Gastkommentar Altersvorsorge: Mehr Mut für eine Rentenreform

Wieder wurde eine mögliche Rentenreform verschoben. Im Prinzip gibt es mehrere Varianten, die Rente stabil zu halten. Besser aber wäre der Kapitalmarkt als Ergänzung. Das zeigt das Beispiel Schweden.

Illustration: Rentner balancieren auf Geldhäufchen.
In Schweden ist die gesetzliche Altersversicherung eine Mischung aus Umlageverfahren und Kapitaldeckung. Ein Vorbild auch für die deutsche Rente? - © GOLDMAN - stock.adobe.com

Bei der gesetzlichen Rentenversicherung muss der Staat ständig Kompromisse finden, die die geringsten Abwehrreaktionen bei den Wählern hervorruft. Eine Befragung der Bevölkerung durch das Institut der deutschen Wirtschaft ergab, dass die Befragten am ehesten einer Beitragserhöhung zustimmen würden. Die Reduktion der Ablaufleistungen erhielt die wenigsten Stimmen. Ähnlich unbeliebt ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit.

Am deutlichsten wurde "die Beitragserhöhung" übrigens von der Gruppe der Rentenempfänger goutiert, die davon nicht betroffen sind. Die Meinung der jüngeren Generation geht in diesem Zusammenhang eher unter. Junge Menschen finden sich bereits damit ab, dass die Rente nicht auskömmlich ausfallen wird.

Obwohl der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung mittlerweile bei über 100 Milliarden Euro liegt, debattiert man seit Jahren darüber, ob ein kleiner Teil der gesetzlichen Altersvorsorge in Kapitalmarktanlagen investiert werden kann. Dabei kommt man nicht wirklich voran.

Vorbild Schweden

Hilfreich wäre der Blick nach Schweden. Dort wurde die gesetzliche Alterssicherung im Jahr 1998 zu einem beitragsorientierten Mischsystem umgebaut. Dieses besteht aus einer größeren umlagefinanzierten Komponente (Einkommensrente) und einem kleineren kapitalgedeckten Element (Prämienrente). Der von den Arbeitnehmern abzuführende Teil dieser Beiträge wird mit der individuellen Einkommensteuerschuld verrechnet.

Die Investitionsentscheidung trifft hier grundsätzlich der Versicherte. Er kann aus einem Pool von einigen hundert behördlich zugelassenen Fonds bis zu fünf Fonds auswählen. Trifft der Versicherte keine Anlageentscheidung, wird automatisch in einen Standardfonds investiert. Die Gewichtung von Aktien- und Rentenfonds wird dem Alter des Versicherten angepasst. Aufgrund der Skaleneffekte sind diese Fonds deutlich günstiger als deutsche aktive und passive Fonds.

Eigeninitiative erforderlich

Insbesondere junge Menschen sollten zunächst wählen gehen, damit ihre Wählergruppe an Relevanz gewinnt und Veränderungen wahrscheinlicher werden. Wer nicht Jahre warten will, bis strukturelle Änderungen in das vorhandene Rentensystem integriert werden, kommt nicht umhin, privat vorzusorgen. Monatliche Fondssparpläne in aktiven und passiven Investmentfonds werden bei jeder Bank angeboten und sind eine sehr flexible Option. Die Ausschüttungen wie Dividenden aus Aktien und Zinsen aus Sparguthaben oder Anleihen sollten möglichst direkt wieder angelegt werden. So kann sich der Zinseszinseffekt voll entfalten.

Außerdem sollten junge Generationen nicht die Leistungserwartung an die gesetzliche Rentenversicherung pauschal abschenken. Trotzdem sollte man so früh wie möglich mit dem regelmäßigen Sparen beginnen. Dann sind Konsequenz und Disziplin gefragt. Jede Gehaltsverbesserung oder Ausgabenreduzierung sollte zumindest zur Hälfte zusätzlich in die Altersvorsorge fließen und zu einer Erhöhung der monatlichen Sparpläne verwendet werden.

Zum Autor: Andreas Görler ist Senior Wealthmanager und zertifizierter Fachmann für nachhaltige Investments bei der Wellinvest - Pruschke & Kalm GmbH in Berlin.