Die Kette schrecklicher Nachrichten reißt nicht ab: Im letzten Jahr begann der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Nun stürzt der Terror Israel in einen Krieg. Was droht als nächstes, fragen sich viele Privatanleger und zaudern mit dem Aktienkauf. Doch diese Zurückhaltung ist möglicherweise falsch.
Viele Laien wundern sich, dass die Aktienkurse steigen, wenn schlechte Nachrichten bekannt werden. Oder dass die Börse schwächelt, obwohl keine einzige Wolke den Konjunkturhimmel verdunkelt. Im Herbst 2023 beherrschen Krieg, Terrorismus und Migration die weltweiten Schlagzeilen. Da glauben viele, die Aktienmärkte müssen nachgeben, weil niemand unter diesen Umständen investieren möchte. Dieser Gedanke aus mehreren Gründen ist falsch.
Zinsen könnten bald sinken
Inzwischen flacht der Zinsanstieg deutlich ab. Das dürfte sich positiv auf die Aktienmärkte auswirken. Geringere Zinsen lasten weniger stark auf den Ergebnissen der Unternehmen und rechtfertigen damit höhere Kurse. Insbesondere mittelgroße und kleinere Werte, die am meisten unter den massiven Zinsanhebungen seit 2022 leiden, könnten davon profitieren. Wir gehen davon aus, dass dies bald geschieht, da die Inflationsrate immer besser unter Kontrolle zu sein scheint. Dadurch kann vor allem die US-Notenbank den Fuß ein Stück weit vom Bremspedal nehmen.
Jahreszeit spricht für steigende Aktienkurse
Ein weiterer Faktor für steigende Aktienkurse ist die Saisonalität. Mit dem Oktober beginnen die saisonal starken Monate am Aktienmarkt. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es diesmal ebenso kommt, liegt bei stolzen 75 Prozent. Dazu passt die statistisch ebenso wahrscheinliche Korrektur, die wir im August und September erlebt haben und die ihr Tief oft im Oktober findet. So war es im Vorjahr. Seitdem ist der DAX in der Spitze um rund 35 Prozent gestiegen.
Lehren aus vergangenen Krisen
Nicht zuletzt ist die allgemeine Stimmung unter Anlegern trübe. 40 Prozent der Privatanleger in den für die Kapitalmärkte tonangebenden USA sind derzeit für den Aktienmarkt negativ gestimmt. Das sind deutlich mehr als die im Durchschnitt üblichen 30 Prozent. Ein negatives Sentiment dient jedoch eher als Kontraindikator, da sich diese Anleger in Erwartung fallender Kurse mit Käufen zurückhalten. Steigen die Kurse jedoch, werden sie als diejenigen, die auf den "fahrenden Zug" aufspringen müssen, die Kurse weiter nach oben treiben. So war es in anderen kritischen Epochen: 1962 war der Aktienmarkt bereits eingebrochen, um ab der Kubakrise im Oktober bis zum Jahr 1968 deutlich zu steigen. Nach der iranischen Revolution zog der S&P 500 in den Jahren 1979/80 um 50 Prozent an. Wer sich 2011 in der Euro-Krise dauerhaft aus Aktien zurückzog, hätte eine Verdreifachung des DAX verpasst.
Zum Autor: Stephan Albrech ist Vorstand der Albrech & Cie Vermögensverwaltung AG in Köln.
