Die verbliebenen drei Kernkraftwerke werden am Samstag abgeschaltet. Ein Grund zur Freude oder ein trauriger Tag für Deutschland? Was der eine Redakteur für eine brachiale Fehlentscheidung hält, ist für den anderen ein Erfolg von historischer Tragweite. Ein Pro und Contra.

Pro: Der Abschied von Atomkraft ist konsequent
Die Abkehr von der unsicheren und teuren Technik ist gut für die Energiewende
Das Abschalten der letzten drei Atomkraftwerke und das Ende der Atomkraft in Deutschland ist nur konsequent und richtig. Dass der Weiterbetrieb der verbliebenen Anlagen in den vergangenen Monaten überhaupt noch diskutiert wurde, ist der katastrophalen Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte geschuldet. Konkret dem verpassten Ausbau der Erneuerbaren Energien und der fatalen Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland, die sanktionsbedingt nach Beginn des Ukraine-Krieges beendet wurden. Alle, die jetzt nach einem Weiterbetrieb rufen, haben vorher der Abschaltung zugestimmt und es dann unterlassen, die Energiewende umzusetzen, weil der Einsatz fossiler Brennstoffe bequem und billig war.
Deutschland hat sich für den Ausstieg aus der Atomkraft aus guten Gründen entschieden. Welche sicherheitsrelevanten Nachteile diese Energieerzeugung mit sich bringt, muss hier wohl nicht mehr erklärt werden. Schon 2002 war von der rot-grünen Bundesregierung der Ausstieg beschlossen worden. Die schwarz-gelbe Bundesregierung erneuerte 2011 das Ausstiegsversprechen als Resultat aus dem Reaktor-Unfall im japanischen Fukushima – wohlgemerkt in einem Hochtechnologieland. Sicherheit ist also auch in Industrieländern und in den größten Volkswirtschaften nur relativ zu den jeweiligen Umständen und Bedingungen zu haben.
Die deutschen Atomkraftwerke mögen zwar insgesamt störungsfrei gelaufen sein, hätten aber längst einer Revision unterzogen werden müssen. Ungeklärt ist auch die Frage, woher für einen Weiterbetrieb kurzfristig Brennstäbe bezogen werden könnten. Ebenso ungelöst bleibt die Frage nach einem Endlager. Dass sich Deutschland jahrzehntelang um diese Frage herumgedrückt hat, ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie Staat und Gesellschaft nicht bereit waren, konsequent für die Folgen aus dem Einsatz dieser Technik die Verantwortung zu übernehmen. Den strahlenden Müll anderen zu überlassen, ist verantwortungslos. Umso weniger vertrauenserweckend ist der massive Zubau von Atomanlagen in vielen anderen europäischen Ländern und weltweit.
Lassen wir die Frage nach der Sicherheit der Anlagen gänzlich außer Acht, bleibt die Frage nach der Versorgungssicherheit. Bei einem Anteil an der Stromerzeugung von zuletzt lediglich sechs Prozent kann dieser Aspekt nicht den Ausschlag für einen Weiterbetrieb der Atomanlagen geben. Umgekehrt würde jedoch die Nichtabschaltung die Energiewende weiterhin behindern. Atomkraftwerke sind für den Dauerbetrieb ausgelegt und somit zu unflexibel in Kombination mit Erneuerbaren Energien. Bei überschüssigem Strom müssten diese abgeregelt werden statt der Atomanlagen.
Natürlich muss diese Energiequelle ersetzt werden. Gerade deswegen verleiht der Ausstieg der Energiewende neue Dynamik und wird den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen.
Contra: Der Abschied von der Atomkraft ist ein Fehler
Leichtfertig lässt die Ampel-Koalition die letzten Kernkraftwerke abschalten. Die Entscheidung ist schlecht für die Wirtschaft.
Die Abschaltung der Atomkraftwerke ist unnötig und töricht. Der Verantwortliche für diese Fehlentscheidung hat einen Namen: Robert Habeck. Der Bundeswirtschaftsminister stellt das Wohlergehen seiner Grünen brachial über die Interessen des Landes. Ideologie ist Habeck wichtiger als sichere, saubere und bezahlbare Stromversorgung.
Deutschland kann es sich derzeit nicht leisten, eine stabile Energiequelle leichtfertig herauszunehmen. Wenigstens bis Ende des Jahrzehnts benötigt das Land die Kernkraft als Brückentechnologie. Zuverlässig haben Kernkraftwerke bis zum Schluss knapp zehn Millionen Menschen mit Strom versorgt. Die Atomkraftwerke versehen ihren Dienst bei Tag und bei Nacht, ob der Wind weht oder die Sonne scheint.
Ein Industrieland wie Deutschland ist zwingend auf jederzeit verfügbare Energie angewiesen. Ein Konzern wie die BASF verbraucht so viel Strom wie Dänemark. Großfabriken und Industriekomplexe lassen sich nicht allein auf Basis von flatterhafter Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen. Zumal die Erneuerbaren – je nach Berechnung – erst etwa ein Fünftel des Energiebedarfs decken.
Dazu kommt, dass Deutschland künftig nicht weniger, sondern mehr Strom benötigt. Derselbe Robert Habeck, der nun das Aus für die Atomkraft besiegelt, drängt zu Wärmepumpen und Elektroautos. Wo soll der zusätzliche Strom für die Heizung und die Fahrzeuge herkommen? Und wie soll er bezahlbar bleiben? Habecks Antworten fallen unbefriedigend aus. Und sollten auch energieintensive Handwerksbetriebe – Bäckereien, Metzgereien, Reinigungen, Metallbetriebe – beunruhigen, die schon jetzt unter unerträglichen Preisen leiden.
Um die Stromlücke während Dunkelflauten zu schließen, wird Deutschland teures Flüssiggas sowie Atomstrom aus dem Ausland beziehen und noch mehr Kohle in heimischen Anlagen verfeuern müssen. Für die CO2-Bilanz ist das fatal, doch wenn es gegen die Kernkraft geht, ist Habeck der Klimaschutz wohl nicht so wichtig.
Sechs Jahrzehnte lang liefen die deutschen Kernkraftwerke zuverlässig und ohne größere Zwischenfälle. Bleibt die Endlagerung als gern angeführtes Argument der Atomkraftgegner. Sie ist ein aufgebauschtes Problem. Einerseits wäre es überhaupt kein Problem, den radioaktiven Müll rückholbar in oberirdischen Zwischenlagern aufzubewahren, bis technisch bessere Lösungen zur Verfügung stehen. Andererseits spräche auch nichts dagegen, Atommüll in Länder mit Endlagerstätten oder Recyclinganlagen zu exportieren.
Bedauerlicherweise sind mit die besten, sichersten und wirtschaftlichsten Kernkraftwerke der Welt ab Samstag Geschichte. Einen Platz in den Geschichtsbüchern dürfte Robert Habeck dafür gewiss sein: Nie zuvor hat ein hochentwickeltes Land freiwillig seine Energieversorgung zerstört und sich auf eine riskante Wette aufs Wetter eingelassen.

