Für Ausbilder -

Virtuelle Berufsorientierung in Corona-Zeiten Auf virtuellem Weg zum realen Azubi

Schon im Frühjahr haben es die Corona-Maßnahmen Betrieben und Nachwuchskräften schwer gemacht zusammenzukommen. Aus der Not heraus sind Lösungen zur virtuellen Berufsorientierung entstanden, die sich jetzt in der zweiten Corona-Welle ­bewähren müssen. 

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Handwerk fehlen dieses Jahr noch 23.500 Auszubildende (Stand Ende September). In der Gesamtwirtschaft sind aktuell noch 59.900 Ausbildungsplätze nicht besetzt. Der Corona-Shutdown im Frühjahr fiel genau in die Zeit, in der sonst Ausbildungsmessen, Betriebspraktika und Praxistage in den Schulen einen ersten Kontakt zwischen Schülern und potenziellen Ausbildern ermöglichen.

Doch die Zahlen zeigen auch, wie die Betriebe in ihrer Lehrlingssuche aufgeholt haben. Von Januar bis Mai zählte das Handwerk noch 18,3 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Ende September betrug die Differenz nur noch 8,1 Prozent. Eine wichtige Rolle bei diesem mühsamen Werben um Nachwuchskräfte spielt die virtuelle Berufsorientierung. Viele Betriebe und Organisationen haben ihr Ausbildungsmarketing auf soziale Medien und Online-Plattformen verlagert. Allen gemeinsam: Das Handeln im Verbund, weil die Aktivitäten für den Einzelnen zu teuer und aufwendig wären.

Gemeinsame Azubi-Plattform der Unternehmerfrauen

Die Unternehmerfrauen des Arbeitskreises Landshut haben kurz vor dem Corona-Shutdown im Frühjahr eine eigene Webseite gestartet: "Ich hatte schon im vergangenen Jahr die Idee, dass wir eine gemeinsame Plattform brauchen, über die wir in der Region Azubis fürs Handwerk finden können", berichtet Vorsitzende Manuela Nemela.

Die Chefin des Landshuter Sanitär- und Heizungstechnikbetriebs Nemela hatte die Unternehmerfrauen-Arbeitskreise Erding und Freising mit ins Boot geholt, außerdem die Marketingberaterin Birgit John. Diese konzeptionierte und setzte die Internetplattform www.ausbildungundhandwerk.de in kürzester Zeit um. Jugendliche erfahren auf der Seite, was die Berufe ausmacht und wer in der Region darin ausbildet.

Unternehmerfrauen präsentieren Plattform im Fernsehen

Unternehmerfrauen Manuela Nemela und Birgit John im Fernsehstudio

Auch wenn die Anfragen nach Praktika bisher eher verhalten waren, gibt es erste Erfolge. Der Heizungs- und Sanitärbetrieb Markus Klug in Wartenberg hat über das Portal einen neuen Azubi gewonnen. "Dominik Bauer hat Ende Juni sein Praktikum bei uns gemacht und jetzt die Ausbildung angefangen", freut sich Unternehmerfrau Cornelia Klug. Dieser Erfolg ist um so höher zu schätzen, als der Kleinbetrieb in anderen Jahren mitunter gar keine Bewerber hatte.

Die Kosten für die Ausbildungsplattform halten sich für die teilnehmenden Betriebe in Grenzen. Jeder zahlt einmalig 300 Euro. Die Seite zu erstellen kostete 2.000 Euro, gemeinsam finanziert von den Arbeitskreisen der Unternehmerfrauen und Fördermitgliedern.

Nachwuchs locken mit Praktikumsprämie

Auch die Handwerkskammern haben auf die Corona-Krise mit speziellen Angeboten reagiert, um Betriebe und Nachwuchskräfte zusammenzubringen. So motivierte die Handwerkskammer Halle Jugendliche über einen finanziellen Anreiz, während ihrer Sommerferien ein Praktikum in Handwerksbetrieben zu absolvieren. "Schon in der ersten Ferienwoche war ein großes Interesse von Eltern, Schülern und aus den Betrieben zu spüren", sagt Dirk Neumann, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Halle.

Viele Jahre lang hatte die Kammer die Praktikumsprämie gefordert, im Krisenjahr hat das Land Sachsen-Anhalt das Projekt verwirklicht. Pro Praktikumswoche erhielten Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr 120 Euro Zuschuss. 135 Jugendliche nutzten im Sommer das Angebot, es könnten aber noch mehr werden, da das Programm bis Ende 2021 läuft.

Eine spezielle Onlinesprechstunde für Schüler hat die Handwerkskammer Schwaben eingerichtet. Deren Eltern informiert die Kammer an digitalen Elternabenden, die Lehrkräfte bekommen per E-Mail Informationsmaterial zu Berufsorientierung und Bewerbungstraining. Auch für die Betriebe plant die Handwerkskammer eine virtuelle Veranstaltung mit Tipps zum Online-Ausbildungsmarketing.

Berufsinformationstage ins Netz verlegt

Der Kyffhäuser-Kreis in Thüringen hat seine etablierten Berufsinformationstage wegen Corona kurzerhand ins Internet verlegt. Von Oktober bis März können "Aussteller" ihre Angebote in einer virtuellen Messehalle auf berufemap.de/sdh präsentieren, flankiert von einem Schülerwettbewerb und Aktionstagen an allen teilnehmenden Schulen.

Aussteller aus dem Handwerk sind die Bauinnung Kyffhäuser-Un­strut-Hainich, die sich gebündelt über ihre Bildungseinrichtung "Habi" präsentiert und die Kfz-Innung der Region. Sie sucht über ihren Obermeister Frank Schneider den virtuellen Kontakt zur Jugend: "Der Kfz-Mechatroniker ist zwar der beliebteste Handwerksberuf junger Männer. Trotzdem fehlt es bei uns in der Region an Bewerbern", stellt der Unternehmer fest. Seit Jahren engagiere er sich bei den Berufsinformationstagen, um der Jugend ein fundiertes Bild seines Berufs zu vermitteln.

Ob es gelingt, mit der virtuellen Plattform das Interesse der Jugendlichen zu wecken, zeigt sich erst am 5. und 6. November. Dann können die Schüler im Livechat und per Videotelefonie direkt Kontakt zu den Ausstellern aufnehmen.

Den echten Kontakt zum Unternehmen könne das aber auf Dauer nicht ersetzen, sieht Schneider Grenzen der virtuellen Möglichkeiten. "Eine virtuelle Messe ist der richtige Weg, um die Jugend auch in diesen Zeiten wissen zu lassen, was unseren Beruf ausmacht. Aber es muss auch den praktischen Teil geben, damit die jungen Leute die Betriebe und deren Arbeit wirklich kennenlernen."

Hilfen bei der Ausbildung

  • Berufsorientierung digital
    Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat einen eigenen Teilbereich "Berufsorientierung digital gestalten" eingerichtet. Hier finden Jugendliche, Eltern, Lehrer und Unternehmer Tipps und Informationen, wie Berufsorientierung funktioniert, auch wenn Präsenzangebote gerade nicht möglich sind.
  • Unterstützung für Kleinbetriebe
    Vor allem Kleinbetriebe haben Schwierigkeiten, Auszubildende zu finden. Viele ziehen sich deshalb aus der Ausbildung zurück. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und die Bertelsmann Stiftung haben die Gründe für diese Entwicklung untersucht und in ihrer Studie Unterstützungsmaßnahmen beleuchtet.
  • Ausbildung extern managen
    Gerade für Kleinstbetriebe ist Ausbildung eine große Belastung. Um diese Unternehmen zu unterstüzen, bietet das Projekt Jobstarter ein externes Ausbildungsmanagement, das von den ersten Vorüberlegungen für eine Ausbildung bis hin zur Koordination von Verbundausbildungen reicht.
  • Erkundungstool Check-U
    Die Bundesagentur für Arbeit bietet mit ihrer Plattform Check-U ein Werkzeug, mit dem Jugendliche ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen besser einschätzen und mit der Berufswelt abgleichen können. Allerdings müssen Interessenten dafür Zeit investieren. Nach einer ersten Registrierung dauert allein der "Fähigkeiten-Test" 70 Minuten, der "Soziale-Kompetenzen-Test" 30, der "Interessen-Test" 15 und der "Berufliche Vorlieben-Test" 10 Minuten.
    arbeitsagentur.de/­bildung/welche-ausbildung-­welches-studium-passt
    Praktika in Pandemiezeiten
    Unternehmer und Schüler sind durch die Corona-Pandemie verunsichert: Dürfen sie noch Praktika durchführen? Die Kultusministerien der Länder bestätigen dies auf Anfrage der DHZ grundsätzlich. Voraussetzung ist, dass die Beteiligten die jeweils aktuell vor Ort geltenden Hygienevorschriften und Corona-Verordnungen einhalten. Außerdem gelten bei schulischen Praktika die Hygienehinweise der Schule, von der der Praktikant kommt sowie der eigene betriebliche Hygieneplan.
    Auch freiwillige Praktika zur Berufsorientierung sind möglich, so lange die Beteiligten die geltenden Corona-Regelungen einhalten. Diese finden Unternehmer auf den Webseiten ihres Landratsamtes und in den Verordnungen zum Infektionsschutz ihres Bundeslandes. Links und weitere Infos:
    dhz.net/praktika
    Checkliste Schülerpraktikum
    Wem es gelingt, einen Schüler für ein Praktikum im eigenen Betrieb zu gewinnen, der hat die Chance, einen künftigen Auszubildenden zu bekommen. Dafür muss sich der Schüler im Betrieb wohl fühlen und etwas lernen. Wie Unternehmer dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen können, zeigt die Checkliste der BA.
    DHZ
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten