Vor fast genau einem Jahr versetzte der Pferdefleischskandal Deutschland in Aufruhr. Der Ruf nach neuen Kennzeichnungspflichten wurde laut, doch bisher ist kaum etwas geschehen. Herkunftsangaben sind den Verbrauchern immer wichtiger – das Handwerk setzt deshalb auf Regionalität und fordert, dass diese noch sichtbarer werden müsse.
BSE, Dioxin verseuchte Eier oder Pferdefleisch in Tiefkühllasagne – nicht wenige Lebensmittelskandale erschütterten in der Vergangenheit das Vertrauen der Verbraucher. Dass der Betrug mit nicht deklariertem Pferdefleisch an die Öffentlichkeit gelangte, ist erst ein Jahr her und er hält an. Erst vergangenen Donnerstag haben niederländische Behörden wieder rund 28.000 Tonnen verdächtiges Fleisch zurückbeordert, das möglicherweise mit Pferdefleisch vermischt wurde – strafrechtliche Ermittlungen laufen.
Nach dem Skandal ist also vor dem Skandal, denn getan hat sich bisher auch bei den Behörden und vielen Verbrauchern nichts. Marktforscher haben erst kürzlich ermittelt, dass sich das Konsumverhalten der Deutschen nach dem Pferdefleischskandal kaum verändert hat. Aber auch wer weitreichende politische Konsequenzen erwartet hat, dürfte enttäuscht sein.
Betriebe sollen für Kontrollen bezahlen
Viele europäische Politiker und Verbraucherschützer sprachen sich zwar wieder einmal für neue EU-Kennzeichnungspflichten, schärfere Kontrollen und härtere Strafen aus. Die Umsetzung solcher Projekte lässt aber auf sich warten – zu unterschiedlich sind offensichtlich die Positionen und Interessen der Beteiligten.
Zwar haben die EU-Behörden Veränderungen bei den Kontrollen im Lebensmittelbereich angekündigt, doch diese betreffen bislang hauptsächlich die Finanzierung. So gibt es Pläne, dass künftig die Betriebe und nicht mehr der Staat für die Kontrollen aufkommen soll.
Im Handwerk löst diese Ankündigung Empörung aus. So sind sich die Verbände des Lebensmittelhandwerks einig, dass die Lebensmittelüberwachung eine originäre Aufgabe des Staates im Rahmen der Daseinsvorsorge und keine Aufgabe der Lebensmittelwirtschaft ist. In einer gemeinsamen Mitteilung mit dem Deutschen Bauernverband warnen sie vor einem gebührenfinanzierten Kontrollsystem. Dieses könnte sich dies nachteilig auf die Lebensmittelpreise auswirken, mahnte Heinz-Werner Süss, der Präsident des Deutschen Fleischer-Verbandes.
Das Handwerk erwartet hierbei Unterstützung von der Bundesregierung, die sich auf europäischer Ebene gegen die Pläne einsetzen solle. Allein mit mehr Bürokratie ließen sich die Probleme nicht lösen – beim Bewusstsein für den richtigen Umgang mit Hygiene und Qualität genauso wenig wie bei den Herkunftsangaben der Lebensmittel. Denn auch innerhalb Deutschlands gibt es Pläne, die Vorgaben für eine regionale Herkunft von Produkten zu vereinheitlichen.
Der Markt ist zu anonym
Regionalität gewinnt als Verkaufsargument eine immer größere Bedeutung und auch das Handwerk sieht hier noch größere Marktchancen. Allerdings dürfe der Gesetzgeber auf die geänderten Verbrauchereinstellungen nicht mit überbordender Kontrollbürokratie und überzogenen Kennzeichnungspflichten reagieren, schreiben die Verbände in der gemeinsamen Erklärung.
Stattdessen müsse der Dialog mit den Verbrauchern weiter intensiviert werden und die Regionalität noch sichtbarer werden. Hierbei gelte der Grundsatz, über gute Dinge zu reden, in dem eigenen Tun und Handeln transparent zu sein und mit "Gesichtern und Namen sich aus der Anonymität des Marktes abzuheben".
In der Öffentlichkeit werde der Regionalität mittlerweile mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Label "Bio". "Dieser wachsenden Herausforderung werden wir uns stellen", so der Vizepräsident des Deutschen Bauernverband (DBV), Udo Folgart. Regionalität bedeutet aber auch kurze Wege und gute Kooperationen von Erzeugern und Verarbeitern und so braucht auch die enge Zusammenarbeit der meist klein- und mittelständischen Unternehmen im ländlichen Raum weitere Unterstützung.
Gerhard Schenk, Präsident des Deutschen Konditorenbundes und Beauftragter des Präsidiums des ZDH für die ländlichen Räume, betonte, dass die ländlichen Regionen gegenüber den Ballungsräumen von der Politik nicht benachteiligt werden dürfen. Die Chancen für junge Menschen, einen zukunftsträchtigen Beruf zu erlernen, seien hier genauso gut wie in großen Städten. jtw
