Der 2. Oktober 1990 war der letzte Tag, an dem es zwei Deutschlands gab. Um Mitternacht gingen mit der Wiedervereinigung nicht nur 41 Jahre DDR zu Ende. Eine junge Königin verlor auch ihr Land. Warum Fotografin Kathrin Hoyer trotzdem nicht traurig ist.
Barbara Oberst

Die Schönheitskönigin ist ohne Land. Während in Deutschland die Menschen am 2. Oktober 1990 der Wiedervereinigung entgegenfiebern, wählt in Istanbul eine Jury die junge Fotografin Kathrin Hoyer zur Miss DDR. Nur Stunden später gibt es den Staat, dessen schönste Frau sie nun offiziell ist, nicht mehr.
Wenn Kathrin Hoyer heute an diese Tage denkt, so überwiegen die persönlichen Erlebnisse. Die große Sache, die dem 18-jährigen Mädchen damals passierte, überdeckt die politischen Ereignisse in Deutschland. "Je länger diese Geschichte her ist, um somehr gefällt mir, dass ich das erleben durfte“, resümiert die heute 43-Jährige.
Handwerk schlägt Glamour
Mehr zufällig, auf Vorschlag ihrer Mutter hin, war sie zur Wahlder Miss Chemnitz gegangen, ungeschminkt, mit Zopf, ohne Vorbereitung. Umso überraschter war sie, als sie erst dort und später bei den landesweiten Miss-Wahlen den ersten Platz davontrug. "Ich dachte immer, Schönheitsköniginnen müssen blond sein“, sagt sie lachend.
Der Glamour, die Choreografien, die Fotoshootings, die Kleider, das Styling – all das machteder jungen Frau viel Spaß. Dennoch war ihr eines von Anfang an klar: "Mein gelerntes Handwerk hätte ich dafür niemals zur Seite gelegt.“ Nach den Wahlen kehrte sie zurück ins wiedervereinte Deutschland, zurück an ihren Arbeitsplatz im Fotostudioder Eltern. Sie beendete ihre Lehre, machte später den Meister und gründete ihr eigenes Atelier.
Auf den Schönheitstitel bildete sie sich nichts ein. Sie wusste, dass es Konkurrenzveranstaltungen gegeben hatte. Die Auszeichnung als erste und einzige schönste Frau des Arbeiter- und Bauernstaates war nicht einzigartig.
Politische und technische Umwälzungen
Den politischen Umwälzungen in Deutschland folgten technische. Bis zur Wende hatten Hoyers Eltern mit DDR-Technik gearbeitet, Schwarz-Weiß-Bilder nass entwickelt und wochenlang gewartet, bis Farbfilme aus dem Labor zurückkamen. Die Wende brachte nun plötzlich ganz neue, schnellere und günstigere Arbeitsweisen.
Später folgte eine weitere, leise Revolution für die Fotografin. "Mitder digitalen Technik haben wir ganz andere Möglichkeiten – alle anderen aber auch“, nennt sie Vor- und Nachteileder Entwicklung in einem Satz. Es sei schwierig, Kunden in diesen Zeiten zu vermitteln, warum sie zum Fotografen gehen sollen. "Dabei ist Fotografie viel mehr als nur den Auslöser zu drücken“, argumentiert Hoyer.
Nicht im Augenblick des Knipsens entstehe ein Bild. Die eigentliche Arbeit passiere vorher. Der Fotograf muss die besondere Schönheit seines Modells erkennen, ihn richtig in Szene setzen und es dabei schaffen, dass sichder Mensch ideal präsentiert und dabei auch noch wohl fühlt.
Bis heute greift Hoyer bei dieser Arbeit auf ihre Erfahrungen zurück, die sie als Schönheitskönigin im Blitzlichtgewitterder Kameras gemacht hat. Sie hat am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, für die Kamera ein Stück weit zu schauspielern, sie weiß, welche Haltungen und Bewegungen im Bild wie wirken. "Ich kenne beide Seiten, vor und hinterder Kamera, das ist ein unschätzbarer Vorteil. Aber mein Platz ist hinterder Kamera.“