Inklusion und Freiheit für ­Menschen mit ­Handicap

Abseits von Technik und Paragrafen könnte das autonome Fahren eine enorme gesellschaftliche Chance bieten, meint Verena Bentele. Die zwölffache Paralympics-Siegerin, die selbst blind ist, betont die Bedeutung der Technologie für Inklusion und individuelle Freiheit. "Für mich als blinde Person wäre autonomes Fahren ein riesiger Schritt zu einem selbstbestimmten Leben."

Auch für die alternde Gesellschaft – ein Thema, das gerade im ländlichen Raum relevant ist – liegen hier Chancen. Wenn der 85-jährige Senior noch selbstständig zum Arzt oder zum Familienfest kommt, weil das Auto ihn fährt, entlastet das Angehörige und Pflegedienste. Doch bis autonome Systeme den gesamten Verkehr lenken, braucht es wohl noch einige Zeit.