Die Wiedervereinigung vor 25 Jahren brachte viele positive Entwicklungen. Die Angleichung bleibt aber nach wie vor eine Illusion.
Karin Birk
Jörg Dittrich erinnert sich gut an die Aufbruchstimmung nach der Wende. "Für mich hat es die Öffnung der Welt bedeutet", sagt er. "Zu einem Zeitpunkt, an dem man beruflich durchstarten will, diese Veränderung zu haben, war großartig", erzählt der heute 46 Jahre alte Dachdeckermeister und Präsident der Handwerkskammer Dresden.
Auch für den elterlichen Betrieb gab es neue Möglichkeiten. Man musste sich nicht mehr auf zehn Mitarbeiter beschränken, um der Verstaatlichung zu entgehen, man konnte durchstarten. Doch die Herausforderungen waren immens. "Das Einzige, was wir mitnehmen konnten, waren unsere handwerklichen Fähigkeiten. Der Rest war neu", erklärt Dittrich mit Blick auf die unzähligen unbekannten Gesetze und Vorschriften.
Mitarbeiterzahl zwischenzeitlich verdreifacht
Abgehalten hat es ihn und viele andere nicht. Allein in den neuen Bundesländern nahm die Zahl der Betriebe von knapp 80.000 zur Wendezeit auf rund 109.000 bis Mitte der 90er Jahre zu. Die Zahl der Mitarbeiter stieg erheblich stärker, sie verdreifachte sich fast auf 1,2 Millionen.
Mittlerweile ist die Zahl der Beschäftigten im ostdeutschen Handwerk wieder zurückgegangen. "Dabei fällt der Rückgang der Beschäftigung um mehr als ein Fünftel zwischen Mitte der 90er Jahre und 2012 in den neuen Bundesländern etwas stärker aus als in den alten", sagt Klaus Müller, Geschäftsführer des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen, mit Blick auf eine jüngste Auswertung. Grund sei die Krise am Bau, die Mitte der 90er Jahre einsetzte.
Weniger Großunternehmen in Ostdeutschland
Angestiegen ist im gleichen Zeitraum dagegen die Zahl der Unternehmen. "Hintergrund ist vor allem die Novellierung der Handwerksordnung, in deren Folge die Zahl der Soloselbstständigen im Handwerk stark zugenommen hat", erläutert Müller. Im Osten fällt das Plus deutlicher aus als im Westen. Auch beim Umsatz legten ost- wie westdeutsches Handwerk seit der Wende zu, die alten Bundesländer allerdings deutlich stärker.
Obwohl der Anteil des ostdeutschen Handwerks am Umsatz des gesamtdeutschen Handwerks rückläufig ist, spielt es für die gesamte ostdeutsche Wirtschaft eine wichtige Rolle. Denn anders als in Westdeutschland gibt es hier deutlich weniger Großunternehmen. "Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Handwerks in Ostdeutschland ist größer als im Westen", sagte Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung Dresden. Dies gelte insbesondere für die strukturschwachen Regionen.
Illusion der Angleichung
Allerdings könnte das Handwerk in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren, erklärt Ragnitz. Nachwuchssorgen, aber auch die Tatsache, dass das Handwerk vor allem die regionale Nachfrage bedient und diese durch den allgemeinen Bevölkerungsrückgang auf dem Land sinkt, seien der Hintergrund.
Mit Blick auf die gesamte Wirtschaft sieht Ragnitz trotz Milliardensubventionen keine weitere Angleichung. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf verharre seit zwanzig Jahren bei 75 Prozent des westdeutschen Durchschnitts. "Alles spricht dafür, dass Ostdeutschland in den nächsten 25 Jahren nicht aufholen kann", urteilte er und riet dazu, von der Illusion einer Angleichung Abstand zu nehmen.