Ob in Europa, Afrika oder Australien – deutsche Gesellen und Meister sind auch im Ausland gefragt. Vier Porträts aus aller Welt.
Vom Azubi bis zum Meister: Viele Handwerkerinnen und Handwerker zieht es im Laufe ihres Arbeitslebens beruflich ins Ausland. "Lernaufenthalte im Ausland sind ein wichtiger Baustein für die Steigerung der Attraktivität der beruflichen Bildung", sagt Referatsleiter Christian Sperle vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Das Handwerk biete dafür unterschiedliche Möglichkeiten.
Auszubildende können während des zweiten Lehrjahres ein Auslandspraktikum absolvieren, das auf die Lehrzeit angerechnet wird. Das Praktikum bietet gleichermaßen Vorteile für Auszubildende und ausbildende Unternehmen. Auszubildende, aber auch junge Fachkräfte haben die Gelegenheit, Arbeitstechniken sowie Produkte anderer Länder und Kulturkreise kennenzulernen. Zugleich können sie ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern und interkulturelle Kompetenzen erwerben. Damit haben sie die Chance, neue Erfahrungen zu sammeln, die auch in der Ausbildung hilfreich sein können.
Im Gegenzug können sich Handwerksunternehmen als attraktive Ausbildungsbetriebe und Arbeitgeber positionieren. "Die Möglichkeit, einen Auslandsaufenthalt im Rahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu absolvieren, stellt für beide Seiten eine echte Win-win-Situation dar", sagt Sperle. Ausbildungsbetriebe, Auszubildende und junge Fachkräfte haben die Möglichkeit, sich beim Netzwerk der Mobilitätsberatenden der Kammern "Berufsbildung ohne Grenzen" rund um das Thema beraten zu lassen. Für Handwerksmeister gibt es zudem seit einigen Jahren die Option, eine Zusatzqualifikation zum Internationalen Meister zu absolvieren.
Keramik auf Teneriffa – Zahntechnikerin Cherita-Annabell Krumm
Für Cherita-Annabell Krumm ging es im Juni 2022 mit Erasmus+ während ihrer Ausbildung nach Teneriffa. Für die angehende Zahntechnikerin aus Olfen war es der erste alleinige Auslandsaufenthalt. In der Berufsschule erfuhr sie von der Möglichkeit, im zweiten Ausbildungsjahr ein Praktikum im Ausland mit Unterstützung von Erasmus+ zu absolvieren. Krumm hat die Auslandserfahrung genutzt, um sich weiterzuentwickeln. "Ich wollte meine Komfortzone verlassen", sagt die Auszubildende.
In Deutschland arbeitete die Auszubildende vor allem mit Kunststoff-Prothesen. Auf Teneriffa fertigte Frau Krumm fast ausschließlich Prothesen aus Keramik. "Ich konnte mich richtig mit der individuellen Form der Zähne beschäftigten", sagt Krumm. "Das hat mich sehr viel weitergebracht und meinen Blick auf Zähne geändert."
Die Entscheidung für Teneriffa fiel dadurch, dass eine Freundin ihres Arbeitgebers ein Labor auf der spanischen Insel eröffnet hatte. Für die 22-jährige Auszubildende lag die Herausforderung vor allem in der Sprache. Im Norden der Insel sprechen die Einwohner Spanisch. Krumm war der Sprache nicht mächtig und konnte nur Englisch. Mit Händen und Füßen funktionierte die Verständigung schlussendlich. Neben der Arbeit im Labor kam für die junge Frau auch der Spaß nicht zu kurz: Krumm nutze ihre Freizeit zum Tauchen, Wandern, um Kanu zu fahren und Bekannte zu besuchen.
Mit dem VW-Bus durch Großbritannien – Kunstschmied Stefan Simmet
Mit 28 Jahren packte Stefan Simmet aus Tittling in den 1990er-Jahren die Lust zu reisen. Der Kunstschmied hatte damals eine Freundin in England und war sehr interessiert an der englischen Schmiedekunst. Ohne Handy und Internet zog Simmet los, nur ausgestattet mit einer Landkarte und seinem Schmiedehammer. Er kaufte sich für 450 Mark einen VW-Bus, packte Hammer und Landkarte ein und fuhr los. Einige Namen englischer Kunstschmiede waren ihm bekannt. Er versuchte sein Glück und wurde bei ihnen vorstellig.
Auch für Simmet bestand die größte Herausforderung in der Sprache. Sein Englisch war nicht das beste und englische Fachbegriffe aus der Metallverarbeitung waren ihm nicht geläufig. Auch die Maßeinheit "Inch" war anfangs eine Herausforderung für den damaligen Kunstschmied-Gesellen.
Begeistert war Simmet von der anderen Formsprache. In Deutschland sei die Kunstschmiedearbeit sehr im Barock verhaftet. Das sei in England anders. Der Kunstschmied hatte unter anderem die Möglichkeit, bei Charles Normandale an der Mitarbeit beim "The Henry Cort Millennium Project", der größten internationalen Schmiedeausstellung der Welt, mitzuwirken.
Nach fast zwei Jahren auf Wanderschaft durch Großbritannien kehrte der heute 52-jährige Kunstschmied zurück nach Deutschland: Daheim wartete der elterliche Bauernhof auf ihn. Seinen Lehrlingen gibt er den Rat auf den Weg, ebenfalls den Schritt ins Ausland zu wagen. "Wenn die Jugend noch nicht vorbeigezogen ist und man ansonsten keine Verantwortung für eine Familie oder ein Geschäft tragen muss, dann sollte man wirklich einmal weggehen und Neues kennenlernen."
Französische Patisserie in Australien – Konditormeisterin Anna-Sophie Heinrich
Schon lange war es der Traum von Anna-Sophie Heinrich aus Syke, einmal für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Eigentlich wollte die Konditorin, die mittlerweile selbstständige Konditormeisterin und Betriebswirtin ist, direkt nach dem Abitur um die Welt reisen. Jedoch fehlten ihr die notwendigen finanziellen Mittel, weshalb sie zuerst eine Ausbildung absolvierte. Nach dem Berufsabschluss ging es für die damalige Konditorgesellin direkt nach Australien.
Heinrichs Traumziel folgte dabei den Traumdestinationen vieler junger Menschen, die entweder nach Neuseeland, England oder eben Australien wollen, um dort Work and Travel zu machen. Mit ihrem Gesellenbrief in der Tasche bewarb sich die Konditorin direkt vor Ort und arbeitete zur Probe, bis sie einen passenden Job gefunden hatte. In Australien bekam sie ein Visum, mit dem sie sechs Monate arbeiten durfte.
Sie fand eine Anstellung bei Adriano Zumbo, einem bekannten Patissier, welcher auch als die "australische Antwort auf Willy Wonka" bezeichnet wird. Heinrich ist im klassischen Konditorhandwerk ausgebildet und hatte zuvor keine Erfahrung mit der französischen Patisserie. Während es in Deutschland üblich ist, ganze Kuchen und Torten anzufertigen, sind in Australien kleine ausdekorierte Törtchen üblich. Die heute 26-jährige Konditorin erlernte bei Zumbo die verschiedenen Patisserie-Techniken, darunter auch das sogenannte "Mirror Glaze", eine bestimmte Glasur-Technik.
Nach ihrem Auslandsaufenthalt besuchte Heinrich die Meisterschule. Die in Australien erlernten Techniken nutzt die Konditormeisterin bei der Herstellung der Kreationen für ihren eigenen Laden. Heinrich resümiert: "Ich kann es jedem wärmstens empfehlen ins Ausland zu gehen, egal wie alt."
Auf Missionen in Afrika – Metallbaumeister Fabrice Carstens
Der 33-jährige Metallbauermeister Fabrice Carstens wollte schon immer etwas von der Welt sehen und hatte bereits vor seiner Weiterbildung zum Internationalen Meister 2017 Kontakte zu ausländischen Firmen. Neben Italien, Spanien und Portugal war er in West- und Südasien sowie Nord-, West- und Südafrika unterwegs.
Eine seiner Reisen führte ihn nach Uganda. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit stellte eine Anfrage an den Metallbaumeister, ob er Interesse an Entwicklungsarbeit in Uganda hätte. Durchschnittlich ist der Handwerker bei den Einsätzen drei Wochen im jeweiligen Land. Vor Ort zeigte er angehenden Berufsschullehrern, wie Metall verarbeitet wird. Dabei musste sich Carstens auf die unterschiedlichsten Gegebenheiten einlassen und sich unter anderem die Fragen stellen: Wie wird ausgebildet? Wie sind die Firmen ausgestattet?
Die größten Unterschiede liegen seiner Meinung nach in der Arbeitsweise. In Uganda wird nicht nur viel improvisiert, es wird auch in vielen kleinen Schritten gearbeitet, die sehr zeitintensiv sind. Es erfordere interkulturelle Kompetenz, sich immer wieder auf neue Kulturen einstellen zu können. Doch Carstens nimmt jedes Mal viel mit nach Hause: "Es ist eine superdankbare Arbeit, weil man direkt Feedback bekommt und man merkt, dass man etwas Gutes tut." Der nächste Einsatz ist auch schon wieder geplant. Für den Metallbauermeister aus Wuppertal geht es nach Nigeria.



