Die Lage der Betriebe Rente mit 63: Wenn der Abgang eine Lücke reißt

Verdiente Absicherung nach einem harten Arbeitsleben? Oder doch eher teurer Anreiz zur Frühverrentung – und das auch noch in Zeiten des Fachkräftemangels? Seit einem Jahr gibt es in Deutschland die neue Rente ab 63. Eine Bestandsaufnahme zur Lage in den Betrieben.

Karin Birk und Mirabell Schmidt

Da kommt man schon ins Grübeln: Unter den Antragstellern sind auch viele Handwerker. Die Betriebe verlieren dadurch erfahrene Fachkräfte. - © Detlev Müller

Klaus S. hat es in Handwerkerkreisen mittlerweile schon zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Immer wenn es um die abschlagsfreie Rente mit 63 geht, bringt Karl-Heinz Schneider, der Präsident des Zentralverbandes des Dachdeckerhandwerks, seinen früheren Fassadenmonteur ins Spiel. Denn Klaus hat trotz aller Einwände seines Chefs die Rente mit 63 genutzt. Schneider spürt den Weggang des langjährigen Mitarbeiters noch heute: „Er fehlt uns“, klagt Schneider, der rund 50 gewerbliche Mitarbeiter beschäftigt. „Die Stelle eines so erfahrenen Angestellten lässt sich nicht so schnell adäquat ersetzen.“

Drei Milliarden für Rente mit 63

Seit dem 1. Juli 2014 gibt es die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Die Folgen machen sich jetzt bemerkbar: „Die abschlagsfreie Rente mit 63 untergräbt unsere Bemühungen, ältere Beschäftigte möglichst lange im Erwerbsleben zu halten“, kritisiert Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Und nicht nur das: Das Rentenpaket aus Mütterrente und Rente mit 63 frisst selbst bei guter Beschäftigungslage die Reserven der Rentenversicherung auf. So rechnet die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) ab 2019 mit einer Erhöhung des Beitragssatzes von heute 18,7 auf 19,1 Prozent. Zwar geht davon nur der kleinere Teil auf das Konto der Rente mit 63. Aber auch sie wird in den nächsten Jahren mit rund drei Milliarden Euro im Jahr zu Buche schlagen. Auch Handwerker Schneider ist verärgert: „Die Rente mit 63 bezahlen die Betriebe, die Beitragszahler und die Steuerzahler.“

Erfahrene Fachkräfte gehen verloren

Allein im zweiten Halbjahr 2014 haben rund 136.000 Versicherte die Rente mit 63 in Anspruch genommen, heißt es bei der DRV. Seit der Einführung bis Ende Mai dieses Jahres seien rund 320.000 Anträge eingegangen. Einziger Trost aus Sicht der Arbeitgeber: Die Zahl der Anträge steigt nicht mehr so rasant.
Nach Einschätzung des ZDH sind auch viele Handwerker unter den Antragstellern. Wie viele es genau sind, verrät die Rentenstatistik allerdings nicht. Die Voraussetzung von 45 Beitragsjahren erfüllen nach den Worten von Wollseifer vor allem gut ausgebildete Fachkräfte mit lückenlosem Erwerbsverlauf. „Aus unseren Betrieben hören wir, dass sie damit vor allem diese erfahrenen Fachkräfte verlieren.“

Dabei war die Wirtschaft auf einem guten Weg. In den vergangenen Jahren hat sich die Erwerbstätigkeit älterer Mitarbeiter stetig erhöht. „Seit 2009 ist die Zahl der Beschäftigten über 63 Jahre kontinuierlich gestiegen“, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit. Seit der Einführung der Rente mit 63 sei die Zahl der Beschäftigten in dieser Altersgruppe aber wieder zurückgegangenen.

Handwerk fordert Reform der Teilrente

Angesichts des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangels will die Wirtschaft auf ältere Fachkräfte nicht verzichten. „Ältere Mitarbeiter müssen daher attraktive Angebote erhalten, um länger im Erwerbsleben zu bleiben“, fordert Wollseifer. Für ihn ist eine Reform der Teilrente überfällig. Nötig seien die Erhöhung und die einfachere Berechnung von Hinzuverdienstgrenzen. „Wir haben die Bundesregierung aufgefordert, nun endlich entsprechende Vorschläge auf den Tisch zu legen, um zeitnah den negativen Trend bei der Beschäftigung Älterer zu stoppen“, sagte er. Doch damit wird es so schnell wohl nichts. So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Sie müssen noch ein bisschen warten, bis wir zu Potte kommen.“

Fragen und Antworten zur Rente mit 63 finden Sie beim Bundesarbeitsministerium .