Karin Schwesinger fing mit 48 Jahren noch einmal von vorne an und begann eine Lehre als Friseurin. Der Neustart gab ihrem Leben neuen Schwung.
Melanie Höhn

Karin Schwesinger wusste schon lange, dass sie noch einmal etwas anderes machen würde. "Es war immer dieses Gefühl da", sagt sie. 2013 kam dann der richtige Moment. "Dann hat sich einfach alles von selbst gefügt." Die gelernte Schuhfachverkäuferin begann eine Friseurausbildung im Salon "Kamm & Schere" im bayerischen Schrobenhausen bei Augsburg. Mit 48 Jahren. Dank ihrer abgeschlossenen Lehre darf sie ihre Lehrzeit verkürzen und konnte direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen. "Ich habe nach dem Lehrstoff gelechzt und die Inhalte aus dem ersten Lehrjahr parallel nachgeholt", erzählt sie.
Ältere Fachkräfte werden für Arbeitgeber interessant
Mittlerweile gehen Unternehmen wesentlich offener mit älteren Bewerbern um, weiß Doris Litz von der Bundesagentur für Arbeit. Vor allem liegt das am zunehmenden Fachkräftebedarf. "Arbeitgeber sehen deshalb stärker die Notwendigkeit, sich neue Ressourcen zu erschließen – auch wenn sie dafür unter Umständen mehr investieren oder größere Kompromisse machen müssen", sagt Litz.
Doch für viele Menschen sei die Aussicht, noch einmal die Schulbank zu drücken, nicht erfreulich. Wer eine neue Berufsausbildung aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund fehlender Chancen auf dem Arbeitsmarkt aufnimmt, kann von der Bundesagentur für Arbeit gefördert werden. "Eine verbindliche Bewertung ist aber nur für jeden Einzelfall möglich", sagt Litz.
Lehrer und Mitschüler empfingen Karin Schwesinger in ihrem neuen Beruf mit offenen Armen, auch wenn es am Anfang eine gewisse Skepsis gab, erzählt die heute 49-Jährige. "Sie waren überrascht, jemanden wie mich in der Berufsschule zu sehen." Ihre Mitschülerinnen sind mehr als 30 Jahre jünger. Inzwischen fühlt sie sich aber gut integriert und in der Klasse aufgenommen.
In ihrem direkten Umfeld rief die neue Berufswahl unterschiedliche Reaktionen hervor. "Meine Kundinnen waren einerseits traurig, aber dann doch eher positiv gestimmt und mein Lebenspartner fand die Idee sofort gut", erzählt sie. Bevor sie die Ausbildung begann, leitete sie ihr eigenes Damenmodegeschäft in Schrobenhausen.
Sie kommt aus einer Unternehmerfamilie: Ihre Eltern führten ein Schuhgeschäft, wo sie nach ihrem Realschulabschluss in die Lehre ging. "Ich war wahnsinnig gerne im Verkauf", sagt sie. Doch durch das Internet habe sich der Markt verändert. "Es war einfach Zeit für etwas Neues."
Inzwischen hat sie nach weniger als zehn Monaten Friseurlehre bereits die Zwischenprüfung abgelegt. In ihrem Zeugnis stehen fast ausschließlich sehr gute Beurteilungen. Weil sie schon so weit ist, könnte die Schrobenhausenerin schon für Februar 2015 ihre Abschlussprüfung beantragen. "Aber ich genieße die Ausbildung gerade so sehr, dass ich mir bis Juli nächstes Jahr Zeit gebe."
An die Ausbildung kam sie über eine Freundin der Schwester. Ihre Chefin Ramona Oechsler kennt sie schon lange, sie sind befreundet. "Da wir nur zu zweit sind, lerne ich die Kunden besser kennen als in einem großen Friseurbetrieb", sagt Schwesinger.
In der Lehre musste sie ihren Lebensstandard zurückschrauben. Doch der geringere Verdienst im Vergleich zu dem vorherigen Job war kein Hindernis für sie. "Ich möchte das machen, was mir Spaß macht und wobei ich mich gut fühle. Geld ist kein Ausgleich, wenn es mir schlecht geht.“"
Lebenserfahrung als großer Vorteil
Ihre Lebenserfahrung sieht sie als großen Vorteil für die Ausbildung. "Durch mein Alter trauen mir die Kunden mehr zu, aber sie erwarten auch mehr. Ich weiß, wie man mit Menschen umgeht und mein Auge ist schon geschult auf Proportionen, Menschentypen und Farben."
Schwesinger ist überzeugt: "Ich mache die Lehre jetzt in einem anderen Bewusstsein, als wenn ich sie sofort nach der Schule gemacht hätte." Sie helfe vor allem Frauen, die sich etwas Gutes tun wollen. "Ich kann dazu beitragen, dass Menschen glücklicher sind", betont sie. Wie es nach der Lehre weitergeht, weiß sie noch nicht. Ihr nächstes Ziel ist eine gute Gesellenprüfung. Doch eines weiß sie genau: Sie würde alles genau so wieder machen.