Fleischerhandwerk startet Nachwuchskampagne Fleischerhandwerk: "Mehr als Schlachten und Zerlegen"

Die Arbeit im Fleischerhandwerk ist kreativer und abwechslungsreicher als viele denken. Die Branche kämpft um Nachwuchs. Denn der Trend zu guten regionalen Lebensmitteln endet vor der Ladentheke. Ein DHZ-Gespräch über Vorurteile, Imagewerbung und unterschätztes Fachwissen.

Jana Tashina Wörrle

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    © Foto: fleischerhandwerk.de
    Szene aus dem neuen Imagefilm: Das Fleischerhandwerk informiert über die Ausbildungschancen.
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    © Foto: Fleischerverband
    Dr. Reinhard von Stoutz, Geschäftsleiter des Deutschen Fleischerverbands.

DHZ:   Herr von Stoutz, die neue Nachwuchskampagne tägt den Titel "Anders als Du denkst". Was ist am Fleischerhandwerk anders als viele denken?

Reinhard von Stoutz: Die Berufe im Fleischerhandwerk sind erheblich vielfältiger, kreativer und interessanter, als dies die meisten Jugendlichen vermuten. In deren Wahrnehmung reduzieren sich die Aufgaben auf Schlachten und Zerlegen bei den Fleischerinnen und Fleischern und aufs Verkaufen bei den Fachverkäuferinnen und -verkäufern. Das wäre so, als würde man die Arbeit des Tischlers aufs Fällen der Bäume und schneiden von Brettern reduzieren.
Wer heute eine Ausbildung im Fleischerhandwerk macht, erlebt eine riesige Palette an Tätigkeiten. Er kümmert sich um verzehrfertige Speisen ebenso wie um regionale Spezialitäten. Er wird Experte, wenn es um das richtige Fleisch für den Grill geht und die besten Speisen für Partyservice und Catering. Die Beispiele ließen sich beliebig erweitern. Wir haben viele Facetten der Berufe in unserem Portal fleischerberufe.de beschrieben. Und wir werden die Sammlung ständig erweitern.

DHZ:   Gibt es in den Berufen des Fleischerhandwerks wirklich so einen großen Nachwuchsmangel wie man immer wieder hört?

von Stoutz: Den gibt es in der Tat. Wir rechnen aktuell mit rund 2.000 freien Stellen bei den Fleischern und fast doppelt so vielen bei den Verkäuferinnen. In manchen Regionen ist der Mangel an geeignetem Nachwuchs zu einem existenziellen Problem geworden.

DHZ:   Mit welchen Klischees und Vorurteilen hat die Branche zu kämpfen?

von Stoutz: Die Berufe werden vielfach als blutig und sehr anstrengend angesehen. Zudem müssen wir immer wieder hören, dass die Berufe nicht anspruchsvoll seien. Wer jemals erleben durfte, was die jungen Leute heute alles wissen und können müssen, der merkt schnell, dass dies nicht stimmen kann. Eine Fachverkäuferin muss heute fit sein, wenn es um Ernährung, Herkunft, Zubereitung, Inhaltsstoffe, Allergene und um die richtige Lagerung der Lebensmittel geht. Sie muss aber auch die notwendige Kreativität für den Partyservice und für die Werbung mitbringen und Sie muss sich perfekt auf die Kunden einstellen können.
Ähnliches gilt für den Fleischer. Ohne umfangreiches Wissen rund um die Technologie, um Betriebswirtschaft, Menschenführung, EDV-Kenntnisse und vieles mehr, wird kein Fleischer ein Fleischerfachgeschäft eröffnen oder übernehmen können.

DHZ:   Der Fleischkonsum in Deutschland ist hoch. Gleichzeitig gibt es Trends zu regionalen Produkten und mehr Qualität. Müsste das Fleischerhandwerk nicht einen starken Zulauf erleben?

von Stoutz: Für uns ist es immer wieder erstaunlich, wie groß die Diskrepanz zwischen der hohen Wertschätzung ist, die man dem Fleischermeister als Produzent hochwertiger und regionaler Produkte entgegenbringt und der geringen Wertschätzung, die man den Ausbildungsberufen beimisst . Wir treffen jedoch durchaus auf junge Auszubildende, die einen der Berufe genau aus den von Ihnen genannten Gründen erwählt haben. Das freut uns natürlich sehr.

DHZ:   Was ist das Ziel der Kampagne – neben der Nachwuchsgewinnung?

von Stoutz: Ganz klar: Wir wollen mit den Vorurteilen aufräumen, die unseren jungen Auszubildenden zum Teil entgegen gebracht werden. Wir wollen zeigen, dass unsere Auszubildenden fitte, aufgeweckte und extrem leistungsfähige junge Menschen sind. Das entspricht den Tatsachen, ist aber viel zu wenig bekannt.

DHZ:   Die Kampagne läuft online mit Videos, Bildergalerien und interaktiven Elementen. Welche Rückmeldungen gibt es dazu bereits?

von Stoutz: Fast nur positive. Da wir am Anfang stehen, haben wir es bisher überwiegend mit Reaktionen aus dem Umfeld der Fleischer zu tun gehabt. Zunehmend erreichen uns jedoch auch Rückmeldungen, die uns zeigen, dass das Konzept aufgeht. Junge Leute zeigen sich erstaunt über die Vielfalt, die sich den Auszubildenden bietet.

DHZ:   Ist das Fleischerhandwerk bzw. die einzelnen Betriebe schon genug online vertreten, um hier die Jugendlichen anzusprechen?

von Stoutz: Es wird schon sehr viel gemacht. Viele Betriebe machen hervorragende Nachwuchswerbung im Netz. Das gleiche gilt für Innungen und Landesverbände. Erstmalig bündeln wir jetzt unsere Aktivitäten, so dass die Wahrnehmung gesteigert wird. Gleichzeitig ermöglicht das Portal vielen Betrieben, die bisher noch nicht online nach Nachwuchs suchen, einen eigenen Auftritt. Wir werden diese Aktivitäten mit Sicherheit ausbauen und unseren Betrieben den eigenen Auftritt noch mehr erleichtern.

DHZ:   Warum eine eigene Kampagne? Es gibt schließlich seit Jahren die große Handwerkskampagne des ZDH .

von Stoutz: Die Kampagne des ZDH ist aus unserer Sicht sehr wichtig, da sie dem Handwerk zu der Wertigkeit verhilft, die es zu Recht verdient. Das hilft uns bei der eigenen Werbung sehr. Um junge Leute für die Ausbildung in einer bestimmten Branche zu begeistern, ist die Kampagne weder angelegt noch aus unserer Sicht geeignet. Hier sind die Fachverbände gefragt.

Die Nachwuchskampagne: "Anders als Du denkst"

Zur Nachwuchskampagne gehört eine eigene Website. Unter fleischerberufe.de gibt es viele Informationen rund um die Berufe Fleischer/Fleischerin und Fleischereifachverkäufer/-in in Wort, Bild und in vielen Videos. Man kann testen, ob man für die Berufe geeignet ist, typische Tagesabläufe durchleben und bekommt Bewerbungstipps und Kontakt zu Firmen mit offenen Stellen.

Ausbildung im Fleischerhandwerk: Derzeit gibt es rund 2.700 Betriebe des Fleischerhandwerks, die zum Fleischer oder zur Fleischerin ausbilden und rund 3.000, die zur Fachverkäuferin oder zum -verkäufer ausbilden. Sie bilden knapp 9.000 Azubis aus. Rund 5.500 Stellen sind derzeit unbesetzt.

Zur Website der Nachwuchskampagne geht es hier.>>>

Zum Youtube-Kanal des Fleischerverbands geht es hier.>>>