Überstunden, keine Zeit fürs Lernen und Ausbilder ohne Eignung – einem Online-Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zufolge ist das Alltag in Kleinbetrieben in Deutschland. Gegen diese pauschale Darstellung wehrt sich jedoch das Handwerk.

"Jugendliche in Deutschland werden vielerorts mangelhaft und unter unwürdigen Bedingungen ausgebildet" – mit diesen Worten beginnt der Online-Beitrag und zeigt auf einem Foto einen Schattenumriss eines Jugendlichen mit Bohrmaschine in der Hand. Weiter heißt es, dass Azubis vor allem in Kleinbetrieben regelmäßig Überstunden machen müssten und dass sie viele Arbeiten erledigen müssten, die nichts mit dem zu tun hätten, was sie eigentlich lernen sollen.
Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, dass es Probleme vor allem im Handwerk gibt – speziell auf dem Bau. Doch dann werden Berufe genannt wie Zahnarzthelferin oder Kaufleute und erklärt, dass die Probleme besonders stark in der Gastronomie und im Hotelgewerbe seien. Als einziger Handwerksberuf nennt der Autor des Beitrags dann die Friseurbranche.
Unter anderem deshalb beurteilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) die Darstellung, die nur eine geringe Zahl an konkreten Beispielen liefere, als viel zu pauschal. Zudem werde in dem Artikel die Ausbildungssituation im Handwerk, in kaufmännischen Berufen und in der Gastronomie munter durcheinander gewirbelt, dann aber der schwarze Peter pauschal den Kammern, somit auch den Handwerkskammern, zugeschoben, so als würden Einzelfälle einer gesamtheitlichen Entwicklung entsprechen, heißt es beim ZDH gegenüber der Deutschen Handwerks Zeitung.
Einzelfälle bringen gesamten Wirtschaftszweig in die Kritik
Der Bezug zu den Handwerkskammern entsteht an der Stelle, als der Bericht behauptet, die Kammern würden sich nicht um die Qualität der Ausbildung in den Betrieben kümmern. Dazu teilt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke auf Anfrage mit: "Es liegt in der Natur der Sache, dass es unter mehr als einer Million Handwerksbetrieben einzelne Betriebe gibt, bei denen die Ausbildungsumstände noch Luft nach oben haben." Doch was kleine Betriebe an Ausbildungsinhalten nicht vermitteln könnten, übernehmen überbetriebliche Bildungsstätten. "Zudem unterstützen die Handwerkskammern mit ihren Ausbildungsberatern die Handwerksbetriebe, die in der Summe eine wirklich enorme Ausbildungsanstrengung und Ausbildungsleistung erbringen", so Schwannecke weiter.
Ein Zeichen dafür, dass die Qualität in der dualen Ausbildung im Handwerk stimme, sei die seit zwei Jahren steigende Zahl der Lehrlinge gegen den Trend in anderen Wirtschaftszweigen. "Wir gewinnen auch immer mehr Jugendliche mit höheren Abschlüssen – das alles sicherlich nicht ohne Grund, sondern weil die Ausbildung im Handwerk gut und attraktiv ist und eine sichere Zukunftsperspektive eröffnet", sagt Schwannecke zu der neu entfachten Diskussion um die angebliche schlechte Situation für viele Azubis in den Betrieben.
Die beschriebenen Missstände erklärt der Autor unter anderem mit der Tatsache, dass es aufgrund einer Gesetzesänderung im Jahr 2003, als die rot-grüne Bundesregierung die Hürden für Unternehmen senkte, Jugendliche auszubilden. Konkret ging es dabei um die Qualifikation der Ausbilder, die dem Faz-Bericht zufolge statt einer Fortbildung zu absolvieren nur noch ein Formular auszufüllen brauchten, um Lehrlinge im Betrieb zu beschäftigen.
Pädagogische Kompetenz – Teil der Fortbildung als Ausbilder
Doch diese Regelung wurde im Jahr 2009 wieder abgeschafft. Und für die Ausbildereignung im Handwerk gilt generell, dass in den zulassungspflichtigen Berufen, die anteilig am meisten ausbilden, die Meister bereits neben der fachlichen auch über die pädagogische Kompetenz verfügen, weil das laut ZDH Teil der Meister-Fortbildung ist. Darüber hinaus gebe es viele Angebote, in verschiedenen Stadien der Ausbildung weitere Fachkompetenz zu Rate zu ziehen. Beispiele sind Berufseinsteiger-Programme, die Ausbildungsberater in den Kammern oder der Senior Expert Service. Wenn es Probleme gibt, helfen laut ZDH jetzt auch Sozialpädagogen den Auszubildenden und den Betrieben.
Den Betrieben sei längst klar, dass die Bewerber nicht mehr Schlange stehen. Die Firmen müssen sich um die Azubis bemühen und das tun sie auch. Beispiele dafür sind Kooperationen mit Schulen und Sportvereinen, die Öffnung des Betriebs für Eltern, die gemeinsame Feier von Ausbildungsstart und Prüfungserfolg.
Kammern müssen von den Problemen erfahren
Und was ist mit möglichen Folgen der Gesetzesänderung im Jahr 2003, die sich trotz erneuter Reform jetzt zeigen?
Hier gibt es Unterschiede zu den erwähnten Berufen wie etwa Angestellten in Arztpraxen – zumindest was die zulassungspflichtigen Handwerke betrifft. Denn mit In-Kraft-Treten der Ausbildereignungsverordnung (AEVO) zum 1. August 2009 ist der Nachweis der berufs- und arbeitspädagogischen Eignung durch die Ausbildereignungsprüfung wieder Voraussetzung für eine Tätigkeit als Ausbilder/-in. Dies gilt aber nicht für die Ausbildung im Bereich der Angehörigen der freien Berufe.
Zwar ist derjenige, der vor dem 1. August 2009 als Ausbilder tätig war, grundsätzlich vom Nachweis nach der AEVO-Prüfung befreit. Doch wenn die Ausbildertätigkeit zu Beanstandungen führt, kann sich die Handwerkskammer einschalten und helfen, die Mängel zu beseitigen. Doch das kann sie nur, wenn sie von den Problemen erfährt.
Die Handwerkskammern überwachen die handwerkliche Berufsausbildung und das Vorliegen der persönlichen und fachlichen Eignung des Ausbildungspersonals, können jedoch nur einschreiten, wenn ihnen Beanstandungen bekannt sind, heißt es von Seiten des ZDH. Da Jugendliche Hemmungen haben können, von sich aus auf die Ausbildungsberater zuzugehen, werden aktuell im Rahmen der Allianz für Aus- und Weiterbildung Eckpunkte für ein "niederschwelliges Beschwerdemanagement" getestet. Gemeinsam mit dem DGB und dem DIHK werden in einigen Pilotregionen Maßnahmen erprobt, damit die Ausbildungsberater der Kammer frühzeitig über Schwierigkeiten während der Ausbildung informiert werden und eingreifen können.
Das Förderprogramm "Stark für Ausbildung", das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert und von der Zentralstelle für Weiterbildung im Handwerk gemeinsam mit der DIHK-Bildungsgesellschaft umgesetzt wird, bietet zudem eine Weiterbildung für Ausbilder und ausbildende Fachkräfte. Mit interaktiven Selbstlerneinheiten, Online-Gesprächstrainings und Praxisseminaren werden Ausbilder für die Ansprache und Ausbildung verschiedener Zielgruppen (leistungsschwache Jugendliche, Flüchtlinge, leistungsstarke Auszubildende) geschult. jtw