Mitarbeiter spüren sehr genau, wie sich Führung anfühlt, aber nicht unbedingt, woran das liegt. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg zeigt in ihrer DHZ-Kolumne, mit welchen Fragen Chefs aus einem vagen Gefühl etwas machen, womit Führung arbeiten kann. Und was sie dafür aushalten müssen.

"Meine Mitarbeiter können mir alles sagen." Diesen Satz höre ich häufig. Gerne noch ergänzt um: "Meine Tür steht immer offen."
Das klingt erst einmal gut. Nur heißt eine offene Tür noch lange nicht, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihnen genau erklären können, was sie von Ihrer Führung brauchen. Die meisten sind schließlich keine Führungskräfte. Entsprechend selten haben sie sich intensiv damit beschäftigt, wie Menschen geführt werden, welche Führungsfehler es gibt oder wie gute Delegation funktioniert. Was sie darüber wissen, haben sie vor allem durch Erfahrung und Empathie erworben. Wie sich Führung für sie anfühlt, spüren sie deshalb sehr genau – nur nicht unbedingt, woran das liegt.
Gezielt nach Situationen fragen
Genau deshalb halte ich die Erwartung, dass Mitarbeiter Ihnen schon sagen werden, was Sie an Ihrer Führung verändern müssen, für unrealistisch. Dafür müssten sie erst einmal benennen können, was genau nicht funktioniert. Viel hilfreicher ist es, gezielt nach konkreten Situationen zu fragen – zum Beispiel so:
"An welcher Stelle mache ich Ihnen Ihre Arbeit gerade schwerer, als sie sein müsste?"
Die Antwort lautet dann vielleicht: "Das letzte Projekt war einfach zu viel."
Die Antwort ist erst der Anfang
Damit haben Sie noch keine fertige Antwort. Jetzt beginnt Ihre Aufgabe als Führungskraft. Was genau war zu viel? War für die vorhandene Zeit zu viel Arbeit eingeplant? Haben sich Prioritäten ständig verändert? Musste der Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, ohne die nötigen Entscheidungen selbst treffen zu dürfen? Hat ihm fachliche Sicherheit gefehlt? Oder wurde er immer wieder aus der Arbeit gerissen, weil zusätzliche Aufgaben dazukamen?
Der Mitarbeiter muss Ihnen nicht sagen können: "Sie haben schlecht priorisiert und mir Verantwortung ohne ausreichenden Handlungsspielraum übertragen." Er sagt Ihnen vielleicht einfach: "Das war mir zu viel." Sie müssen übersetzen.

"Mehr Rückendeckung" – was heißt das?
Das Gleiche gilt für einen Satz wie: "Ich brauche von Ihnen mehr Rückendeckung." Was heißt das konkret? Sollen Sie gegenüber einem schwierigen Kunden klarer Position beziehen? Sollen Sie zu einer einmal getroffenen Entscheidung auch vor dem Team stehen, statt sie wieder einzukassieren? Braucht der Mitarbeiter die Sicherheit, dass er innerhalb eines bestimmten Rahmens selbst entscheiden darf?
Erst durch Nachfragen wird aus einem Gefühl etwas, womit Führung arbeiten kann.
Warum Kritik am Chef schwerfällt
Unterschätzen Sie dabei eines nicht: Wer hier offen Rückmeldung gibt, kritisiert nicht irgendeinen Kollegen. Er kritisiert die Person, die vielleicht im nächsten Gehaltsgespräch über eine Erhöhung entscheidet, seinen spontanen Urlaubsantrag genehmigt oder bestimmt, welche Aufgaben und Verantwortung er künftig bekommt. Selbst bei einem grundsätzlich guten Verhältnis kann das eine Hürde sein. Manche sagen deshalb lieber nichts, schlucken ihren Ärger herunter und sammeln ihn innerlich – bis aus vielen kleinen Ärgernissen irgendwann ein großes Problem geworden ist.
Der Blick auf konkrete Abläufe senkt diese Hürde, weil es dann nicht um ein Urteil über Ihre Person geht. Fragen Sie deshalb nach Situationen, in denen die Arbeit unnötig schwierig wurde. Nach Entscheidungen, die Verwirrung auslösten. Nach Aufgaben, bei denen Verantwortung und Handlungsspielraum nicht zusammenpassten.
Unbequeme Antworten aushalten
Dann müssen Sie allerdings auch aushalten, was kommt. Wer auf jede kritische Antwort sofort erklärt, warum die eigene Entscheidung trotzdem richtig war, braucht sich beim nächsten Gespräch über ein freundliches "Alles gut" nicht zu wundern.
Eine offene Tür reicht nicht. Gute Führung beginnt damit, die richtigen Fragen zu stellen, auch unbequeme Antworten auszuhalten und sie anschließend sorgfältig zu übersetzen.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.
