Exoskelette kommen als tragbare Unterstützungssysteme zunehmend im Arbeitsalltag an – auch auf Baustellen und in Handwerksbetrieben. David Duwe, Vizepräsident von Suitx by Ottobock Europe erklärt, was Exoskelette leisten können und warum gutes Design Einfluss auf die Akzeptanz hat.

Herr Duwe, Exoskelette sehen heute sportlich und modern aus. Erhöht sich damit die Akzeptanz in den Betrieben?
David Duwe: Ja, auf jeden Fall. Das Aussehen, also Look und Feel, hat einen großen Einfluss auf die Akzeptanz. Die ersten Prototypen von Exoskeletten waren vor allem darauf ausgelegt, ihre Funktion zu beweisen. Sie waren groß, teilweise kompliziert anzulegen und nicht unbedingt etwas, das man im Arbeitsalltag nutzen wollte. Heute geht es darum, die Systeme so zu entwickeln, dass sie sich wie selbstverständlich in den Arbeitsablauf integrieren lassen. Sie müssen leicht, komfortabel, schnell anzulegen und intuitiv bedienbar sein. Zudem spielt es eine Rolle, wie ein Produkt wirkt: Niemand möchte den Eindruck erwecken, ein Hilfsmittel tragen zu müssen, weil er oder sie die Arbeit allein nicht schafft. Ein Exoskelett muss deshalb auch optisch für Stärke, Modernität und Professionalität stehen.
Exoskelette sollen Menschen also nicht zu "Superkräften" verhelfen?
Nein, das ist ein wichtiger Punkt. Exoskelette sind nicht dazu da, Menschen zu überfordern oder technische Lösungen zu ersetzen. Sie können zum Beispiel keine schweren Maschinen beim Heben, Drehen oder Transportieren ersetzen. Ihr Zweck ist vielmehr, bestimmte belastende Bewegungen zu erleichtern und körperliche Belastungen zu reduzieren. Es geht nicht um Superkräfte, sondern darum, gesund zu bleiben. Wir betrachten sie als persönliche Schutzmaßnahme.
Wie sollte ein Unternehmen vorgehen, wenn es sich mit dem Thema Exoskelette beschäftigt?
Zunächst sollte immer geprüft werden, ob sich ein Arbeitsplatz technisch oder organisatorisch verbessern lässt – etwa durch Maschinen, Hebehilfen oder veränderte Abläufe. Erst wenn diese Möglichkeiten nicht ausreichen, kann ein Exoskelett eine sinnvolle Ergänzung sein. Es ist kein Allheilmittel, aber bei den passenden Tätigkeiten eine sehr wirksame Unterstützung.
Für welche Arbeiten eignen sich Exoskelette besonders?
Das hängt von der jeweiligen Belastung ab. Bei Überkopfarbeiten, etwa im Fahrzeugbau, Trockenbau oder bei Montagearbeiten, kann ein Schultersystem die Arme unterstützen und die Schulterpartie entlasten. Für häufiges Bücken, Heben oder Arbeiten in Vorbeugehaltung gibt es Systeme für den Rücken. Daneben existieren weichere Lösungen, die stabilisieren oder den Arbeitskomfort verbessern – etwa bei langem Stehen in einer leichten Zwangshaltung. Entscheidend ist: Es gibt nicht das eine Exoskelett für alle Anwendungen. Gerade im Handwerk sind die Tätigkeiten sehr vielfältig. Wer morgens Material trägt, danach auf einer Leiter arbeitet, sich hinkniet und später über Kopf montiert, braucht ein System, das Bewegungsfreiheit zulässt und dennoch dort unterstützt, wo die Belastung entsteht.
Wie schnell lassen sich moderne Systeme anlegen?
Das ist heute wesentlich einfacher als früher. Ein Schultersystem kann je nach Modell in etwa 15 bis 20 Sekunden angelegt sein. Das klingt vielleicht nach einem Detail, ist für die Akzeptanz aber zentral. Wenn Beschäftigte für das Anlegen eine halbe Minute oder länger benötigen, komplizierte Verschlüsse bedienen oder Hilfe von Kolleginnen und Kollegen brauchen, wird das System im Alltag schnell als Hindernis wahrgenommen. Wir arbeiten beispielsweise mit einfachen Lösungen, etwa magnetischen Verschlüssen. Ziel ist ein Plug-and-Play-Prinzip: anziehen, einstellen, arbeiten. Das muss ohne lange Einweisung funktionieren.
Wie viel Forschung steckt in einem Exoskelett?
Sehr viel. Bevor ein Produkt auf den Markt kommt, durchläuft es zahlreiche Entwicklungs- und Testphasen. Zunächst werden Prototypen gebaut und biomechanisch untersucht. Dabei messen wir unter anderem über Sensorik, Videoanalysen und Elektromyografie, wie sich Muskelaktivität und Belastungen im Körper verändern. Wir wollen schließlich nicht nur eine Körperregion entlasten und dadurch ungewollt eine andere überlasten. Beispielsweise dürfen keine problematischen Scherkräfte entstehen, also Kräfte, die an einer anderen Stelle negativ auf den Körper wirken. Deshalb testen wir zunächst unter kontrollierten Bedingungen, anschließend mit kleineren Gruppen und später in der Praxis. In einer weiteren Stufe werden die Systeme bei ausgewählten Partnern im realen Arbeitsumfeld erprobt – nicht nur im Labor, sondern etwa in Produktionshallen oder auf Baustellen. Erst wenn die gemessene Entlastung, die Rückmeldungen der Nutzer und die Alltagstauglichkeit zusammenpassen, wird daraus ein marktfähiges Produkt.
Welche Rolle spielen Langzeitstudien?
Langzeitstudien spielen eine große Rolle. Kurzfristig lässt sich gut messen, ob ein System eine Belastung reduziert. Die entscheidende Frage lautet aber: Funktioniert das auch über Monate oder Jahre hinweg, ohne negative Nebenwirkungen? Deshalb begleiten Unternehmen und Forschungspartner die Nutzung teilweise langfristig – mit Sensorik, Fragebögen und Beobachtungen direkt am Arbeitsplatz. Wichtig ist dabei der Nachweis, dass die Entlastung dauerhaft bestehen bleibt, keine neuen Belastungen entstehen und die Beschäftigten das System tatsächlich gerne und regelmäßig verwenden. Denn die beste Technik hilft nichts, wenn sie nach wenigen Tagen im Spind liegt.
Viele kleinere Handwerksbetriebe dürften zunächst vor allem auf die Kosten schauen. Lohnt sich die Investition?
Das ist verständlich. Ein Betrieb mit zehn Mitarbeitenden kann nicht einfach für alle sofort mehrere tausend Euro ausgeben. Deshalb empfehlen wir, zunächst klein anzufangen: Systeme können getestet oder für einige Wochen ausgeliehen werden. Dann zeigt sich schnell, bei welchen Tätigkeiten und für welche Personen der Einsatz wirklich sinnvoll ist. Nicht jeder Beschäftigte benötigt zwangsläufig ein eigenes Gerät. Häufig werden Exoskelette ähnlich wie andere Arbeitsmittel geteilt. Dafür gibt es auswechselbare, waschbare Kontaktpolster, sodass jede Person ihr eigenes hygienisches Polster nutzen kann. So kann ein Betrieb etwa mit zwei oder vier Geräten starten und Erfahrungen sammeln.
Welche Vorteile hätte ein Unternehmen durch die Anschaffung von Exoskeletten?
Weniger körperliche Überlastung kann zu weniger Ausfallzeiten beitragen, die Planbarkeit verbessern und die Bindung an den Betrieb stärken. Gerade angesichts des Fachkräftemangels ist es ein wichtiges Signal, wenn Beschäftigte merken: Der Arbeitgeber investiert in ihre Gesundheit.
Warum ist Prävention dabei so entscheidend?
Weil man möglichst handeln sollte, bevor Beschwerden chronisch werden. Exoskelette sind für gesunde oder grundsätzlich arbeitsfähige Menschen gedacht, die bei belastenden Tätigkeiten unterstützt werden sollen. Sie sind keine medizinische Behandlung und kein Ersatz für ärztliche Versorgung. Das unterscheidet sie klar von Orthesen. Eine Orthese wird typischerweise eingesetzt, wenn bereits eine Verletzung oder Erkrankung vorliegt. Sie kann eine Körperregion ruhigstellen, damit sie heilen kann. Ein Exoskelett verfolgt dagegen einen präventiven Ansatz: Es soll Belastungen umverteilen, Bewegungen unterstützen und helfen, die Muskulatur im Arbeitsalltag aktiv zu halten.
Welche Entwicklung beobachten Sie derzeit im Handwerk, was Exosklette angeht?
Das Handwerk wird für uns immer wichtiger. Ursprünglich lag der Schwerpunkt von Exoskeletten auf Industrie und Logistik. Inzwischen sehen wir aber, dass die Nachfrage im Bau- und Ausbauhandwerk deutlich wächst. Dort gibt es viele körperlich anspruchsvolle, wechselnde Tätigkeiten, die sich nur begrenzt automatisieren lassen. Das beeinflusst unsere Produktentwicklung. Systeme müssen noch leichter, flexibler und robuster werden. Sie sollen Treppensteigen, Leiterarbeit, Knien, Sitzen und wechselnde Arbeitsorte ermöglichen – und sich dem Menschen anpassen, nicht umgekehrt.
Das deutsche Unternehmen Ottobock mit Suitx by Ottobock gehört zu den führenden Herstellern und Anbietern von Exoskeletten für das Handwerk in Deutschland. Weitere Hersteller und Anbieter sind unter anderem "hTRIUS", Festool, German Bionic, "exoIQ", Hunic, Auxivo, Noonee, Bioservo und Armon Products.