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Längst nicht alle Betriebe erhalten gute Noten Ausbildungsreport 2017: So bewerten Azubis ihre Lehre

Was stimmt nicht in Deutschlands Ausbildungsbetrieben? Nachdem die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) kürzlich über mangelhafte Ausbildungsbedingungen berichtet hatte, legt nun der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit neuen Zahlen aus dem Ausbildungsreport 2017 nach. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) warnt davor, die Ergebnisse zu verallgemeinern.

Rund 71,9 Prozent der Auszubildenden sind laut DGB-Jugend mit ihrer Ausbildung zufrieden. Der Gewerkschaftsbund befragte deutschlandweit mehr als 12.000 Azubis, die derzeit eine Lehre in den 25 beliebtesten Ausbildungsberufen machen. Darunter auch einige Handwerksberufe.

Die Studie zeigt aber auch: Vor allem in den Berufen Friseur, Anlagenmechaniker sowie Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk haben Betriebe und Berufsschulen hinsichtlich der Ausbildungsqualität noch deutlich Luft nach oben. Gemeinsam mit zahnmedizinischen Fachangestellten und Hotelfachkräften bilden sie das traurige Schlusslicht der 25 betrachteten Berufe.

Betriebe fordern Überstunden, teils auch gesetzeswidrig

Insgesamt gab mehr als ein Drittel der Auszubildenden an, regelmäßig Überstunden leisten zu müssen. Von denen, die regelmäßig länger arbeiten, erhöht sich die wöchentliche Arbeitszeit somit um durchschnittlich 4,2 Stunden. Zeit, die in 13,4 Prozent aller Fälle weder auf den Urlaub angerechnet noch bezahlt wird.

Manche Betriebe verstoßen dabei offenbar auch gegen gesetzliche Vorgaben. So verbringen 11,6 Prozent der Lehrlinge unter 18 Jahren mehr als 40 Stunden auf der Arbeit, obwohl dies gesetzlich nicht erlaubt ist. Ebenfalls gab mehr als ein Drittel der Azubis an, keinen betrieblichen Ausbildungsplan zu haben. Auch dieser ist per Gesetz vorgeschrieben.

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Mangelhafte Ausbildungsqualität: Hinweise verdichten sich

Die Ergebnisse des DGB decken sich mit Recherchen der FAZ. Die Zeitung berichtete kürzlich über systematischer Ausbeutung, Überstunden und ausbildungsfremde Tätigkeiten bei Auszubildenden. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nahm in einem Beitrag der Deutschen Handwerks Zeitung Stellung zu den Vorwürfen.

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Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack nimmt die Politik in die Pflicht: "Die nächste Bundesregierung muss endlich das Berufsbildungsgesetz im Sinne der Auszubildenden reformieren." Jahr für Jahr würden gerade die Branchen über Nachwuchssorgen jammern, die für ihre schlechten Ausbildungsbedingungen bekannt seien. "Da darf die Politik nicht länger wegschauen", fordert Hannack.

Ebenso prangerte die FAZ auch mangelhafte Kompetenz der Ausbilder an. Der DGB-Ausbildungsreport zeigt, dass dies zwar kein verbreitetes Problem ist, die Anschuldigungen aber auch nicht haltlos sind. So trifft jeder zehnte Lehrling seinen Ausbilder nur selten oder gar nicht während der Arbeit an. Entsprechend findet bei diesen Azubis auch keine Betreuung statt. Dazu kommt, dass Auszubildende häufig ausbildungsfremde Arbeiten verrichten müssten.

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Vor allem kleine Betriebe bilden schlecht aus

Der DGB sieht vor allem bei kleineren Betrieben Verbesserungsbedarf. Nach wie vor gelte der Grundsatz: Je größer der Betrieb, desto höher die Zufriedenheit der Auszubildenden. Das hat einen einfachen Grund: Größere Unternehmen sind in der Regel personell und materiell besser ausgestattet. Zudem seien dort deutlich häufiger kollektive Mitbestimmungsstrukturen vorzufinden, teilt die Gewerkschaft mit.   

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Auch Berufsschulen sind ausbaufähig

Einen Themenschwerpunkt setzte der DGB in seiner Studie auf die Qualität der Berufsschule. Die Ergebnisse der Studie stellen den Bildungseinrichtungen ein durchwachsenes Zeugnis aus. Rund 58 Prozent der Auszubildenden finden die fachliche Qualität des Berufsschulunterrichts gut oder sehr gut.

Jedoch fühlt sich nur knapp die Hälfte aller Berufsschüler durch den Unterricht gut auf die Theorieprüfung vorbereitet. Das könnte laut DGB auch daran liegen, dass die inhaltliche Abstimmung zwischen Betrieb und Berufsschule nur bei knapp der Hälfte aller Auszubildenden funktioniert.

Um dennoch eine gute Vorbereitung auf die theoretische Prüfung zu erfahren, bedürfe es einer guten Lernatmosphäre. Das Problem: Die Berufsschulklassen wachsen. Durchschnittlich sitzen 21,5 Schüler in einer Klasse. "Dringend notwendig ist mehr qualifiziertes Lehrpersonal und zeitgemäß ausgestattete Berufsschulen", erklärt DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte. Sie fordert Geld vom Kultusministerium. "Es gibt hier einen regelrechten Investitionsstau, sowohl was Gebäude und Lehrmittel, aber auch was die personelle Ausstattung betrifft", sagt Conte.

Auch Lehrer-Verbandspräsident Josef Kraus äußerte sich vor kurzem zum aktuellen Bildungssystem, nahm die Berufsschulen aber in Schutz. "Manchmal bin ich erstaunt, wie diese Schulen über die Runden kommen", sagte er in einem Interview mit unserer Zeitung. Den Berufsschulen zollt er Respekt. "Diese Schulen haben - nicht zuletzt wegen der jungen Flüchtlinge - eine Heterogenität in der Schülerschaft wie keine andere Schule zu bewältigen. Und sie leiden unter Lehrermangel, insbesondere in den MINT-Fächern", beschreibt Kraus die aktuelle Situation.

Zusätzlich zum Stress mit der Abschlussprüfung seien die Auszubildenden auch noch einer weiteren Belastung ausgesetzt. Rund 42,6 Prozent der Azubis wissen nach DGB-Erhebung nicht, wie es nach der Ausbildung weiter geht, obwohl sie sich bereits im letzten Lehrjahr befinden. Alle Punkte zusammengefasst, verwundert es kaum, dass rund ein Viertel aller Azubis Probleme hat, sich in der Freizeit zu erholen.

Weltweites Vorbild: Bei weitem nicht nur schwarze Schafe

Die DGB-Studie thematisiert viele Probleme. Sie zeigt aber auch, in welchen Handwerksberufen gute Arbeit geleistet wird. So schneiden beispielsweise die Ausbildungen zum Mechatroniker oder zum Zerspanungsmechaniker als eine der besten ab. Die Azubis in diesen Berufen bewerten ihre Lehre überwiegend gut oder sehr gut. Allgemein erhält die Ausbildung von den meisten Befragten ein gutes Zeugnis. Mehr als zwei Drittel sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Dies stützt auch die übereinstimmende Auffassung, dass das deutsche Ausbildungssystem als das Beste der Welt gilt.

Bei der Ausbildung junger Fachkräfte leisten vor allem Klein- und Kleinstbetriebe einen bedeutenden Anteil. Laut ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke liege die Ausbildungsleistung im Handwerk weit über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft. "Der Anteil ausbildender Unternehmen ist hier mit 24 Prozent fast doppelt so groß wie im restlichen Mittelstand", informierte er kürzlich in einem anderen DHZ-Beitrag. In Zeiten, in der sich der Fachkräftemangel immer weiter zuspitzt, sei das Handwerk mit seinen zahlreichen Ausbildungsplätzen somit eine wichtige Säule.

Auch ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer untermauert die Wertigkeit der dualen Ausbildung. Gleichzeitig äußert er Kritik an den neuesten Ergebnissen und dem damit verbundenen Medien-Echo. "Wer unser gutes Ausbildungssystem schlecht redet und vereinzelte Missstände dafür als Beispiel heranzieht, wertet das System insgesamt ab", befürchtet der ZDH-Präsident. Man müsse sich daher nicht wundern, wenn immer weniger Jugendliche Lust auf eine Ausbildung haben.

"Wir sollten alle gemeinsam dazu beitragen, für eine attraktive und qualitativ hochwertige Ausbildung zu sorgen und Jugendliche für unsere duale Ausbildung begeistern", fordert Wollseifer daher. Um den Qualitätsstandard der Ausbildung hoch zu halten, engagieren sich die Handwerkskammern schon lange mit zahlreichen Programmen und Projekten.

Über 185 Ausbildungsberater und 300 weitere hauptamtliche Berater unterstützen gezielt die Ausbildung angehender Fachkräfte. Damit die Lehrlinge auch innerhalb der Betriebe eine gute Ausbildung erfahren, bieten die Kammern zudem regelmäßig Weiterbildungen für Ausbilder sowie für ausbildende Fachkräfte an. Dazu werden Ausbildungsleitfäden ausgegeben und Qualitätschecks durchgeführt. Wollseifer verweist weiter auf die assistierte Ausbildung und das aktuelle Pilotprojekt Beschwerdemanagement. fre

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