Studie bescheinigt reelle Chancen Frauen und Alte sollen Deutschlands Wohlstand retten

Bis 2035 wird die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland und einigen anderen Staaten um ein Fünftel zurückgehen. Die Folgen: Der Wohlstand dieser Länder sinkt laut einer aktuellen Studie voraussichtlich um bis zu 15 Prozent - außer, die Betroffenen ergreifen Gegenmaßnahmen. Drei Möglichkeiten bleiben ihnen.

Barbara Oberst

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    Bei Frauen und älteren Arbeitnehmern besteht noch großes Arbeitskräftepotenzial.
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    Pro Kopf werden die Deutschen ein Sechstel weniger verdienen, wenn sie die Folgen des demografischen Wandels nicht abschwächen.

Kein Land trifft die Entwicklung stärker als Deutschland. Heute sind 42,6 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig. Doch die geburtenstarken Jahrgänge nähern sich dem Rentenalter. In 20 Jahren werden sieben Millionen Menschen weniger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, zeigt eine aktuelle Studie von Allianz International Pensions .

Auch andere Industrienationen kämpfen mit den Folgen des demografischen Wandels. In Japan schrumpft die Zahl der Berufstätigen laut Studie bis 2035 um 15 Prozent. Selbst Industrieländer mit einer noch vergleichsweise jungen Durchschnittsbevölkerung werden leiden, etwa die USA. Sie dürften bis 2035 sieben Millionen Werktätige verlieren, das sind fünf Prozent aller Beschäftigten. In Großbritannien dagegen fällt der Rückgang mit etwa zwei Prozent moderater aus, hier bekommen die Frauen im Schnitt mehr Kinder.

Wohlstandsverlust lässt sich vermeiden

Einher mit dem Schrumpfen der Bevölkerung geht ein Wohlstandsverlust der betroffenen Nationen, warnt die Expertenkommission. Denn wenn immer weniger Erwerbstätige für eine nach wie vor gleich große Zahl an Menschen aufkommen muss - die Babyboomer sind dann in der Rente - so sinkt das Pro-Kopf-Einkommen nach den Berechnungen um bis zu 15 Prozent . "Diesen Wohlstandsverlust können wir vermeiden, wenn wir heute die richtigen Konsequenzen ziehen“, sagt Brigitte Miksa, Leiterin des Experten-Teams.

Drei Möglichkeiten gibt es, um die Auswirkungen des Alterungsprozesses auf das Einkommen zu mildern:?

  1. Länger arbeiten: Eine längere Lebensarbeitszeit ist der wichtigste Faktor, der die demografischen Effekte lindern könnte.
    Wenn ein Großteil der Menschen bis zum Renteneintrittsalter arbeiten würde, so wären nach den Berechnungen der Experten bereits sechs Millionen Menschen mehr berufstätig. Fünf Millionen würden aber reichen, um den Wohlstandsverlust aufzuhalten.
    Eine längere Lebensarbeitszeit hat Vorbilder. In Deutschland selbst arbeiteten bis in die 1970er Jahre 80 bis 90 Prozent der Männer bis zum Renteneintritt mit 65.
    Heute ist Schweden das große Vorbild für eine längere Lebensarbeitszeit. Dort können Menschen zwar schon ab 61 in Rente gehen, wenn sie entsprechende Abschläge hinnehmen. Tatsächlich arbeiten aber sehr viele wesentlich länger, eine Flexirente macht es möglich.
  2. Produktiver arbeiten: Japan nutzt bereits verstärkt Roboter, um den Mangel an menschlicher Arbeitskraft auszugleichen.
  3. Zusätzliche Arbeitskräfte mobilisieren: z.B. Frauen, Ältere und Einwanderer

Frauen könnten Niedergang verlangsamen

Wenn Frauen bis 2030 so häufig und so lang erwerbstätig wären wie Männer, so würde die Erwerbsbevölkerung in Deutschland bis 2022 sogar steigen, um zwei Millionen Personen, hat International Pensions ausgerechnet.

Derzeit sind etwas weniger als 70 Prozent der Frauen in Deutschland berufstätig. Im europäischen Vergleich ist das ein guter Wert, dennoch liegen sie weit hinter den deutschen Männern zurück (knapp 78 Prozent).

Nicht nur von Vollzeitkräften sind die Autoren bei ihren Berechnungen ausgegangen. "Es gibt in Deutschland rund 1,2 Millionen Frauen, die ungewollt in einer Teilzeit feststecken und die gerne zwölf bis 14 Wochenstunden mehr arbeiten würden", erklärt Richard Wolf, einer der Autoren der Allianz-Studie. Auch diese geringere Stundenzahl stellt ein enormes Arbeitskräftepotenzial dar.

Mit mehr berufstätigen Frauen ließe sich der Wohlstandsverlust verlangsamen - nicht aber aufhalten. Langfristig würde das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weiter sinken, allerdings erst nach 2024. Ohne die zusätzliche Erwerbsarbeit unter Frauen könnte es laut Studie bereits ab dem kommenden Jahr sinken.

Den Deutschen droht ein Wohlstandsverlust, wenn sie nicht die richtigen Konsequenzen ziehen, warnt Demografie-Expertin Brigitte Miksa. - © Allianz.com

Gesellschaft muss umdenken

Brigitte Miksa hält ein gesellschaftliches Umdenken für notwendig: "Wir haben gute Voraussetzungen geschaffen, mit denen wir den Arbeitsmarkt, die sozialen Sicherungssysteme und die Ausbildungsinstitutionen auf eine stark alternde Bevölkerung vorbereiten. Aber wir nutzen sie nicht ausreichend. Dazu trägt die in vielen Unternehmen immer noch stark ausgeprägte Orientierung an jungen Hochqualifizierten bei. Laufbahnprofile mit systematischer Weiterentwicklung für die Generation 50+ gibt es bisher nur dort, wo der Nachwuchs jetzt schon ausbleibt.“
 
Schon heute kommt in Deutschland auf je drei Menschen im erwerbsfähigen Alter eine Person über 65. 2035 müssen weniger als zwei Erwerbstätige für einen Rentner sorgen. Andere Nationen stehen vor ähnlichen Problemen. In den USA sinkt die Zahl der Beschäftigten derzeit besonders schnell, weil sich dort die Baby-Boomer-Generation der 50er Jahre zur Ruhe setzt.

Auch der Internationale Währungsfonds sorgt sich um die wirtschaftlichen Folgen der Alterung. In seinem "World Economic Outlook“ warnt er, dass das Wachstum in den entwickelten Ländern durch die demografische Entwicklung zwischen 2015 und 2020 von 2,25 auf 1,6 Prozent sinkt.