Der neue Signal-Iduna-Chef Torsten Uhlig erklärt, wie der Versicherer mit KI zum technologischen Vorreiter werden will, was sich in der Politik ändern muss und warum die Cyber-Versicherung für Handwerksbetriebe unverzichtbar wird.
Herr Uhlig, Sie sind vom Agenturinhaber in Ostdeutschland zum Konzernchef aufgestiegen – eine beeindruckende Karriere. Was treibt Sie nach 34 Jahren bei Signal Iduna noch an?
Torsten Uhlig: In erster Linie treibt es mich an, mit Menschen zusammen zu sein. Diese Grundeinstellung benötigt jeder, der unternehmerische Verantwortung übernimmt – speziell in unserer Branche, die ja auf Menschen ausgerichtet ist. Mich fasziniert außerdem seit Beginn meiner Tätigkeit für Signal Iduna die enge Partnerschaft mit dem Handwerk und jetzt kann ich dieses Thema für unser Unternehmen noch weiter entwickeln.
Welche persönlichen Ziele haben Sie sich gesetzt?
Mein Ziel ist es, gemeinsam mit dem Vorstandsteam in diesen herausfordernden Zeiten eine nachhaltige Zukunftsfestigkeit für die Signal Iduna Gruppe zu schaffen. Wir wollen auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein wichtiger Partner nicht nur für das Handwerk sein, sondern auch jene gesellschaftlichen Aufgaben wahrnehmen, die wir als Versicherungsunternehmen unserer Größe haben.
Wie definieren Sie diese gesellschaftliche Aufgabe?
Wir sind Risikomanager, Vorsorgemanager und Risikoträger für Unternehmen, Unternehmerfamilien, Beschäftigte und Menschen. Zudem sind wir ein großer institutioneller Investor, der die nachhaltige Transformation in unserem Land begleitet. Und nicht zuletzt sind wir Arbeitgeber – wir als Signal Iduna sind für mehr als über 10.000 Familien mitverantwortlich.
Ihre Strategie "Momentum 2030" sieht eine stärkere Fokussierung auf das Handwerk vor. Was bedeutet das konkret?
Das Handwerk muss Digitalisierung, Einsatz von KI, zunehmenden Fachkräftemangel und viele Themen mehr managen. Diese Veränderungen begleiten wir – aus Tradition, denn wir wurden vor fast 120 Jahren von Handwerkern als Selbsthilfeeinrichtung gegründet. Wir feiern in diesem Jahr fast flächendeckend 125 Jahre Handwerkskammern. Immer wenn ich auf Veranstaltungen zu diesen Jubiläen bin, erkenne ich auch ein Stück der Gründungsgeschichte unserer Signal Iduna wieder. Handwerker haben damals Eigenverantwortung gespürt. Sie sagten: Das, was der Einzelne als Risiko nicht tragen kann, nehmen wir in ein Kollektiv und verteilen es über die Zeit. Genau das ist die Definition einer Versicherung.
Gibt es Gewerke, auf die Sie sich besonders konzentrieren?
Durch die Kooperationen mit den Versorgungswerken der Handwerksorganisationen sind wir der Partner aller Handwerksunternehmen. Eine Besonderheit ist sicher die historisch enge Verbindung mit den Lebensmittelhandwerken. Zudem gewinnen die Baunebengewerke als "Klimagewerke" an Bedeutung, auch weil sie vor Ort ganz praktisch die nachhaltige Transformation vorantreiben.
Welche neuen Produkte kann das Handwerk erwarten?
Die Cyber-Versicherung ist und wird für das Handwerk ein Kernthema. Die Cyber-Risiken sind quasi die Haftpflichtrisiken der Zukunft. Viele Risiken können das Unternehmen komplett lahmlegen, mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen. Da am Puls der Zeit zu sein, ist zentral – neben den Klassikern wie gewerbliche Haftpflicht- und Sachversicherungen.
Aber auch das gesamte Thema der Altersvorsorge bleibt wichtig. Es gibt immer wieder Diskussionen zur Versicherungspflicht für Selbstständige. Auf diesem Gebiet zum gegebenen Zeitpunkt eventuell gemeinsam mit anderen berufsständischen Versicherern etwas fürs Handwerk anzubieten, sehe ich als Chance. Und natürlich bleiben Themen wie die betriebliche Krankenversicherung und betriebliche Altersversorgung wichtig, um Fachkräfte an den Betrieb zu binden.
"Das Thema Altersvorsorge bleibt wichtig."
Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz spielt sicherlich auch für Versicherer eine bedeutende Rolle. Was passiert intern und wo steht die Signal Iduna in fünf Jahren?
Wir wollen technologische Vorreiter im Kreis der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit sein [Rechtsform von Versicherungsunternehmen, bei der die Versicherten gleichzeitig Mitglieder sind, d. Red.]. Nach einer Prozess-Entbürokratisierung optimieren wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit KI. Außerdem kann KI den demografisch bedingten Verlust von Mitarbeiter-Wissen ausgleichen – für uns ist das existenziell.
Denn in den nächsten drei bis fünf Jahren gehen viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen in Rente. Ihr "Kopfmonopol" – Spezialwissen, das nur sie besitzen – lässt sich nur mit KI-gestützten Prozessen auffangen.
Gemeinsam mit Verbänden des Handwerks planen wir, unsere digitalen Erkenntnisse dem Handwerk zugänglich zu machen, zum Beispiel Ergebnisse aus unserer strategischen Partnerschaft mit Google, damit auch kleinere Betriebe am technologischen Reifeprozesse partizipieren können.
"Der plumpe Einsatz von KI ist nicht die Lösung."
Wie führen Sie KI konkret ein?

Der plumpe Einsatz von KI ist nicht die Lösung. Wie man so schön sagt: "Shit in, shit out" [bedeutet so viel wie: Wenn Du unbrauchbare Daten einfüllst, kommt hinten auch ein unbrauchbares Ergebnis raus, d. Red.] Zuerst muss man die Prozesse hinterfragen, die vielleicht nur so sind, weil sie immer so waren. Wir nennen das "lernende Organisation" und ermuntern unsere Mitarbeitenden, mutig Neues zu wagen.
Und wie unterstützen Sie Ihre Mitarbeiter dabei?
Wir führen die nächste Stufe von "Co SI" ein, den "Copilot SIGNAL IDUNA". Seit Anfang Oktober gibt es auch einen Avatar mit dem Namen "Cosima". Wir haben diese Technologie an alle Mitarbeitenden und den Vertrieb ausgerollt. Jeder Mitarbeitende wird nach verpflichtenden Schulungen die Möglichkeit haben, mit Co SI seine eigene Tätigkeit effizienter zu gestalten. So lernen alle, die Technologie einzusetzen, und wir bauen eine breite Methodenkompetenz in der gesamten Belegschaft auf. Dieses Vorgehen ist übrigens einmalig in der gesamten Versicherungswirtschaft.
Wird die KI den persönlichen Kontakt ersetzen?
KI bleibt Unterstützer. Einfache Vorgänge – zum Beispiel eine Rechnung einreichen – lassen sich voll automatisieren. Komplexe Beratung erfordert weiterhin echte Empathie, also eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung.
Kommen wir zur Politik. Sie haben früher in Interviews zu hohe Lohnnebenkosten kritisiert. Wie bewerten Sie die Bundesregierung?
Hohe Sozialabgaben verteuern Arbeit. Das belastet zum Beispiel auch Handwerksleistungen, treibt bei uns die Schadeninflation und führt damit zur Erhöhung der Versicherungsbeiträge. Zu den Sozialversicherungsbeiträgen habe ich eine klare Meinung, die von unserer Gründungsgeschichte geprägt ist. Als Bismarck die Sozialversicherungsgesetze auf den Weg brachte, waren sie auf Lohnempfänger ausgerichtet.
Damals durfte der selbstständige Handwerksmeister gar nicht in die Sozialversicherung, weil man ihm zutraute, selbst vorzusorgen. Um diese Selbstvorsorge zu kollektivieren, sind unsere Vorgängergesellschaften entstanden. Deshalb plädiere ich dafür, Eigenverantwortung und Subsidiarität [gesellschaftspolitisches Prinzip, das größtmögliche Selbstbestimmung und Eigenverantwortung anstrebt, D. Red.] wieder zu stärken. Sozialversicherung sollte sich auf soziale Notwendigkeit beziehen. Aus sozialer Bedürftigkeit sind leider Vollkasko-Mentalitäten entstanden.
Wir sind in Dortmund – Stichwort Fußball. Signal Iduna ist seit fast 20 Jahren Namensgeber des SIGNAL IDUNA PARKs. Welche Rolle spielt Sportsponsoring?
Unser Geschäftsmodell ist auf Langfristigkeit und Verlässlichkeit aufgebaut. Es geht darum, ein Produkt, das eher uncharmant ist – zeigen Sie mir den, der sagt "ich liebe meine Versicherungspolice" – emotional aufzuladen. Der SIGNAL IDUNA PARK ist Emotion pur. Wir schaffen es über diesen Weg, Sympathie und Bekanntheit zu erzeugen, und das über die Kontinuität von jetzt fast 20 Jahren. Das treibt die Themen Bekanntheit, Sympathie, Verlässlichkeit und Langfristigkeit.
Ihre Wünsche für die aktuelle BVB-Saison?
Eine spannende Meisterschaft bis zum letzten Spieltag – aber bitte nicht noch einmal wie gegen Mainz. In der Champions League mindestens Achtel-, gern Viertel- oder sogar Finale, und ein Auftritt im DFB-Pokalfinale in Berlin.
Das Interview mit Torsten Uhlig war eine Gemeinschaftsproduktion der Deutschen Handwerks Zeitung und von "Handwerker Radio". Das Gespräch im Podcast "Handwerk erleben“ hier zum Nachhören.
Der neue Chef
Torsten Uhlig (59) führt seit Juli 2025 die Signal Iduna Gruppe als Vorstandsvorsitzender. Der gebürtige Zittauer begann 1991 als Agenturinhaber bei Signal Versicherungen und durchlief verschiedene Führungspositionen, bevor er 2019 in den Konzernvorstand
aufstieg.
Die Signal Iduna Gruppe mit Hauptsitzen in Dortmund und Hamburg erzielte 2024 Beitragseinnahmen von 7,0 Milliarden Euro bei einem Gesamtergebnis von 553,7 Millionen Euro. Das Unternehmen verwaltet Vermögensanlagen von 109 Milliarden Euro und beschäftigt über 11.000 Mitarbeitern. Das Unternehmen konzentriert sich besonders auf die Zielgruppen Handwerk und Handel.
