Interview mit Joachim Ragnitz "Auf Betriebe kommen Belastungen zu"

Rente mit 63, Mütter- und Erwerbsminderungsrente: Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz hält die Rentenpläne der Großen Koalition für verfehlt. Im DHZ-Interview erläutert er, warum die Jüngeren dabei gegenüber den Älteren benachteiligt werden.

Karin Birk

Professor Joachim Ragnitz ist stellvertretender Leiter der Niederlassung des ifo-Instituts in Dresden. - © Foto: ifo

DHZ: Herr Professor Ragnitz, die erste Große Koalition unter Angela Merkel hat die "Rente mit 67" beschlossen. Jetzt wollen die Koalitionäre die abschlagsfreie "Rente mit 63" verwirklichen. Wie passt das zusammen?

Ragnitz: Überhaupt nicht. Die "Rente mit 67" war im Grunde die richtige Antwort auf die fortschreitende Alterung der Bevölkerung und notwendig zur nachhaltigen Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung. Was man jetzt macht, geht in die falsche Richtung. Es werden enorme finanzielle Belastungen auf uns zukommen, die einzig und allein auf die Erfüllung von Wahlversprechen zurückgehen.

DHZ: Droht mit der "Rente mit 63" ­eine neue Frühverrentungswelle?

Ragnitz: Wer die Voraussetzungen erfüllt, also 45 Beitragsjahre aufweisen kann, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl die abschlagsfreie "Rente mit 63" in Anspruch nehmen. Dies gilt umso mehr, wenn – wie jetzt geplant – Zeiten der Arbeitslosigkeit in die geforderten 45 Jahre mit einberechnet werden. Dann besteht nämlich ein Anreiz, schon früher in die Arbeitslosigkeit zu wechseln, um dann mit 63 abschlagsfrei in Rente zu gehen. Wenn die Arbeitgeber hier mitspielen, kann es tatsächlich zu vermehrten Frühverrentungen kommen.

DHZ: Werden die Firmen mitmachen?

Ragnitz: Viele Unternehmen sehen wegen des demographischen Wandels immer mehr die Notwendigkeit, ältere Beschäftigte länger zu halten. Das lässt hoffen, dass es nicht zu einer regelrechten Frühverrentungswelle kommt.

DHZ: Junge Abgeordnete sehen in den Plänen eine Politik für die Alten und gegen die Jungen. Was ist da dran?

Ragnitz: Es war vermutlich nicht so beabsichtigt. Aber im Ergebnis führen die aktuellen Rentenpläne dazu, dass die Jüngeren gegenüber den Älteren benachteiligt werden. Zum einen müssen die aktuellen Beitragszahler auf eine Beitragssenkung verzichten, die angesichts der vollen Kassen eigentlich möglich gewesen wäre. Zum anderen müssen sie schon in drei oder vier Jahren mit höheren Beiträgen rechnen, um die sozialen Wohltaten bezahlen zu können.

DHZ: Auch Mütter, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, sollen eine höhere Rente bekommen. Können wir uns das leisten?

Ragnitz: Die Einführung der Mütterrente ist eine politische Entscheidung, die ich nicht bewerten möchte. Als versicherungsfremde Leistung müssten dafür aber alle Steuerzahler aufkommen. Dass jetzt die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten dafür die Kosten tragen sollen, ist der eigentliche Skandal.

DHZ: Was bedeutet das Reformpaket für die Wirtschaft?

Ragnitz: Es wird auf mittlere bis lange Sicht auf höhere Beiträge in der Rentenversicherung hinauslaufen. Und das bedeutet natürlich auch eine Kostenbelastung für die Unternehmen. Sie werden versuchen, diese durch Rationalisierungen einzusparen. Das wird über kurz oder lang zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. Außerdem wird es für Betriebe, die angesichts des demographischen Wandels schon jetzt unter Fachkräftemangel leiden, noch schwieriger, ihre Stellen zu besetzen.

DHZ: Auch Rentner können die Reform kaum gutheißen, schließlich wird das Rentenniveau damit stärker sinken, woran liegt das?

Ragnitz: Das stimmt. Die individuelle Rente wird nämlich zum einen durch die erworbenen Entgeltpunkte und zum anderen durch den so genannten aktuellen Rentenwert bestimmt. In diesen Rentenwert geht die Entwicklung der Nettolöhne ein. Steigen diese wegen der höheren Beiträge weniger stark, steigen auch die Renten weniger. Und berücksichtigt man auch den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor, also das Verhältnis von Rentenempfängern zu Beitragszahlern, so muss man sogar mit einem Rückgang des künftigen Rentenniveaus in Relation zum Lohnniveau rechnen.