1976 galt im Bauhauptgewerbe ein Beschäftigungsverbot für Frauen. Beim Bundeskongress der Unternehmerfrauen im Handwerk im thüringischen Eichsfeld zogen Verband und Politik Bilanz – mit Stolz auf Erreichtes, aber auch mit klarem Blick auf das, was noch fehlt.

Die Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) trafen sich vor Kurzem zu ihrem Bundeskongress im thüringischen Eichsfeld zu einem besonderen Jubiläum. Vor 50 Jahren wurde in Karlsruhe der erste Arbeitskreis der Unternehmerfrauen gegründet.
1976 – in einer Zeit, in der Ehefrauen laut Gesetz (Westdeutschland) nur berufstätig sein durften, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war, und im Bauhauptgewerbe ein Beschäftigungsverbot für Frauen galt. Gewürdigt wurde daher der Mut dieser Pionierinnen, Widerstände zu überwinden – in den Betrieben, in den Verbänden und auch in der Gesellschaft. Es ging um Sichtbarkeit und darum, Vorurteile abzubauen und Türen zu öffnen.
Ein halbes Jahrhundert später stellt Katja Lilu Melder, UFH-Bundesvorsitzende, fest: "Wir Frauen haben uns extrem weiterentwickelt." Frauen seien in der Lage, alle Handwerksberufe auszuüben. Auch die UFH hätten sich gewandelt und trotzdem dürfe in der Arbeit nicht nachgelassen werden. Der Verband kämpfe für Frauen im Handwerk und Frauen müssten sichtbar bleiben. Es brauche Vorbilder. "Also, seid bitte Vorbilder", sagte sie an die anwesenden UFH gerichtet.
Anwesend war auch Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung und Beauftragte der Bundesregierung für den Mittelstand. Sie gratulierte den UFH als einem "besonderen Frauennetzwerk" zum 50. Geburtstag. Unternehmerfrauen im Handwerk habe es immer gegeben, sie seien nur nicht immer sichtbar gewesen. Sie erinnerte an die vielen Frauen, ohne die kein Betrieb am Laufen gehalten werden könne.
Auch ein aktuelles politisches Thema griff Connemann auf. Bezüglich der Nachfolgeproblematik verwies sie auf "tolle Frauen, die gerne Betriebe übernehmen würden, aber es nicht tun". Seit Jahren fehle es an Absicherung für werdende Mütter und Mütter in Selbstständigkeit. Ohne das Engagement von Frauen wäre das nie zum Thema gemacht worden. Connemann nannte hier explizit Johanna Röh sowie alle Frauen, die die Petition zum Mutterschutz unterstützt haben.
Auszeichnung für Unternehmerfrauen
Beim Bundeskongress im Eichsfeld wurden auch die Gewinnerinnen des Wettbewerbs "Unternehmerfrau im Handwerk 2026" von "handwerk magazin" ausgezeichnet. Die Preisträgerinnen sind Jacqueline Ahlert und Corinna Frey.
In der Kategorie Unternehmerin im Handwerk gewann Fleischermeisterin Jacqueline Ahlert, Inhaberin der Roland Würstchen GmbH aus Tornesch (Schleswig-Holstein). Nach einer kaufmännischen Laufbahn als Industriekauffrau und Industriefachwirtin entschied sie sich, das Handwerk von Grund auf zu erlernen: 2015 startete sie ihre Fleischerausbildung, die sie – trotz Schwangerschaft und Geburt – als Jahrgangsbeste abschloss. Es folgten die Meisterprüfung und der Einstieg in die Geschäftsführung des Familienbetriebs.
In der Corona-Krise entwickelte sie erfolgreich ein neues SB-Vertriebskonzept für Supermärkte, das heute bis zu 30 externe Standorte umfasst. Im Sortiment von Roland Würstchen sind auch Wurstspezialitäten, die Jacqueline Ahlert zusammen mit TV-Auswanderer Konny Reimann entwickelt hat. Bekannt ist sie darüber hinaus als Teleshopping-Expertin ("Norddeutsche Spezialitäten" bei "123.live"). Als sie 2024 erkrankte, hielt ihr Team den Betrieb am Laufen. Seit Anfang 2025 ist sie wieder aktiv im Unternehmen.
Nachfolgerin in der vierten Generation
In der zweiten Kategorie "Heldin im Handwerk" überzeugte Corinna Frey als Nachfolgerin der Rollladen Frey GmbH in Jettingen. In dem seit 1965 bestehenden Familienunternehmen bildet die angehende Rollladen- und Sonnenschutzmechatronikermeisterin mit ihrem Bruder zusammen die vierte Generation.
Nach einer kaufmännischen Ausbildung absolvierte sie eine zweite Ausbildung zur Rollladen- und Sonnenschutzmechatronikerin im elterlichen Betrieb, die sie als Landessiegerin und mit dem Hans-Stoffels-Preis abschloss. Corinna Frey vereint Baustelle und Büro, verbindet Handwerk und Unternehmensführung: Sie ist mehrere Tage pro Woche auf der Montage im Einsatz, verantwortet zugleich Buchhaltung und Lohnwesen und hat die Digitalisierung sowie den Social-Media-Auftritt des Betriebs vorangetrieben.
"Unsere Siegerinnen sind wahre Role Models und Top-Motivatorinnen – und stehen für die Zukunft des Handwerks", sagt Patrick Neumann, Chefredakteur von "handwerk magazin". dan/hm
Unternehmerfrauen im Handwerk: Stimmen zum 50-jährigen Jubiläum
Katja Lilu Melder, seit 2024 Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH):
50 Jahre Unternehmerfrauen im Handwerk – das ist natürlich ein ganz besonderer Meilenstein. Und ich finde, wir können unglaublich stolz darauf sein, was die Frauen in den vergangenen fünf Jahrzehnten aufgebaut und erreicht haben. Aber für mich persönlich geht es nicht nur darum, zurückzublicken. Ich stehe vor allem für die Zukunft unseres Verbandes. Wir müssen uns weiterentwickeln, moderner werden und auch neue Wege gehen. Themen wie Vielfalt, Inklusion, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Digitalisierung und die Förderung junger Frauen im Handwerk müssen noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Mir ist besonders wichtig, dass wir auch die nächste Generation mitnehmen, junge Unternehmerinnen begeistern und ihnen zeigen, dass sie im Handwerk alles erreichen können. Dabei dürfen wir ruhig auch mal bestehende Strukturen hinterfragen.
Mir ist besonders wichtig, dass wir auch die nächste Generation mitnehmen, junge Unternehmerinnen begeistern und ihnen zeigen, dass sie im Handwerk alles erreichen können. Dabei dürfen wir ruhig auch mal bestehende Strukturen hinterfragen.
Katja Lilu Melder
Denn Tradition ist wichtig, aber sie darf uns nicht daran hindern, Veränderungen anzustoßen. Ich möchte, dass die Unternehmerfrauen im Handwerk nicht nur auf 50 erfolgreiche Jahre zurückblicken, sondern auch in den nächsten 50 Jahren eine starke Stimme haben. Eine Stimme, die gehört wird, die mitgestaltet und die auch gesellschaftlich und politisch etwas bewegt. Wir Frauen sind längst nicht mehr nur ein Teil des Handwerks. Wir gestalten seine Zukunft aktiv mit. Und genau dafür möchte ich mich als Bundesvorsitzende einsetzen. Mein Ziel ist ein moderner, offener, vielfältiger und selbstbewusster Verband, in dem jede Frau ihren Platz findet und ihre Stärken einbringen kann. Denn eines ist für mich ganz klar: Die Zukunft des Handwerks ist vielfältig, innovativ und selbstverständlich auch weiblich.
Ruth Baumann, Präsidentin des Landesverbandes der Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg:
Eine gute Idee setzt sich durch – von Karlsruhe über Baden-Württemberg bis zum Bund. Als im Jahr 1976 im badischen Karlsruhe der erste Arbeitskreis der Unternehmerfrauen (UFH) gegründet wurde, konnte man weder abschätzen noch vermuten, welche großartige und beständige Idee gerade aus der Taufe gehoben wurde. Ziel war es, Frauen, die oft mit einer "fachfremden" Berufsausbildung durch Heirat in einen Handwerksbetrieb kamen, inhaltlich und moralisch zu stützen. Vieles war neu, vieles war fremd und da ist es doch gut, in gemeinsamen Treffen sich nicht nur auszutauschen, sondern auch fort- und weiterzubilden.
Am Anfang oft belächelt, als "geschwätzige" Kaffeerunde oder gar Vorbereiter von Scheidungen gefürchtet, gelang es im Laufe der Jahre auch die Herren zu überzeugen.
Ruth Baumann
Am Anfang oft belächelt, als "geschwätzige" Kaffeerunde oder gar Vorbereiter von Scheidungen gefürchtet, gelang es im Laufe der Jahre auch die Herren zu überzeugen. Die große Palette der Themen, von Arbeitsrecht über Sozialversicherung, von Kreditverhandlungen bis Mitarbeitergesprächen, nötigte vielen Respekt ab. In der öffentlichen Wahrnehmung überzeugten immer mehr Frauen mit Präsenz, Kompetenz und Eloquenz. Aus der helfenden Hand im Hintergrund wurden die Frauen im Handwerksbetrieb zum gleichgestellten Partner, unabhängig, ob dies juristisch oder faktisch abgebildet wurde. Die UFH war und ist das Netzwerk, bei dem eine konkrete, praxistaugliche Information oft nur ein Telefongespräch oder eine Mail entfernt ist. Die Gründungen von der Basis bis zum Bundesverband, den Arbeitskreisen folgten dann der erste Landesverband von Baden-Württemberg und später der Bundesverband, erwiesen sich als beständig und verlässlich.
Heidi Kluth, 2009 bis 2021 Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH), Ehrenvorsitzende
Als Frauen in Karlsruhe vor 50 Jahren einen Arbeitskreis für Unternehmerfrauen gründeten, ging es um mehr als Austausch. Sie schufen sich einen Raum jenseits der "drei K" – Kinder, Küche, Kirche – und begannen, ihre Rolle im Handwerk selbst zu gestalten. Wer heute auf diese Anfänge zurückblickt, sieht, wie viel Mut dafür nötig war. Und wie viel sich seitdem bewegt hat. Aus den Arbeitskreisen vor Ort ist eine zusätzliche Stimme des Handwerks gewachsen. Frauen haben sich vernetzt, Verantwortung übernommen und ihren Einfluss in Verbänden und Organisationen geltend gemacht. Dabei trafen unterschiedliche Erfahrungen aufeinander: In den alten Bundesländern war die Gründung von der Auseinandersetzung mit traditionellen Rollenbildern geprägt; Frauen aus den neuen Bundesländern brachten andere Voraussetzungen und Herausforderungen mit. Die gemeinsame Arbeit musste wachsen – und sie ist gewachsen.
Aus den Arbeitskreisen vor Ort ist eine zusätzliche Stimme des Handwerks gewachsen. Frauen haben sich vernetzt, Verantwortung übernommen und ihren Einfluss in Verbänden und Organisationen geltend gemacht.
Heidi Kluth
Der Erfolg des Verbands lässt sich nicht allein an politischer Präsenz messen. Seine Kraft kommt von den Unternehmerfrauen in den Arbeitskreisen: von ihrer Lust, etwas zu verändern, ihrem Wissen und ihrer Bereitschaft, füreinander einzustehen. Dass diese Stimme weiterhin gebraucht wird, zeigt der Alltag. Noch immer erleben Frauen, dass ihre Kompetenz bei Bankgesprächen oder Kundenterminen infrage gestellt wird. Wer mit dem Partner einen Betrieb führt, will mitentscheiden, Verantwortung tragen und für die eigene Leistung anerkannt werden. 50 Jahre nach der Gründung ist das Jubiläum deshalb nicht nur Anlass für Stolz, sondern auch ein Auftrag. Eine Generation hat den Weg bereitet, die nächste wird ihn weitergehen und manches verändern.
Tatjana Lanvermann, 2021 bis 2024 Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH), Ehrenvorsitzende
Als sich vor 50 Jahren die ersten Frauen als Unternehmerfrauen im Handwerk zusammenschlossen, nannten sie sich noch "Meisterfrauen". Oft galten sie vor allem als Ehefrauen der Handwerksmeister – obwohl sie längst Verantwortung für den Handwerksbetrieb trugen. Während ihre Männer auf Baustellen oder in Bäckereien arbeiteten, organisierten sie das Büro, führten die Buchhaltung und hielten den Alltag am Laufen. Auf diese Aufgaben waren viele nicht vorbereitet. Das nötige Wissen eigneten sie sich selbst an. Aus dieser Erfahrung entstand der Wunsch nach Austausch: Wie lösen andere Frauen die Probleme, vor denen alle stehen? Wo finde ich Rat, wenn es um Führung, Finanzen oder die Zusammenarbeit im Betrieb geht? Daraus wuchs ein Netzwerk, dessen Wert bis heute nicht nur in Seminaren liegt, sondern auch in offenen Gesprächen. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Unternehmerfrauen Veränderungen mitgestaltet.
Frauen, die sich früher vielleicht als "mitarbeitende Ehefrau" bezeichneten, treten heute selbstbewusst für ihre Leistung und ihre Rolle im Unternehmen ein.
Tatjana Lanvermann
Zugleich hat sich ihr Selbstverständnis gewandelt. Frauen, die sich früher vielleicht als "mitarbeitende Ehefrau" bezeichneten, treten heute selbstbewusst für ihre Leistung und ihre Rolle im Unternehmen ein. Geblieben ist das Ziel, Betriebe partnerschaftlich zu führen. Wie das gelingt, hängt auch von Fragen der sozialen Absicherung ab: Nicht jede Frau, die unternehmerische Verantwortung übernimmt, hat formal dieselbe Stellung im Betrieb. Gerade deshalb braucht es weiterhin ein Netzwerk, in dem Erfahrungen geteilt und Lösungen gefunden werden. Die Geschichte der UFH – das sind Frauen, die sich Wissen, Anerkennung und eine Stimme erarbeitet haben – und damit den Weg für andere ebnen.