Von der Leyen stellt Fortschrittsreport vor Altersgerecht arbeiten: Aufruf an Arbeitgeber

Immer mehr Erwerbstätige sind über 65 Jahre alt und das ist nach Ansicht von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen auch gut so. "Wenn der Trend anhält, werden wir in Kürze in dieser Altersgruppe mehr Erwerbstätige als Rentner haben", sagte sie bei der Vorstellung des neuen Fortschrittreports zur altersgerechten Arbeitswelt. Da die Deutschen immer älter und insgesamt immer weniger werden, gelte es nun die Arbeitswelt entsprechend umzugestalten. Eine Lösung sieht sie in flexiblen Arbeitszeitkonten. Vor allem kleine Betriebe hätten hier noch Nachholbedarf.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen stellte gemeinsam mit dem DGB-Vorsitzenden Michael Sommer (l.) und ZDH-Präsident Otto Kentzler den Fortschrittsreport "Altersgerechte Arbeitswelt" vor. - © dapd

Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der 20- bis 64-Jährigen in Deutschland um mehr als sechs Millionen zurückgehen. Für den Arbeitsmarkt stehen also gravierende Veränderungen an, um die derzeitige Produktivität und Wertschöpfung zu erhalten. Die Rente mit 67 ist eine Maßnahme, mit der die Bundesregierung verhindern will, dass der Fachkräftemangel akut wird. Doch mehr ältere Mitarbeiter zu beschäftigen, erfordert auch ein Umdenken der Arbeitgeber.

Die Bundesarbeitsministerin wollte bei der Vorstellung des Fortschrittsreports deshalb erst einmal mit einem Vorurteil aufräumen und betonte, dass Jüngere nicht per se leistungsfähiger sind. "Wer erfahrene Leistungsträger beschäftigt und Ältere einstellt, kann davon profitieren", gab sie als Signal an die Arbeitgeber. Schließlich war als Vertreter der Wirtschaft auch Handwerkspräsident Otto Kentzler in seiner Rolle als Vizepräsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA) bei der Vorstellung des Berichts dabei.

Altersmix steigert Produktivität

Dann präsentierte sie Zahlen, die diese Entwicklung belegen sollen. So zeigte eine aktuelle Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), dass die Produktivität eines Betriebs um gut 0,5 Prozent steigt, wenn der Anteil der 45- bis 50-Jährigen an der Gesamtbelegschaft um einen Prozentpunkt zunimmt. Sogar noch bessere Werte könnten erreicht werden, wenn altersgerechte Arbeitsplätze vorhanden sind. Das ZEW zeigte, dass die Produktivität der Beschäftigten zwischen 45 bis 50 Jahren dann um etwa zwei Prozent steigt. "Stimmt der Altersmix, dann steigt quer über alle Branchen die Produktivität", fasste von der Leyen die Ergebnisse zusammen.

Mit dem Bericht knüpft das Ministerium an den Bericht der Bundesregierung über die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer an und möchte zukünftig halbjährlich Bilanz ziehen, wie sich der Arbeitsmarkt bis zur vollständigen Einführung der Rente mit 67 Jahren im Jahr 2029 verändert. Doch genau hier sieht der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Michael Sommer, Kritikpunkte. Er warf der Ministerin vor, mit den Ergebnissen des Berichts die Debatte um die Erhöhung des Rentenalters positiv beeinflussen zu wollen.

Späteres Rentenalter zu positiv bewertet

Sommer kritisierte insbesondere, dass viele Ältere nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt seien. "Wir haben allein in der Altersgruppe zwischen 55 und 64 800.000 Menschen, die alleine nur Minijobber sind", sagte er. Laut der Studie haben lediglich 63,3 Prozent der Beschäftigten in dieser Altersgruppe einen regulären Job. Auch von der Leyen räumte ein, dass lediglich 25 Prozent der über 60-Jährigen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgingen. Allerdings ist auch diese Zahl in den vergangenen zehn Jahren um rund zehn Prozent gestiegen.

Die Ministerin betonte, Deutschland stehe besonders im europäischen Vergleich gut da. "Aber da wir alle von niedrigem Niveau gestartet sind, müssen wir noch deutlich besser werden", fügte sie hinzu. Auch Sommer betonte: "Die Beschäftigungssituation Älterer hat sich verbessert, aber sie ist nicht gut."

Deshalb ist noch viel zu tun, damit die angekündigten neuen Chancen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber auch wirklich greifen können. Gerade letzte seien nun an der Reihe, aktiv zu werden und die Arbeitsplätze altersgerecht umzugestalten. Neben der besseren Gesundheitsvorsorge und entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen – die vor allem kleine und mittelständische Betriebe noch eher selten anbieten –, müsse vor allem einen neuen Arbeitszeitmodellen gearbeitet werden.

KMU haben großen Nachholbedarf

"Wir wollen, dass die Menschen länger arbeiten, dann müssen wir ihnen Flexibilität und Freiraum geben", sagte die Bundesarbeitsministerin und meinte damit sogenannte Langzeitkonten und Wertguthaben. Arbeitnehmer soll es ermöglicht werden, in Spitzenzeiten – wenn die Auftragslage eines Betriebs gut ist – viel zu arbeiten und Arbeitszeit anzusparen. Im Gegenzug sollen sie dann, wenn weniger zu tun ist oder sie eine geplante Auszeit brauchen, mehr Freiräume bekommen. So könnten auch Probleme mit der Vereinbarkeit von Job und Familie bzw. Pflegezeiten bessern miteinander vereinbart werden. Gleichzeitig steigere die die Attraktivität der Arbeitsplätze und die Motivation der Mitarbeiter

Bislang führen nur etwa 40.000 Betriebe bzw. zwei Prozent der Unternehmen in Deutschland "echte" Langzeitkonten, auf denen die Mitarbeiter auch größere Zeitguthaben aufbauen können. Und dies sind vor allem große Firmen und Betriebe des öffentlichen Dienstes. Die kleinen und mittelständischen Betriebe hätten also noch mehr Nachholbedarf als die gesamte Wirtschaft. "Das Potenzial dieses Instruments im Hinblick auf eine flexiblere Gestaltung der Lebensarbeitszeit ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft", heißt es im Fortschrittsbericht . jtw